Traumafolgen und Gefühle, Teil 1: Verstört sein

Dieser Artikel ist Teil 1 von 8 der Artikel-Serie Traumafolgen und Gefühle

 

 

Die häufigste emotionale Folge einer traumatischen Erfahrung besteht darin, dass Menschen verstört sind und verstört wirken. Dies gilt insbesondere nach Gewalterfahrungen einschließlich sexueller Gewalt. Dieses Verstörtsein kann unterschiedlich benannt werden. Manche sagen: „Ich stehe neben mir.“ „Ich bin verpeilt.“ Oder: „Ich bin völlig durcheinander.“ Dieses Verstörtsein kann auch langfristig als Folge von traumatischen Gewalterfahrungen das Leben der betroffenen Menschen prägen.

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Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 2: Akzeptanz!?

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen

 

 

 

In einem Achtsamkeitsbuch heißt es: „Akzeptanz ist die für Achtsamkeit charakteristische wohlwollende Haltung allen Erfahrungen gegenüber. Dabei wird nichts bewertet und nichts abgelehnt. Man will auch nichts verändern und nichts anders haben, als es ist. Im Rahmen der Achtsamkeitspraxis wird diese Haltung der Akzeptanz nach innen im Selbstbezug, aber auch nach außen gegenüber der Umwelt geübt.“ (Weiss, H. et al: 2016. Das Achtsamkeitsbuch. Stuttgart. Seite 252). Diese Haltung ist charakteristisch für alle buddhistisch beeinflussten Achtsamkeitsangebote. Wir teilen sie nicht.

Sicherlich: Wenn mit Akzeptanz gemeint ist, dass wir akzeptieren sollten, dass wir bestimmte Erfahrungen gemacht haben und dass diese ein Teil des Lebens sind und uns immer noch beeinflussen, dann ist das richtig. Wir nennen diese Haltung: Würdigen, was ist. Auch traumatische Erfahrungen sind ein Teil des Lebens der Betroffenen und es gelingt auf Dauer nicht, sie zu ignorieren oder zu verdrängen. Zu akzeptieren, dass es sie gibt, ist hilfreich und notwendig.

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Aus aktuellem Anlass: „Die Kinder von Homburg“, ein Gastbeitrag von Dr. Claus Koch

Beitrag von Dr. Claus Koch

Mediziner waren sich Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in 20. Jahrhundert darin einig, dass ein Säugling als „Rückenmarksindividuum“ ohne jegliches subjektives Empfinden zur Welt kommt und man deswegen im Umgang mit ihm auf seine Schmerzempfindungen und Gefühle keine Rücksicht zu nehmen bräuchte. Eine Ansicht, die in der Pflege und medizinischen Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern noch weit bis in die 1950er-Jahre vertreten wurde. Nicht nur die willkürliche Trennung von Mutter und Kind blieb nach der Geburt gang gäbe, sondern auch der Umgang mit Kleinkindern und Kindern war von der „wissenschaftlichen“ Annahme geprägt, dass diese gegen die Folgen von psychischer Misshandlung und Missbrauch weitgehend immun seien, weil mehr oder weniger empfindungsunfähig und ohne Einsicht. „Das wächst sich aus“ war ein Satz, der vielen Eltern, Kinderpsychologen und Ärzten bei entsprechender Symptomatik damals schnell über die Lippen kam. Erst mit dem Beginn der Säuglingsforschung und dem Paradigmenwechsel in puncto Erziehung ab Mitte der 1960er Jahre änderte sich diese Einstellung grundlegend.

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Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 1: Trigger!?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Artikel-Serie Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen

 

 

 

Wir befürworten Achtsamkeitsübungen sehr und haben unser Konzept der Würde-Achtsamkeit im KLT-Journal auf der Webseite www.baer-frick-baer.de veröffentlicht. Die dreißigjährige Erfahrung mit Achtsamkeitseinheiten zeigt uns aber auch, dass Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen des besonderen Schutzes im Rahmen der Achtsamkeitsarbeit bedürfen. Leider ist dies zu wenig bekannt und wird in den zumeist buddhistisch geprägten Achtsamkeitsangeboten zu wenig bis gar nicht berücksichtigt. Deswegen ein Hinweis:

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 4: „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“

Unter dieser Überschrift klagte Kurt Eissler 1963 in der Zeitschrift  „Nervenarzt“ (17, (1963), S. 240–291) die psychiatrischen Behauptungen an, dass zum Beispiel KZ-Aufenthalte keine seelischen Folgen hervorrufen würden. Diese Theorie galt weiterhin, auch als 1967 in Deutschland Psychotherapie-Richtlinien verabschiedet wurden, die Leistungen der Krankenkassen für eine psychotherapeutische Behandlung seelischer Krankheiten vorsahen. Doch als Voraussetzung musste eine psychoanalytische oder verhaltensanalytische Entstehungsgeschichte dieser Krankheitsbilder gegeben sein.

„Äußere Belastungsfaktoren, seien sie auch in der allgemeinen Erfahrung von großem Gewicht, machen den Patienten nicht ohne weiteres seelisch krank.“ (Faber et al 1999, Seite 15, nach Maercker, Seite 8). Es mussten also unbewusste Konflikte gegeben sein. Das Überleben von Vergewaltigungen oder von Bombennächten reichte nicht. Dies galt vor allem für die psychoanalytische Richtung. In der Verhaltenstherapie stand eine andere Haltung.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 6: Parteilichkeit, Schutz und Schuldgefühle

Dieser Artikel ist Teil 6 von 9 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

 

 

Wer eine traumatisierende Situation erleben musste, war schutzlos, konnte sich nicht erfolgreich wehren, war Gewalt und anderem ausgesetzt. Diese Menschen brauchen in der unmittelbaren Zeit danach (und auch später) Schutz. Dieser Schutz sind Sie. Sagen Sie deshalb, zeigen Sie deshalb, vermitteln Sie deshalb: „Ich bin jetzt für Sie da. Ich passe auf Sie auf.“

Ein Schutz kann sich auch darin äußern, dass Sie parteilich sind, indem Sie zum Beispiel sagen: „Es ist Ihnen etwas Schlimmes passiert. Ich bin an Ihrer Seite!“ Oft wissen die betroffenen Menschen auch nicht mehr, wie alles genau passiert ist und gleichzeitig wiederholen sich Szenenfetzen in einer Endlosschleife. Hier darf noch nicht „aufgearbeitet“ werden, hier steht der Schutz im Vordergrund.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 3: Zwischen den Weltkriegen: die „Kriegszitterer“

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

Nach dem ersten Weltkrieg haben nach vorsichtigen Schätzungen über 600 000 Menschen alleine unter den deutschen Soldaten Trauma-Störungen erlitten. Dies wurde damals als Kriegsneurose oder Schell-Schock, manchmal auch als Zweckneurose bezeichnet. Letzteres, weil unterstellt wurde, dass die betroffenen Menschen simuliert haben mit dem Zweck, vom Kriegsdienst freigestellt zu werden oder später nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Renten zu erhalten. Umgangssprachlich wurden die Menschen meist als „Kriegszitterer“ bezeichnet.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 5: Nicht alleine lassen!

Dieser Artikel ist Teil 5 von 9 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

Wir haben schon beschrieben: Am schlimmsten ist das Alleinsein danach. Wenn ein/e Helfer/in, egal ob professionelle Notfallhilfe oder Freund oder Freundin, ein Opfer eines traumatisierenden Ereignisses begleitet, dann ist dies eine wesentliche Hilfe. In der unmittelbaren „Zeit danach“ brauchen fast alle Opfer, dass sie nicht allein sind.

Ein Heimleiter erzählte mir sehr stolz, dass er eine Mitarbeiterin, die von einem Heimbewohner angegriffen wurde, nach Hause geschickt hat, damit sie sich erholen kann. Das ist gut gemeint gewesen, aber nicht desto weniger falsch. Sinnvoll wäre gewesen zu fragen: „Zu wem können Sie jetzt gehen? Wer kann Sie abholen? Sie können hier bei mir solange warten, bis jemand kommt …“ Also: Lassen Sie die Person in einer solchen Situation nicht allein.

Manche helfenden Menschen denken, sie müssen etwas tun. Sie müssen reden, organisieren. Sie müssen trösten oder sonst irgendwie Betroffene unterstützen. Das kann alles für die einen richtig sein, für die anderen nicht. Entscheidend ist, dass die Opfer von Gewalt und anderen traumatisierenden Handlungen nicht alleine sind. Da reicht es auch zu schweigen. Still nebeneinander zu sitzen ist eine Hilfe. Diese Hilfe besteht darin, bei den Menschen zu sein. Das zählt. Das ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen.

Lesen Sie auch: Gabriele Frick-Baer:
Trauma- Am schlimmsten ist das Alleinsein danch
Semnos Verlag Berlin, 2013 – ISBN: 978-3-934933-38-5
Weitere Informationen: hier

 

Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 2: Vom „Eisenbahn-Rücken“ bis zur „traumatischen Neurose“

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

 

Dass traumatische Erfahrungen psychische Folgen haben, wurde lange Zeit abgestritten. Im Interesse der Mächtigen, im Interesse der Kranken- und Rentenversicherungen. Es lohnt sich, auf die Geschichte der schrittweisen Anerkennung von psycho-traumatologischen Folgen zu schauen, denn viele dieser Argumente und viele Aspekte dieses Kampfes um solche Anerkennung existieren noch heute.

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Sicherer Ort, Teil 3

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Sicherer Ort

 

 

 

Der nächste „sichere Ort“, den traumatisierte Menschen gewinnen können, sind Beziehungen. Denn traumatische Erfahrungen sind Beziehungserfahrungen. Es waren andere Menschen, die den betroffenen Leid zugefügt haben, die sie vergewaltigt, geschlagen und erniedrigt haben. Es waren andere Menschen, die Hilfeleistung unterlassen und die Opfer alleine gelassen haben. Die traumatischen Erfahrungen sind daher immer eine Beziehungskränkung.

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