Was sind Komplextraumata?

 

 

 

Es wird unterschieden zwischen Komplextraumatisierung und der posttraumatischen Belastungsstörungen als Folge von einem Monotrauma. Der Begriff Komplextraumata wurde von der amerikanischen Psychiaterin Judith Herman[1] eingeführt. In der ICD11, die 2022 in Kraft tritt und nach einer Übergangszeit bis 2022 die ICD 10 ersetzt, wird die komplexe posttraumatische Belastungsstörung erstmalig formuliert und aufgeführt. Sie wird als Folge traumatischer Ereignisse plus zusätzlich einer „langandauernden/wiederholten traumatischen Situation, aus der Flucht nicht möglich ist“, definiert. Als Symptome werden zusätzlich zu den aufgeführten Traumafolgen aufgeführt Störungen

  • im affektiven Funktionieren (Gewaltausbrüche, Dissoziationen unter Belastung, sehr starke emotionale Reaktionen …)
  • in Funktionen des Selbst (Selbsteinschätzung als schwach, wertlos, zerbrochen, generalisierte Scham- und Schuldgefühle)
  • in Beziehungsfunktionen (Schwierigkeiten, Beziehungen aufrecht zu erhalten und sich nahe zu fühlen)

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Am 30.11.2021 erscheint ein neues Buch von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer: Therapie und Würde – Sprachleib, Würde-Achtsamkeit, Bedeutungsüberhang… Kreative Leibtherapie Band 3

Sprachleib, Würde-Achtsamkeit,Bedeutungsüberhang …

Das Themenspektrum dieses Buches erstreckt sich von der Bedeutung der Sprache und der Poesie in der Zwischenleiblichkeit therapeutischer Begegnungen über das Konzept der Würde-Achtsamkeit sowie zentraler Begriffe wie dem großen UND bis zum Verständnis von Spiritualität im therapeutischen Kontext. Dieses Buch enthält Essays und Vorträge, die den Boden kreativ-leibtherapeutischer Arbeit erweitern, jeder und jedem für sich wertvolle Hilfen und Anregungen zu Themen würdigender Therapie anbieten und zur fachlichen und persönlichen Auseinandersetzung auffordern.

Ein Gewinn für alle, denen Würde ein zentraler Wert in der therapeutischen Theorie und Praxis ist.

 

Erscheinungsdatum: 30.11.2021
ISBN: 978-3-934933-58-3
Seiten: 210
Preis: 22 Euro

Vorbestellung: www.semnos.de

Zeugen sind wichtig!

 

 

 

In viele Situationen, in denen Menschen traumatisierende Gewalt erfahren, sind sie damit allein und es gibt keine Zeugen, vor allem bei sexueller bzw. sexualisierter Gewalt oder anderen Taten vor allem im familiären Raum. Wenn es Zeugen gibt, z.B. bei Gewalttaten auf der Straße oder in Gaststätten, auf dem Fußballplatz oder auf Konzerten, ist oft zu beobachten, dass viele Menschen die Taten mitbekommen, sich aber nicht als Zeug*innen zur Verfügung stellen. Sie fürchten Ärger und Aufwand. Sie ducken sich weg und befriedigen vielleicht ihre Neugier oder gar ihren Voyeurismus. Doch sie sind nicht bereit, der Polizei gegenüber als Zeuge aufzutreten.

Für die Opfer ist das schlimm. Denn sie haben so oft wenig Chancen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird und dass Täter bestraft werden. Oper brauchen Zeugen, die aussagen, was sie gesehen haben. Zeugenschaft ist Parteilichkeit für die Opfer. Zeugenschaft ist würdigende Solidarität.

Strafe?

 

 

Ein Mann, der von anderen zusammengeschlagen wurde, und noch ein Jahr danach an den Verletzungen und vor allem an dem traumatisierenden Schock leidet, erzählt: „Als jetzt endlich die Gerichtsverhandlung näher rückte, kamen die alten Erinnerungen wieder hoch. Ich hatte sie vorher schon etwas beiseitegeschoben, aber jetzt ging es wieder los. Und gleichzeitig war ich froh, dass es eine Gerichtsverhandlung gab. Mir war es wichtig, dass die Täter bestraft werden und ich Gerechtigkeit bekomme. Ich weiß, dass eine Strafe meine Leiden nicht ungeschehen machen kann. Aber trotzdem. Es war mir wichtig.“

Das hören wir oft. Dieses Anliegen der Gewaltopfer ist richtig und wichtig. Es ist berechtigt.

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Zeugenschaft

Manche Menschen, die Schlimmes erlebt haben und traumatisiert sind, zweifeln daran, ob sie ihren Erinnerungen trauen können. Oft leben sie nach dem traumatisierenden Ereignis allein und können sich darüber nicht mit anderen austauschen. Manchmal wurden die grauenvollen Erfahrungen verdrängt, so dass bloß noch die Gefühle, aber nicht mehr die kognitiven Erinnerungen übrigblieben. Im Laufe der Zeit verwischen sich die Erinnerungen. Die Menschen werden immer unsicherer.

In der Therapie und Beratung ist es dann wichtig, dass andere Menschen Zeugnis abgelegen. Zum Beispiel: „Ich weiß nicht, was damals genau passiert ist. Ich war nicht dabei. Aber ich sehe an Ihren Gefühlen und Ihren körperlichen Reaktionen, dass Sie leiden und dass damals etwas Schlimmes geschehen ist, auch wenn Sie nicht mehr genau wissen, was war. Ihre Reaktionen sind wahr. Das kann ich Ihnen bestätigen.“

Das schafft Sicherheit.

 

Störung: Was stört? Wer stört?

 

 

 

Der Begriff der „Störung“ zieht sich durch alle Bereiche der Definition psychischer Erkrankungen. Eine Alzheimer-Demenz wird ebenso als Störung bezeichnet wie aggressive Handlungen von Kindern, Wahnerkrankungen ebenso wie depressive Störungen. Und dann gibt es immer wieder als Sammelbegriff die „nicht näher bezeichnete Störung“ als eine Art Resterampe, unter die alles fällt, was vorher nicht klassifizierbar ist.

In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) wird auch deswegen gesagt: „Störung ist kein exakter Begriff.“[1] Entstanden ist die Bezeichnung Störung aus dem Bemühen, Begriffe wie „Krankheit“ oder „Erkrankung“ zu vermeiden. Diese Begriffe sind schwammig und offenbar nicht exakt definierbar.

Doch auch die Bezeichnung psychischer Störungen ist problematisch. Auf der Webseite der Psychiatrischen Klinik Viersen des Landschaftsverbandes Rheinland heißt es zum Beispiel: „Grundsätzlich werden als psychische Störung alle Erkrankungen bezeichnet, die erhebliche Abweichungen vom Erleben oder Verhalten psychisch (seelisch) gesunder Menschen zeigen und sich auf das Denken, das Fühlen und das Handeln auswirken können.“[2] Auch hier zeigt sich die Schwierigkeit des Begriffes. Wenn Störungen als Ersatzbezeichnung für Erkrankungen gelten sollen, können sie nicht als Erkrankungen definiert werden. Was bedeutet „erhebliche Abweichungen“ von dem Verhalten oder Erleben „psychisch gesunder Menschen“? Wer definiert, was psychisch gesund ist? Wenn ein Kind unruhig ist, weicht das vom Verhalten der üblichen Kinder ab? Wann? Wen stört es? Das Kind selbst oder die Umgebung?

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Anpassungsstörungen. Anpassung woran?

 

 

 

Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen erleben mussten, erhalten bei einer psychiatrischen oder therapeutischen Behandlung die Diagnose Anpassungsstörungen. Betrachten wir zunächst einmal die Definition im ICD-10. Hier heißt es: “Hier handelt es sich um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktonen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder bei Vorhandensein oder der drohenden Möglichkeit von schwerer körperlicher Krankheit auftreten. Die Belastung kann die Unversehrtheit des sozialen Netzes betroffen haben (bei einem Trauerfall oder Trennungserlebnis), das weitere Umfeld sozialer Unterstützung oder soziale Werte (wie bei Emigration oder nach Flucht).“[1]

Diese Definition ist sehr weit gefasst und bezieht sich also nicht nur auf traumatische Ereignisse. In dem Gebrauch dieser Definition sind uns zwei Aspekte begegnet. Der eine besteht in dem Begriff der „Anpassung“. Dieser ruft oft Widerstand bei den Menschen, die diese Diagnose erhalten, hervor. Sie fragen sich: Warum soll ich mich anpassen, wenn ich leide? Ist meine Trauer zu viel? Für wen? Für mich oder die andern? Wie kann jemand anders darüber entscheiden, wann ich mit meiner Trennung klarkomme oder nicht? Der Begriff der Anpassung impliziert die Forderung, etwas Gegebenes hinzunehmen. Zum Beispiel heißt es auf der Webseite www.neurologen-und-psychiater-im-netz.ork.: „Eine Anpassungsstörung tritt auf, wenn Menschen einen neu eingetretenen schwierigen psychischen oder physischen Zustand über einen längeren Zeitraum hinaus nicht akzeptieren können bzw. sich an die neue Lebenssituation nicht anpassen können.“

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Was tun bei »seltsamen« Gefühlen traumatisierter Kinder?, Teil 10: Sehnsucht

 

 

 

 

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können.

Wer durch eine traumatische Erfahrung »aus der Welt geworfen« oder in einen »Abgrund gestoßen« wurde, entwickelt oft eine Sehnsucht nach einer guten, heilen Welt. Diese Sehnsucht ist für Kinder überlebensnotwendig. Sie gibt ihnen Kraft und zeigt ihnen eine Überlebensperspektive. Weiter lesen

Was tun bei »seltsamen« Gefühlen traumatisierter Kinder?, Teil 9: Mitgefühl

 

 

 

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können

Das Mitgefühl ist die Fähigkeit, sich in das Leid und in die Freude anderer Menschen hineinzuversetzen. Lachen steckt an, genauso wie der Schmerz und das Weinen. Das Mitgefühl ist ein besonders wichtiges Gefühl für ein humanes Miteinander. Das Leid oder auch das mögliche Leid des anderen zu spüren, bremst die eigene Aggressivität und fördert die Solidarität. Alle Kinder verfügen über die Fähigkeit zum Mitgefühl, auch im Vorschulalter. Wie sie es leben und wie sie es umsetzen, das müssen sie lernen. Dafür brauchen sie gute Vorbilder durch uns Erwachsene. Weiter lesen

Was tun bei seltsamen Gefühlen traumatisierter Kinder, Teil 8: Einsamkeit

 

 

 

 

 

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können.

Viele Kinder fühlen sich phasenweise einsam. Sie vermissen einen Freund oder haben eine Freundin verloren. Manche fühlen sich unverstanden und mit ihrem Kummer alleine gelassen. Solche Phasen der Einsamkeitsgefühle kommen und gehen. Bei traumatisierten Kindern können sich Gefühle der Einsamkeit festsetzen und zu einem Dauerzustand werden, so dass die Kinder sehr stark unter diesem Gefühl leiden. Weiter lesen