Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 2: Akzeptanz!?

 

 

 

In einem Achtsamkeitsbuch heißt es: „Akzeptanz ist die für Achtsamkeit charakteristische wohlwollende Haltung allen Erfahrungen gegenüber. Dabei wird nichts bewertet und nichts abgelehnt. Man will auch nichts verändern und nichts anders haben, als es ist. Im Rahmen der Achtsamkeitspraxis wird diese Haltung der Akzeptanz nach innen im Selbstbezug, aber auch nach außen gegenüber der Umwelt geübt.“ (Weiss, H. et al: 2016. Das Achtsamkeitsbuch. Stuttgart. Seite 252). Diese Haltung ist charakteristisch für alle buddhistisch beeinflussten Achtsamkeitsangebote. Wir teilen sie nicht.

Sicherlich: Wenn mit Akzeptanz gemeint ist, dass wir akzeptieren sollten, dass wir bestimmte Erfahrungen gemacht haben und dass diese ein Teil des Lebens sind und uns immer noch beeinflussen, dann ist das richtig. Wir nennen diese Haltung: Würdigen, was ist. Auch traumatische Erfahrungen sind ein Teil des Lebens der Betroffenen und es gelingt auf Dauer nicht, sie zu ignorieren oder zu verdrängen. Zu akzeptieren, dass es sie gibt, ist hilfreich und notwendig.

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Aus aktuellem Anlass: „Die Kinder von Homburg“, ein Gastbeitrag von Dr. Claus Koch

Beitrag von Dr. Claus Koch

Mediziner waren sich Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in 20. Jahrhundert darin einig, dass ein Säugling als „Rückenmarksindividuum“ ohne jegliches subjektives Empfinden zur Welt kommt und man deswegen im Umgang mit ihm auf seine Schmerzempfindungen und Gefühle keine Rücksicht zu nehmen bräuchte. Eine Ansicht, die in der Pflege und medizinischen Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern noch weit bis in die 1950er-Jahre vertreten wurde. Nicht nur die willkürliche Trennung von Mutter und Kind blieb nach der Geburt gang gäbe, sondern auch der Umgang mit Kleinkindern und Kindern war von der „wissenschaftlichen“ Annahme geprägt, dass diese gegen die Folgen von psychischer Misshandlung und Missbrauch weitgehend immun seien, weil mehr oder weniger empfindungsunfähig und ohne Einsicht. „Das wächst sich aus“ war ein Satz, der vielen Eltern, Kinderpsychologen und Ärzten bei entsprechender Symptomatik damals schnell über die Lippen kam. Erst mit dem Beginn der Säuglingsforschung und dem Paradigmenwechsel in puncto Erziehung ab Mitte der 1960er Jahre änderte sich diese Einstellung grundlegend.

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Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 1: Trigger!?

 

 

 

Wir befürworten Achtsamkeitsübungen sehr und haben unser Konzept der Würde-Achtsamkeit im KLT-Journal auf der Webseite www.baer-frick-baer.de veröffentlicht. Die dreißigjährige Erfahrung mit Achtsamkeitseinheiten zeigt uns aber auch, dass Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen des besonderen Schutzes im Rahmen der Achtsamkeitsarbeit bedürfen. Leider ist dies zu wenig bekannt und wird in den zumeist buddhistisch geprägten Achtsamkeitsangeboten zu wenig bis gar nicht berücksichtigt. Deswegen ein Hinweis:

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Die dreifache Traumatisierung in der ehemaligen DDR

Was die Menschen in der ehemaligen DDR mit denen im Westen teilten, waren die traumatischen Erfahrungen von Krieg, Nationalsozialismus, Flucht und Vertreibung.

Hinzu kam in beiden Ländern die Traumatisierung der nächsten Generation. Überall wurde geschwiegen, in den Familien wie in der Gesellschaft. War es im Westen eher der Versuch, den Nationalsozialismus „vergessen“ zu machen und einen „Schlussstrich“ zu ziehen, durften im Osten zum Beispiel die Vergewaltigungen durch Soldaten der Sowjetarmee nicht erwähnt werden. Kein Makel durfte auf die „Befreier“ fallen. Dieses Schweigen wirkte wie eine Verlängerung der traumatischen Erfahrungen und hatte eine Traumaweitergabe an die nächsten Generationen zufolge.

Und eine dritte Traumatisierung kam in der damaligen DDR hinzu, wie mir beim Lesen des Buches „Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte“ des Historikers Andreas Petersen deutlich wurde.

Die Führungsschicht der SED und der neugegründeten DDR bestand aus den Kommunisten, die in den 30er Jahren in die Sowjetunion emigriert waren. Von den rund 8000 Emigranten in der SU überlebten nur 1400 Menschen. Die anderen wurden im Zuge der stalinistischen Säuberungen erschossen oder in Zwangsarbeitslager verbannt. Alle, buchstäblich alle, die überlebten, mussten ihre Genossen und Kameraden anschwärzen und denunzieren. Alle waren traumatisiert, Täter und Opfer zugleich. Darüber mussten sie den Mantel des Schweigens legen.

Diese dreifachen Traumatisierungswellen bestimmten das Klima.

Mutter und Tochter

Ein 13jähriges Mädchen beginnt, sich zu ritzen. Die Mutter war mit 14 Jahren vergewaltigt worden, hat darüber aber nie gesprochen. Kann das zusammenhängen?

Meine Vermutung ist, dass es Zusammenhänge geben kann, aber nicht muss. Einen Hinweis gibt uns die Erfahrung, dass Mädchen, die anfangen, sich selbst zu verletzen, zu ritzen, darüber zumeist Spannung abbauen. Sie wissen keinen anderen Weg, als über die Schmerzen ihre innere Anspannung zu verringern. Das berichten sie wiederholt.

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„Die Scham der Frauen und die Scham der Männer“, ein Interview mit Dr. Gabriele Frick-Baer

 

Wovor schämen sich Frauen besonders?

Die meisten Frauen schämen sich, wenn ihr Innerstes entblößt wird. Was das ist, ist individuell unterschiedlich, vielleicht wird das Tagebuch von jemandem Unbefugten gelesen oder eine andere Person sieht etwas am eigenen Körper, was nicht so vollkommen ist und verborgen bleiben soll. Vielleicht tritt Scham auf, wenn ein Fehler, der unentdeckt bleiben soll bemerkt wird. Andere schämen sich ihrer Armut oder Arbeitslosigkeit, schämen sich für Ihre Kinder, schämen sich bestimmter Krankheiten, z. B. ihrer Migräne und dergleichen mehr. Wovor und wobei sich Frauen schämen ist so vielfältig, wie die Menschen sind. Scham ist das Gefühl, das auftritt, wenn Intimes an die Öffentlichkeit gerät oder zu geraten droht. Scham macht darauf aufmerksam, ist also ein Wächter des Intimen Raums.

 

Schämen sich Männer anders?

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 9: Sachliche Hilfen

 

 

 

Manchmal sind die Menschen, die Sie in der Ersten Hilfe begleiten, nicht in der Lage, das was sie bewegt, zu teilen. Manchmal wirkt die Erstarrung nach und braucht Zeit, um langsam wieder aufzutauen. Dann ist es wichtig, dass Sie dies akzeptieren. Oft führt dann der erste Weg der Begleitung und der Begegnung darüber, dass über sachliche Hilfen gesprochen wird, und dass Sie in dieser Hinsicht Unterstützung anbieten können. Da fragt ein Vater, der seine Tochter bei einem Unfall verloren hat und sehr erschüttert ist, plötzlich: „Ich weiß gar nicht, wie man eine Beerdigung vorbereitet.“ Dann ist das Gespräch darüber der erste Schritt der Begegnung und Begleitung.

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Fakten, die erschrecken

Vor kurzem veröffentlichte die „Aufarbeitungskommission des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs“ einen Bericht, in dem sie die Berichte von rund 1700 betroffenen Menschen auswertete. Zu finden unter www.aufarbeitungskommission.de.

Herausstachen für mich drei Informationen, die ich teilen möchte:

  • Nur 5% der Täter/innen waren Fremdtäter. Die meisten aus Familie, sozialem Umfeld, Institutionen, also von Menschen, bei denen die Kinder Schutz und Vertrauen erwarten konnten.
  • 17 % der Erfahrungen sexueller Gewalt erfolgten in Institutionen, davon 37 % Kirchen und 24 % in Schulen.
  • 48 % der Kinder waren zu Beginn der Tatzeit jünger als 6 Jahre.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 8: Weich bleiben, auch sich selbst gegenüber

 

 

 

 

In der Ersten Hilfe für Menschen, die mögliche traumatisierende Ereignisse erlebt haben, helfen keine Schemata, keine Checklisten, keine to do-Aufzählungen … . Entscheidend ist, da zu sein. Menschen nicht alleine und damit im Stich zu lassen. Entscheidend ist, Verbindung aufzubauen. Ganz wesentlich ist es, weich zu bleiben. Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch reagiert anders. Das klingt banal, ist aber wichtig zu wissen und ernst zu nehmen.

Deshalb empfehlen wir: Bleiben Sie gegenüber den betroffenen Menschen weich. Achten Sie darauf, was die jeweilige Person in dem jeweiligen Moment braucht. Vielleicht kann sie dies äußern, wahrscheinlich aber nicht. Also sind Sie da auf Ihr Gespür angewiesen. Trauen Sie diesem Gefühl. Probieren Sie aus, was gelingt und was nicht.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 7: Zusammenbrüche, Erstarrung und Trauer

 

 

 

 

Manchmal brechen Menschen zusammen, wenn sie eine traumatische Erfahrung machen mussten. Dies geschieht besonders häufig, wenn Menschen eine Todesnachricht erhalten. Viele Menschen brechen dann buchstäblich zusammen. Sie können dann nicht mehr stehen, sondern sinken danieder oder fallen um, manche werden ohnmächtig, manche bekommen Schreikrämpfe, zittern oder schlagen um sich …

Wenn Menschen zusammenbrechen, brauchen sie Halt. Im Notfall auch eine Beruhigungsspritze von einem Notarzt. Vor allem brauchen sie von Ihnen als der Person, die versucht, Erste Hilfe zu leisten, dass sie gehalten werden. Dies kann buchstäblich darin bestehen, dass Sie sie aufrecht festhalten. Sie können auch, wenn die Opfer schon auf dem Boden liegen oder sitzen, sich auf Augenhöhe dazusetzen, sie fest halten an den Füßen, am Oberkörper, am Kopf, wo auch immer. Selbstverständlich nur da, wo es auch akzeptiert wird. Wenn das verbal nicht geschehen kann, spüren Sie es, ob sich Menschen gegen Ihre Berührungen wehren oder nicht. Wenn Berührung nicht möglich ist, dann halten Sie sie fest mit Ihren Blicken und vor allem mit Ihrer Stimme. Reden Sie beruhigend und kontinuierlich. Schaffen Sie mit Ihrer Stimme einen Raum der Geborgenheit um die betroffene Person und Sie herum.

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