Zeugenschaft

Manche Menschen, die Schlimmes erlebt haben und traumatisiert sind, zweifeln daran, ob sie ihren Erinnerungen trauen können. Oft leben sie nach dem traumatisierenden Ereignis allein und können sich darüber nicht mit anderen austauschen. Manchmal wurden die grauenvollen Erfahrungen verdrängt, so dass bloß noch die Gefühle, aber nicht mehr die kognitiven Erinnerungen übrigblieben. Im Laufe der Zeit verwischen sich die Erinnerungen. Die Menschen werden immer unsicherer.

In der Therapie und Beratung ist es dann wichtig, dass andere Menschen Zeugnis abgelegen. Zum Beispiel: „Ich weiß nicht, was damals genau passiert ist. Ich war nicht dabei. Aber ich sehe an Ihren Gefühlen und Ihren körperlichen Reaktionen, dass Sie leiden und dass damals etwas Schlimmes geschehen ist, auch wenn Sie nicht mehr genau wissen, was war. Ihre Reaktionen sind wahr. Das kann ich Ihnen bestätigen.“

Das schafft Sicherheit.

 

Störung: Was stört? Wer stört?

 

 

 

Der Begriff der „Störung“ zieht sich durch alle Bereiche der Definition psychischer Erkrankungen. Eine Alzheimer-Demenz wird ebenso als Störung bezeichnet wie aggressive Handlungen von Kindern, Wahnerkrankungen ebenso wie depressive Störungen. Und dann gibt es immer wieder als Sammelbegriff die „nicht näher bezeichnete Störung“ als eine Art Resterampe, unter die alles fällt, was vorher nicht klassifizierbar ist.

In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) wird auch deswegen gesagt: „Störung ist kein exakter Begriff.“[1] Entstanden ist die Bezeichnung Störung aus dem Bemühen, Begriffe wie „Krankheit“ oder „Erkrankung“ zu vermeiden. Diese Begriffe sind schwammig und offenbar nicht exakt definierbar.

Doch auch die Bezeichnung psychischer Störungen ist problematisch. Auf der Webseite der Psychiatrischen Klinik Viersen des Landschaftsverbandes Rheinland heißt es zum Beispiel: „Grundsätzlich werden als psychische Störung alle Erkrankungen bezeichnet, die erhebliche Abweichungen vom Erleben oder Verhalten psychisch (seelisch) gesunder Menschen zeigen und sich auf das Denken, das Fühlen und das Handeln auswirken können.“[2] Auch hier zeigt sich die Schwierigkeit des Begriffes. Wenn Störungen als Ersatzbezeichnung für Erkrankungen gelten sollen, können sie nicht als Erkrankungen definiert werden. Was bedeutet „erhebliche Abweichungen“ von dem Verhalten oder Erleben „psychisch gesunder Menschen“? Wer definiert, was psychisch gesund ist? Wenn ein Kind unruhig ist, weicht das vom Verhalten der üblichen Kinder ab? Wann? Wen stört es? Das Kind selbst oder die Umgebung?

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Anpassungsstörungen. Anpassung woran?

 

 

 

Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen erleben mussten, erhalten bei einer psychiatrischen oder therapeutischen Behandlung die Diagnose Anpassungsstörungen. Betrachten wir zunächst einmal die Definition im ICD-10. Hier heißt es: “Hier handelt es sich um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktonen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder bei Vorhandensein oder der drohenden Möglichkeit von schwerer körperlicher Krankheit auftreten. Die Belastung kann die Unversehrtheit des sozialen Netzes betroffen haben (bei einem Trauerfall oder Trennungserlebnis), das weitere Umfeld sozialer Unterstützung oder soziale Werte (wie bei Emigration oder nach Flucht).“[1]

Diese Definition ist sehr weit gefasst und bezieht sich also nicht nur auf traumatische Ereignisse. In dem Gebrauch dieser Definition sind uns zwei Aspekte begegnet. Der eine besteht in dem Begriff der „Anpassung“. Dieser ruft oft Widerstand bei den Menschen, die diese Diagnose erhalten, hervor. Sie fragen sich: Warum soll ich mich anpassen, wenn ich leide? Ist meine Trauer zu viel? Für wen? Für mich oder die andern? Wie kann jemand anders darüber entscheiden, wann ich mit meiner Trennung klarkomme oder nicht? Der Begriff der Anpassung impliziert die Forderung, etwas Gegebenes hinzunehmen. Zum Beispiel heißt es auf der Webseite www.neurologen-und-psychiater-im-netz.ork.: „Eine Anpassungsstörung tritt auf, wenn Menschen einen neu eingetretenen schwierigen psychischen oder physischen Zustand über einen längeren Zeitraum hinaus nicht akzeptieren können bzw. sich an die neue Lebenssituation nicht anpassen können.“

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Was tun bei »seltsamen« Gefühlen traumatisierter Kinder?, Teil 10: Sehnsucht

 

 

 

 

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können.

Wer durch eine traumatische Erfahrung »aus der Welt geworfen« oder in einen »Abgrund gestoßen« wurde, entwickelt oft eine Sehnsucht nach einer guten, heilen Welt. Diese Sehnsucht ist für Kinder überlebensnotwendig. Sie gibt ihnen Kraft und zeigt ihnen eine Überlebensperspektive. Weiter lesen

Was tun bei »seltsamen« Gefühlen traumatisierter Kinder?, Teil 9: Mitgefühl

 

 

 

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können

Das Mitgefühl ist die Fähigkeit, sich in das Leid und in die Freude anderer Menschen hineinzuversetzen. Lachen steckt an, genauso wie der Schmerz und das Weinen. Das Mitgefühl ist ein besonders wichtiges Gefühl für ein humanes Miteinander. Das Leid oder auch das mögliche Leid des anderen zu spüren, bremst die eigene Aggressivität und fördert die Solidarität. Alle Kinder verfügen über die Fähigkeit zum Mitgefühl, auch im Vorschulalter. Wie sie es leben und wie sie es umsetzen, das müssen sie lernen. Dafür brauchen sie gute Vorbilder durch uns Erwachsene. Weiter lesen

Was tun bei seltsamen Gefühlen traumatisierter Kinder, Teil 8: Einsamkeit

 

 

 

 

 

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können.

Viele Kinder fühlen sich phasenweise einsam. Sie vermissen einen Freund oder haben eine Freundin verloren. Manche fühlen sich unverstanden und mit ihrem Kummer alleine gelassen. Solche Phasen der Einsamkeitsgefühle kommen und gehen. Bei traumatisierten Kindern können sich Gefühle der Einsamkeit festsetzen und zu einem Dauerzustand werden, so dass die Kinder sehr stark unter diesem Gefühl leiden. Weiter lesen

Trauma und Würde: Ungelebtes Leben

Traumatische Erfahrungen führen oft dazu, dass manches Leben nicht gelebt werden kann. Den Begriff des „ungelebten Lebens“ hat Victor von Weizsäcker in die Medizin und Therapie eingeführt. Er entspringt eigentlich einer Alltagserfahrung. Wenn wir Menschen uns für einen Partner oder eine Partnerin entscheiden, entscheiden wir uns gegen das Single-Dasein oder gegen eine andere Partnerin oder einen anderen Partner. Wenn wir ins Kino gehen, entscheiden wir uns dagegen, essen zu gehen oder ein Buch zu lesen. Wenn wir einen Beruf ergreifen, entscheiden wir uns gegen einen anderen Beruf.

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Trauma und Würde: Ablenken?

Manche Menschen empfehlen, dass traumatisierte Menschen sich möglichst ablenken, um nicht mit den Trauma-Erinnerungen und Trauma-Folgen konfrontiert zu sein. Andere sagen, dass Ablenkung nichts hilft, dass man sich mit den Trauma-Folgen auseinandersetzen muss. Beides ist richtig, oder besser gesagt: kann richtig sein.

Wer ein Trauma bewältigen möchte, kommt irgendwann nicht umhin, sich mit den traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Dies sollte aber nicht allein geschehen, sondern mit guter und möglichst kompetenter Unterstützung. Dabei sollte man die Erfahrung machen, dass man dem Trauma begegnen kann, aber nicht darin stecken bleibt. Es ist wichtig zu erleben, dass man sich nur allein damit auseinandersetzen muss, sondern dass man in der Not nicht allein ist und mit Begleitung aus dem Trauma-Erleben wieder herauskommen kann.

Doch eine Trauma-Begegnung im Rahmen eines therapeutischen oder ähnlichen Bewältigungsprozesses ist selbstverständlich weder immer möglich noch dauerhaft sinnvoll. Der Wunsch eines jeden Menschen, der eine traumatisierende Erfahrung machen musste, sich von diesen Erinnerungen zu befreien und ihnen nicht immer wieder ausgesetzt zu sein, ist berechtigt. Da kann es helfen, die Ebene des Erlebens zu wechseln und sich abzulenken. Wie das gelingen kann, dafür gibt es keine Rezepte. Das muss jede Person selbst für sich herausfinden. Manche hören Musik, andere unternehmen körperliche Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Joggen. Wieder andere brauchen Begegnung mit anderen Menschen. Also Ablenkung ist an sich weder gut noch schlecht, sondern es kommt oft auf den Moment und die Situation an und immer auf die einzelne Person.

Wenn Ablenkungen nicht mehr gelingen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass eine therapeutische Begleitung notwendig oder zumindest sinnvoll ist.

Trauma – Trost und Talisman, ein Beitrag von Dr. Gabriele Frick-Baer

Woran erkenne ich, dass in alten Menschen Kriegs- und andere Trauma lebendig werden

Sie kennen solche Situationen und Szenen aus ihrem Arbeitsalltag bestimmt, zumindest so ähnlich: Da ist die alte Frau, die unablässig den Flur auf und ab läuft, voller verzweifelter Unruhe. Wenn die Pflegerin sie auf ihr Zimmer bringen will mit den wohlmeinenden Worten: „Mein Gott, Frau G. das kann man ja nicht mit ansehen, wenn sie weiter so hier herumrennen, dann fallen sie uns ja noch tot um. Das wollen wir doch nicht. Nun setzten sie sich doch mal hin“, dann bekommt sie einen Widerstand zu spüren, von der alten Frau, eine Kraft, von der sie nie gedacht hätte, dass sie die alte Frau haben könnte.

Oder: Da ist der alte Mann, der nachts schreiend aufwacht. Wenn die Pflegerin in sein Zimmer rennt, findet sie einen Mann, der vollkommen in sich zusammen gekauert ist, mit dem Gesicht zur Wand im Bett liegt und schreit. Zusammengekrümmt – obwohl sein Rückgrat am Tag stocksteif und unbeweglich ist.

Oder: Da ist die alte Frau, die immer wenn der Pfleger morgens ins Zimmer kam und sie aufweckte, zu wimmern anfing, leise und kläglich. Er tat das natürlich irgendwann nicht mehr, als sich herausstellte, dass seinen Kolleginnen das nicht passierte. Obwohl er natürlich gekränkt war, da sie sich sonst in allen anderen Situationen ausgezeichnet verstanden. Sie hatten ein fast liebevolles Verhältnis zu einander.

Er verstand die Welt nicht mehr – und sie auch nicht.

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