Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 5: Nicht alleine lassen!

 

Wir haben schon beschrieben: Am schlimmsten ist das Alleinsein danach. Wenn ein*e Helfer*in, egal ob professionelle Notfallhilfe oder Freund oder Freundin, ein Opfer eines traumatisierenden Ereignisses begleitet, dann ist dies eine wesentliche Hilfe. In der unmittelbaren „Zeit danach“ brauchen fast alle Opfer, dass sie nicht allein sind.

Ein Heimleiter erzählte mir sehr stolz, dass er eine Mitarbeiterin, die von einem Heimbewohner angegriffen wurde, nach Hause geschickt hat, damit sie sich erholen kann. Das ist gut gemeint gewesen, aber nicht desto weniger falsch. Sinnvoll wäre gewesen zu fragen: „Zu wem können Sie jetzt gehen? Wer kann Sie abholen? Sie können hier bei mir solange warten, bis jemand kommt …“ Also: Lassen Sie die Person in einer solchen Situation nicht allein.

Manche helfenden Menschen denken, sie müssen etwas tun. Sie müssen reden, organisieren. Sie müssen trösten oder sonst irgendwie Betroffene unterstützen. Das kann alles für die einen richtig sein, für die anderen nicht. Entscheidend ist, dass die Opfer von Gewalt und anderen traumatisierenden Handlungen nicht alleine sind. Da reicht es auch zu schweigen. Still nebeneinander zu sitzen ist eine Hilfe. Diese Hilfe besteht darin, bei den Menschen zu sein. Das zählt. Das ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen.

Lesen Sie auch: Gabriele Frick-Baer:

Kreative Traumatherapie. Kreative Leibtherapie, Band 10
Trauma, die „Zeit danach“ und das Aufrichten in Würde

Semnos Verlag Berlin, 2023 – ISBN: 978-3-934933-60-6
Weitere Informationen: hier

 

 

Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 4: Nicht drängen, nicht drängeln

 

 

 

Oft wissen oder ahnen die Helferinnen und Helfer nach traumatisierenden Situationen, was den betroffenen Menschen guttun könnte. Doch entscheidend ist, dass sie nicht drängen und auch nicht drängeln. Denn die Menschen, um die es hier geht, haben eine extreme Belastung erfahren. Sie wurden bedrängt, durch Gewalt oder sexuelle Gewalt, durch Unglück oder andere schlimme Erfahrungen. Deswegen ist es wesentlich, dass sie Unterstützung in ihrer Autonomie erfahren und dass ihre Entscheidungsfähigkeit respektiert wird.

Weiter lesen

Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 3: Stress triggert !

 

 

 

 

 

Die Volksweisheit sagt: „Wer einen Fahrradunfall hatte, sollte sofort wieder auf das Fahrrad steigen.“ Oder: „Wer vom Pferd gefallen ist, soll sofort weiter reiten.“ Diese Ratschläge sind für die meisten Menschen, die traumatischen Ereignissen ausgesetzt wurden, falsch.

Im Einzelfall kann dies eine Bewältigungsstrategie sein, doch all unsere Erfahrungen zeigen, dass Menschen, die traumatische Ereignisse durchlitten haben, danach eine Pause benötigen. Sie kann eine Woche dauern oder drei Tage, bei manchen auch zwei bis drei Wochen oder eine noch längere Zeit. Dies ist individuell unterschiedlich. In jedem Fall ist es wichtig, dass die Menschen Zeit und Raum bekommen, um sich wieder zu sortieren, wieder Boden unter den Füßen zu spüren, sich zu erholen.

Weiter lesen

Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 1: Welchen Stellenwert hat die Erste Hilfe?

Die Erste Hilfe nach traumatischen Ereignissen ist ein wesentlicher Bestandteil der Unterstützung. Sie beeinflusst im wesentlichen Maße, ob und wie traumatische Erfahrungen bearbeitet und verarbeitet werden können. Das hat verschiedene Gründe.

Der erste Grund liegt darin, dass die „Zeit danach“ dafür entscheidend ist, ob ein Trauma bewältigt werden kann oder ob es chronische Folgen gibt. Die Untersuchungen vor allem von Gabriele Frick-Baer[1] haben ergeben, dass die meisten Menschen, die traumatische Ereignisse durchleben mussten, sich in der Zeit danach alleine und alleine gelassen fühlten.

Weiter lesen

Stolz und Trauma-Erfahrungen

„Sei nicht so stolz“, das haben viele von Ihnen bestimmt gehört, zumindest als Kinder. „Darauf kannst du stolz sein“, werden auch einige gehört haben, doch eine deutlich kleine Anzahl.

„Stolz“ hat mehrere Bedeutungen, ist ein schillernder Begriff. Oft wird er mit Überheblichkeit gleichgesetzt und so abgelehnt. Doch stolz zu sein ist unserer Meinung nach positiv, eine wertvolle Eigenschaft, ein wichtiges Gefühl. Wer sich stolz fühlt, nimmt sich und seine Taten als positiv an, akzeptiert, dass er oder sie etwas geschafft, etwas erreicht hat. Dies stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl.

Weiter lesen

Fluch und Segen des Traumagedächtnisses

Zu den leidvollen Folgen traumatischen Erlebens gehört, dass viele betroffenen Menschen von Erinnerungen an das Vergangene überflutet werden. Oft geschieht das plötzlich und sie fühlen sich dem ausgeliefert. Bei anderen Menschen sind die Brücken zwischen dem traumatischen Ereignis, das Angst hervorgerufen hat, und der Angst, die Jahre später immer wieder kommt, eingebrochen. Die aktuelle Angst wird nicht mehr mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung gebracht, ja manchmal ist sogar dieses Ereignis vergessen, so dass nur noch die Angstattacken als Spitze des Einbergs vorhanden sind. All diese Phänomene scheinen unerklärlich zu sein, doch sie werden verstehbar und verständlich, wenn man sich mit den verschiedenen Aspekten des Gedächtnisses und insbesondere des Traumagedächtnisses beschäftigt.

Weiter lesen

„Die andern sind anders.“

Fremdsein und Trauma 3

„Die andern sind anders“, sagt ein traumatisierter junger Mann. „Ich habe etwas erlebt, was die andern nicht kennen. Die fragen mich manchmal. Aber wenn ich erzähle, denke ich, dass das die andern gar nicht interessiert. Die wollen das nicht wirklich wissen. Verstehen kann das ja nur jemand, der es wirklich kennt. Ich hab aufgegeben.“

Weiter lesen

Trauma, Alleinsein, Einsamkeit

Nach einer traumatischen Erfahrung können manche Menschen nicht mehr allein sein. Sie waren in der traumatischsten Situation allein und konnten sich allein nicht gegen die Gewalt, oft sexualisierte Gewalt wehren. Also meiden sie das Alleinsein. Verständlich.

Doch bei vielen anderen geht das Verhalten in die andere Richtung. Der Kreis des gelebten sozialen Feldes eng sich ein: Es gibt weniger Besuche. Auch Anrufe werden manchmal nicht mehr gern beantwortet oder angenommen. Die sozialen Kontakte reduzieren sich. Für viele ist das unverständlich.

Weiter lesen