Trauma und Würde: Ablenken?

Manche Menschen empfehlen, dass traumatisierte Menschen sich möglichst ablenken, um nicht mit den Trauma-Erinnerungen und Trauma-Folgen konfrontiert zu sein. Andere sagen, dass Ablenkung nichts hilft, dass man sich mit den Trauma-Folgen auseinandersetzen muss. Beides ist richtig, oder besser gesagt: kann richtig sein.

Wer ein Trauma bewältigen möchte, kommt irgendwann nicht umhin, sich mit den traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Dies sollte aber nicht allein geschehen, sondern mit guter und möglichst kompetenter Unterstützung. Dabei sollte man die Erfahrung machen, dass man dem Trauma begegnen kann, aber nicht darin stecken bleibt. Es ist wichtig zu erleben, dass man sich nur allein damit auseinandersetzen muss, sondern dass man in der Not nicht allein ist und mit Begleitung aus dem Trauma-Erleben wieder herauskommen kann.

Doch eine Trauma-Begegnung im Rahmen eines therapeutischen oder ähnlichen Bewältigungsprozesses ist selbstverständlich weder immer möglich noch dauerhaft sinnvoll. Der Wunsch eines jeden Menschen, der eine traumatisierende Erfahrung machen musste, sich von diesen Erinnerungen zu befreien und ihnen nicht immer wieder ausgesetzt zu sein, ist berechtigt. Da kann es helfen, die Ebene des Erlebens zu wechseln und sich abzulenken. Wie das gelingen kann, dafür gibt es keine Rezepte. Das muss jede Person selbst für sich herausfinden. Manche hören Musik, andere unternehmen körperliche Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Joggen. Wieder andere brauchen Begegnung mit anderen Menschen. Also Ablenkung ist an sich weder gut noch schlecht, sondern es kommt oft auf den Moment und die Situation an und immer auf die einzelne Person.

Wenn Ablenkungen nicht mehr gelingen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass eine therapeutische Begleitung notwendig oder zumindest sinnvoll ist.

Trauma – Trost und Talisman, ein Beitrag von Dr. Gabriele Frick-Baer

Woran erkenne ich, dass in alten Menschen Kriegs- und andere Trauma lebendig werden

Sie kennen solche Situationen und Szenen aus ihrem Arbeitsalltag bestimmt, zumindest so ähnlich: Da ist die alte Frau, die unablässig den Flur auf und ab läuft, voller verzweifelter Unruhe. Wenn die Pflegerin sie auf ihr Zimmer bringen will mit den wohlmeinenden Worten: „Mein Gott, Frau G. das kann man ja nicht mit ansehen, wenn sie weiter so hier herumrennen, dann fallen sie uns ja noch tot um. Das wollen wir doch nicht. Nun setzten sie sich doch mal hin“, dann bekommt sie einen Widerstand zu spüren, von der alten Frau, eine Kraft, von der sie nie gedacht hätte, dass sie die alte Frau haben könnte.

Oder: Da ist der alte Mann, der nachts schreiend aufwacht. Wenn die Pflegerin in sein Zimmer rennt, findet sie einen Mann, der vollkommen in sich zusammen gekauert ist, mit dem Gesicht zur Wand im Bett liegt und schreit. Zusammengekrümmt – obwohl sein Rückgrat am Tag stocksteif und unbeweglich ist.

Oder: Da ist die alte Frau, die immer wenn der Pfleger morgens ins Zimmer kam und sie aufweckte, zu wimmern anfing, leise und kläglich. Er tat das natürlich irgendwann nicht mehr, als sich herausstellte, dass seinen Kolleginnen das nicht passierte. Obwohl er natürlich gekränkt war, da sie sich sonst in allen anderen Situationen ausgezeichnet verstanden. Sie hatten ein fast liebevolles Verhältnis zu einander.

Er verstand die Welt nicht mehr – und sie auch nicht.

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Schenken Sie anderen Menschen Antworten. Ein Gastbeitrag von Frau Lydia Arndt

Es ist mir ein Herzensanliegen über dieses Thema zu schreiben, weil es mich auch selbst immer mal wieder betrifft.

Kennen Sie dieses Gefühl nicht beantwortet zu werden? Es taucht in beruflichen Kontexten ebenso gerne auf, wie in privaten. Sie stellen eine Frage oder treten in Verhandlungen und bekommen von Ihrem Gegenüber keine Antwort.

Mir ist es im letzten Jahr im Kontakt mit einer Institution begegnet, der ich meine Fortbildungen angeboten habe. Es fanden freundliche und interessierte Gespräche statt, mit der Absprache sich zu melden. Es kam keine Rückmeldung. Auch auf Nachfrage durch eine Email gab es keine Antwort.

Was löst ein solches Unbeantwortet bleiben aus? Zunächst mal Irritation, dann Unverständnis. Und ob wir wollen oder nicht, auch Verunsicherung.

Für mich gilt, eine Antwort die schmerzhaft ist, ist besser als keine.

Menschen zu Beantworten ist eine Menschenpflicht. Warum?

Weil wir zutiefst auf Antworten angewiesen sind.

Von Anfang an.

Auch in Liebesbeziehungen gibt es diese Situationen, dass der Eine lieber nach hinten ausweicht, als stehen zu bleiben und aufrichtiges Gegenüber zu sein. Nicht beantwortet zu werden, schmerzt mehr als eine schmerzliche Antwort.

Manchmal gibt es tatsächlich noch keine eindeutige Antwort oder man ist nicht in der richtigen Verfassung für eine passende Antwort. Auch dann gibt es wertschätzende Möglichkeiten:

“Es tut mir leid, jetzt gerade kann ich nicht. Können wir morgen nochmal sprechen. Gib mir ein wenig Zeit.”

Und schon kann mein Gegenüber spüren, dass ich es ernst nehme und wertschätze. Probieren Sie es mal aus.

Das Gleiche gilt auch in beruflichen Kontexten. Wir wissen heute, dass arbeitslose Menschen vielfach unter Stresssymptomen leiden. Sie leben mit vielen Unsicherheiten, die zu Stressreaktionen führen. Und sie leben mit dem tiefen Wunsch einen Arbeitsplatz zu finden. Wieder dazuzugehören. Sie bieten sich an. Sie versenden Bewerbungen, zeigen sich und packen aus.

Die Erfahrung zeigt, viele dieser mit Hoffnungen gefüllten Bewerbungen werden gar nicht beantwortet. Die Menschen wollen Begegnungen und Rückmeldungen und bleiben vielfach in der Leere stehen. Das tut nicht gut. Um nicht zu sagen, es kann krank machen, weil es kränkt.

Nicht beantwortet zu werden geht uns Menschen an den Wert, an die Würde und unter die Haut. Es ist würdelos, um eine Antwort zu bitten und keine zu erhalten.

Und es sind zutiefst menschliche Gefühle. Wir Menschen brauchen uns. Machen wir uns nichts vor.

Wir brauchen es gesehen und gehört zu werden. Und wenn wir eine Frage, in den Begegnungsraum stellen, haben wir alle ein Recht auf eine Antwort. Für all diejenigen von uns, denen es schwer fällt unangenehme Antworten zu geben ist dieser Blogbeitrag. Und natürlich auch für all diejenigen, die in der Warteschleife sitzen geblieben sind. Fassen wir uns ein Herz, formulieren wir aufrichtige Antworten wohlwollend und schenken wir unseren Mitmenschen die Erfahrung eines wertschätzenden Gegenübers. Und andersherum: Wenn Sie auf eine Antwort warten, seien Sie mutig und sprechen Sie an, wie es Ihnen, mit dem Unbeantwortet sein, geht.

Muten wir uns zu. Es ist Beziehungsarbeit, an der wir wachsen.

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„Ich bin immer wieder fassungslos“

Fassungslos zu sein, ist eine häufige Wegbegleiterin traumatisierter Menschen. Und nicht nur dieser. Vieles, was auf der Welt geschieht, macht mich fassungslos. Was manche Menschen anderen Menschen antun, macht mich fassungslos. Dass viele Menschen, nicht nur Politiker*innen, bei Entwürdigungen wegschauen, macht fassungslos. Ich bin dann entsetzt, denke: „Das kann doch nicht wahr sein!“, und verliere meine „Fassung“.

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Gegen Druck hilft drücken !

 

Viele traumatisierte Menschen leiden unter Druck. Zu viele Anforderungen gibt es, die Druck machen. Und unterschwellig ist für manche ein Dauerdruck spürbar. Denn sie haben Bedrückendes erleben müssen. Es macht auch Druck, immer wieder auf Trigger zu achten und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Immer wieder Kraft aufzuwenden, aufrecht durchs Leben zu gehen und die individuellen Traumafolgen zu bewältigen. So kann Druck ein ständiger Lebensbegleiter werden.

Gegen Druck hilft drücken – das ist meine Erfahrung und die vieler anderer. Drücken Sie einen Menschen oder lassen Sie sich drücken. Und wenn keiner gerade in Reichweite ist, dann Ihren Hund, Ihre Katze, Ihr Lieblingsstofftier oder etwas anderes. Drücken und gedrückt werden erleichtert und entspannt. Probieren Sie es aus.

 

„Ich bin so dünnhäutig“

 

Viele Menschen mit traumatischen Erfahrungen erleben sich selbst als „dünnhäutig“. Wenn sie etwas verletzt, reagieren sie oft als „überempfindlich“ – in ihren Augen und in denen anderer. Wenn sie Zeitung lesen oder Nachrichten im Fernsehen oder Internet anschauen, empören sie sich und spüren intensives Mitgefühl bei den täglichen Katastrophenbildern.

All dies kann eine Folge traumatischer Erfahrungen sein. Wer traumatisierende Gewalt erfahren hat, musste erleben, dass seine Grenzen verletzt, seine Schutzschicht durchstoßen wurde. Besonders wenn dies mehrmals passiert und durch andere Verletzungen ergänzt wird, führt dies dazu, dass die betroffenen Menschen in besonderer Weise anderes Leid als ihres spüren und ihre Schutzhaut „dünner“ wird.

Diesen Zusammenhang zu erkennen, ist für viele hilfreich. Die „Dünnhäutigkeit“ kann eine Traumafolge sein. Also gilt es zu würdigen, was ist. Dazu gehört anzuerkennen, dass die Dünnhäutigkeit auch eine Kompetenz ist. Insbesondere in helfenden Berufen, aber auch im Alltag sind solche Menschen in besonderem Maße in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und mitzufühlen. So positiv dies ist, so nervend kann die Dünnhäutigkeit auch manchmal sein. Kurzfristige Hilfen kenne ich nicht. Doch mittelfristig kann man einiges tun. Die Zusammenhänge zu erkennen, ist der erste Schritt. Mir und anderen hilft auch, mich manchen Menschen nicht mehr auszusetzen. Ich kann weitgehend wählen, mit wem ich zusammen bin. Ich schaue auch am Abend, zumindest vor dem Schlafen, keine Nachrichten mehr. Und wenn ich Filme schaue, achte ich darauf, dass sie keine oder möglichst schwache Gewaltszenen enthalten. Also ich versuche mich zu schützen.

Ergänzend hilft alles, was den Eigen-Sinn stärkt. Zu wählen, was man wie isst, mit wem man zusammen ist, was man sich wünscht und die eigenen Impulse möglichst wahrzunehmen und zu achten, ist hilfreich. Wie das am besten gelingt, wird jeder Mensch selbst herausfinden.

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 4: Kulturelle Unterschiede

Es wird manchmal vermutet oder unterstellt, dass Kinder, die an traumatischen Erfahrungen leiden und aus anderen als der einheimischen Kultur kommen, anders damit umgehen oder gar die Schreckenserfahrungen anders spüren. Dazu sind einige Anmerkungen notwendig.

Erstens ist es mir wichtig zu betonen, dass menschliches Leid alle Menschen gleich betrifft. Ob ein Kind in Dresden oder in Aleppo geschlagen wird, ob es in Beirut oder München vergewaltigt wird, ob es seine Geschwister durch Bombenangriffe in der Ukraine oder in Afghanistan verliert – es ist das gleiche Blut das fließt; es ist der gleiche Schmerz, der gespürt wird; es ist die gleiche Not, die die Kinder und auch die Erwachsenen überkommt.

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Wie Corona alte Menschen retraumatisieren kann

Zwei Drittel aller Menschen in Deutschland, die älter als 72 Jahre sind, haben in der Zeit des 2. Weltkriegs und unmittelbar danach traumatische Erfahrungen machen müssen. Bei vielen von ihnen werden Traumaerfahrungen und Traumafolgen durch die Erfahrungen, die sie in der Corona-Krisen machen müssen, wieder lebendig. Das scheint kaum bekannt zu sein und wird jedenfalls viel zu wenig berücksichtigt. Deswegen werde ich hier dazu einige Informationen und Erfahrungen zusammenstellen.

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Was tun bei seltsamen Gefühlen traumatisierter Kinder, Teil 7: Scham

 

 

 

 

Alle Kinder und auch wir Erwachsene kennen dieses unbeliebte Gefühl: Wir schämen uns. Worüber wir uns schämen und in welcher Weise wir dies ausdrücken, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Kinder mit traumatischen Erfahrungen zeigen oft eine besonders intensive Scham. Diese tritt in vielen Situationen auf, die von anderen oft so eingeschätzt werden, als wäre eine Schamreaktion »unnötig« oder »unsinnig«. Andere Kinder mit traumatischen Erfahrungen schämen sich gar nicht mehr. Sie wirken schamlos. Um dies zu verstehen, müssen die Schamgefühle etwas genauer betrachtet werden. Wir unterscheiden zwischen natürlicher Scham und Beschämung.

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Gewaltprävention in sozialen Institutionen, Teil 6: Implementierung

 

 

 

Ein Gewalt-Präventions- Konzept kann nicht gelebt werden, wenn es nicht Schritt für Schritt implementiert wird. Das bedeutet:

  • Das Konzept wird erarbeitet und verabschiedet.
  • Es wird Mitarbeiter/innen in kleinen Gruppen. möglichst gemischt aus den Abteilungen, vorgestellt und diskutiert.
  • Das Konzept wird auch mit externen Stellen diskutiert.
  • Neue Mitarbeiter/innen werden bei der Einstellung über das Konzept informiert.
  • Es finden jährlich Veranstaltungen und Schulungen zu dem Thema statt.
  • Das Konzept sollte lebendig wachsen, also modifiziert und fortentwickelt werden.