Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 6: Parteilichkeit, Schutz und Schuldgefühle

 

 

 

 

 

Wer eine traumatisierende Situation erleben musste, war schutzlos, konnte sich nicht erfolgreich wehren, war Gewalt und anderem ausgesetzt. Diese Menschen brauchen in der unmittelbaren Zeit danach (und auch später) Schutz. Dieser Schutz sind Sie. Sagen Sie deshalb, zeigen Sie deshalb, vermitteln Sie deshalb: „Ich bin jetzt für Sie da. Ich passe auf Sie auf.“

Ein Schutz kann sich auch darin äußern, dass Sie parteilich sind, indem Sie zum Beispiel sagen: „Es ist Ihnen etwas Schlimmes passiert. Ich bin an Ihrer Seite!“ Oft wissen die betroffenen Menschen auch nicht mehr, wie alles genau passiert ist und gleichzeitig wiederholen sich Szenenfetzen in einer Endlosschleife. Hier darf noch nicht „aufgearbeitet“ werden, hier steht der Schutz im Vordergrund.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 3: Zwischen den Weltkriegen: die „Kriegszitterer“

 

 

Nach dem ersten Weltkrieg haben nach vorsichtigen Schätzungen über 600 000 Menschen alleine unter den deutschen Soldaten Trauma-Störungen erlitten. Dies wurde damals als Kriegsneurose oder Schell-Schock, manchmal auch als Zweckneurose bezeichnet. Letzteres, weil unterstellt wurde, dass die betroffenen Menschen simuliert haben mit dem Zweck, vom Kriegsdienst freigestellt zu werden oder später nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Renten zu erhalten. Umgangssprachlich wurden die Menschen meist als „Kriegszitterer“ bezeichnet.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 5: Nicht alleine lassen!

 

 

 

Wir haben schon beschrieben: Am schlimmsten ist das Alleinsein danach. Wenn ein/e Helfer/in, egal ob professionelle Notfallhilfe oder Freund oder Freundin, ein Opfer eines traumatisierenden Ereignisses begleitet, dann ist dies eine wesentliche Hilfe. In der unmittelbaren „Zeit danach“ brauchen fast alle Opfer, dass sie nicht allein sind.

Ein Heimleiter erzählte mir sehr stolz, dass er eine Mitarbeiterin, die von einem Heimbewohner angegriffen wurde, nach Hause geschickt hat, damit sie sich erholen kann. Das ist gut gemeint gewesen, aber nicht desto weniger falsch. Sinnvoll wäre gewesen zu fragen: „Zu wem können Sie jetzt gehen? Wer kann Sie abholen? Sie können hier bei mir solange warten, bis jemand kommt …“ Also: Lassen Sie die Person in einer solchen Situation nicht allein.

Manche helfenden Menschen denken, sie müssen etwas tun. Sie müssen reden, organisieren. Sie müssen trösten oder sonst irgendwie Betroffene unterstützen. Das kann alles für die einen richtig sein, für die anderen nicht. Entscheidend ist, dass die Opfer von Gewalt und anderen traumatisierenden Handlungen nicht alleine sind. Da reicht es auch zu schweigen. Still nebeneinander zu sitzen ist eine Hilfe. Diese Hilfe besteht darin, bei den Menschen zu sein. Das zählt. Das ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen.

Lesen Sie auch: Gabriele Frick-Baer:
Trauma- Am schlimmsten ist das Alleinsein danch
Semnos Verlag Berlin, 2013 – ISBN: 978-3-934933-38-5
Weitere Informationen: hier

 

Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 2: Vom „Eisenbahn-Rücken“ bis zur „traumatischen Neurose“

 

 

 

Dass traumatische Erfahrungen psychische Folgen haben, wurde lange Zeit abgestritten. Im Interesse der Mächtigen, im Interesse der Kranken- und Rentenversicherungen. Es lohnt sich, auf die Geschichte der schrittweisen Anerkennung von psycho-traumatologischen Folgen zu schauen, denn viele dieser Argumente und viele Aspekte dieses Kampfes um solche Anerkennung existieren noch heute.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 4: Nicht drängen, nicht drängeln

 

 

 

Oft wissen oder ahnen die Helferinnen und Helfer nach traumatisierenden Situationen, was den betroffenen Menschen guttun könnte. Doch entscheidend ist, dass sie nicht drängen und auch nicht drängeln. Denn die Menschen, um die es hier geht, haben eine extreme Belastung erfahren. Sie wurden bedrängt, durch Gewalt oder sexuelle Gewalt, durch Unglück oder andere schlimme Erfahrungen. Deswegen ist es wesentlich, dass sie Unterstützung in ihrer Autonomie erfahren und dass ihre Entscheidungsfähigkeit respektiert wird.

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Sicherer Ort, Teil 3

 

 

 

Der nächste „sichere Ort“, den traumatisierte Menschen gewinnen können, sind Beziehungen. Denn traumatische Erfahrungen sind Beziehungserfahrungen. Es waren andere Menschen, die den betroffenen Leid zugefügt haben, die sie vergewaltigt, geschlagen und erniedrigt haben. Es waren andere Menschen, die Hilfeleistung unterlassen und die Opfer alleine gelassen haben. Die traumatischen Erfahrungen sind daher immer eine Beziehungskränkung.

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Von der Härte beim Kämpfen

Thea F. hatte in ihrer Jugend Gewalt erfahren. Mehrmals. Sie hat sich geschworen, sich das nie mehr bieten zu lassen. Sie kämpft. Sie setzt sich für Opfer ein. Sie kämpft für die Frauenrechte und lässt sich „nichts mehr gefallen“.

Mit dieser Haltung und diesem Verhalten ist sie zufrieden. Doch unter einem Aspekt leidet sie. Manchmal kämpft sie gegen Kolleginnen, gegen Freundinnen, gegen andere Menschen und merkt danach, dass gar nicht so viel Kampf notwendig gewesen wäre. Oft kämpft sie vorsorglich mit großer Intensität. Manchmal zurecht, manchmal vergeudet sie ihre Energie, ja manchmal verletzt sie andere Menschen, was sie gar nicht möchte. Und sie merkt, dass sie sich oft verausgabt und zu hart und zu streng mit sich selbst ist.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 1: Ehre für Ulrich Venzlaff

 

 

Ulrich Venzlaff wurde 1921 geboren und starb 2013. Er erregte Aufsehen, als er sich in einem Gutachten für eine Entschädigung eines ehemaligen Naziverfolgten einsetzte. Dies geschah schon 1952. Er erkannte bei den traumatisierten Menschen eine „verfolgungsbedingte Neurose“. Dieses Gutachten versetzte die Öffentlichkeit und vor allen Dingen das zuständige Entschädigungsamt in große Unruhe, weil diese eine „Gefahr einer nachfolgenden Lawine von Rentenansprüchen“ zu erkennen meinten. Denn bis dahin stand es außer Frage, dass Verfolgungen im Nationalsozialismus und andere Traumata oder erst recht Kriegsfolgen keinerlei Entschädigungsansprüche begründeten.

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Drei Viertel der Flüchtlinge sind traumatisiert!

Drei Viertel der Flüchtlinge sind traumatisiert!

Drei von vier geflüchteten Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak sind traumatisiert. Das sind seit 2015 über 600.000 Menschen, die aus diesen Ländern stammen und in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben.

Dies berichtet die am 30. Oktober veröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, das über 2.000 geflüchtete Menschen aus diesen drei Ländern befragte.  58 % der Befragten waren mehrfach traumatisiert. Mehr als zwei Fünftel der Befragten zeigen Anzeichen einer depressiven Erkrankung.

Quelle: Helmut Schröder, Klaus Zok, Frank Faulbaum
Gesundheit von Geflüchteten in Deutschland – Ergebnisse einer Befragung von Schutzsuchenden aus Syrien, Irak und Afghanistan. Oktober 2018

 

Sicherer Ort, Teil 2

 

 

 

Das bisher vorgestellte Verständnis des „sicheren Ortes“ bedarf des Überdenkens. Dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen sich einen „sicheren Ort“ vorstellen, ist sinnvoll. Doch wissen wir aus Imaginationen, dass positive Imaginationen nicht immer alleine daherkommen, sondern oft mit negativen Bildern, ja manchmal mit verängstigenden Schreckensbildern verbunden sein können, insbesondere bei mehrfach traumatisierten Menschen. Es bedarf daher besonderer Ausbildung und Begleitungskompetenz, Klienten/innen bei solchen Imaginationen zu begleiten. Sie brauchen nicht nur die einfach scheinende Hilfe, positive Bilder eines „sicheren Ortes“ herzustellen. Sie brauchen darüber hinaus Hilfen zwischen angstmachenden und positiven Bildern und Vorstellungen zu wechseln.

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