Wir begegnen in der Traumahilfe oft Menschen, die ungern oder gar nicht Hilfe annehmen können. Das kann Beratung, Therapie oder andere Unterstützung betreffen. Wenn sie dann zum Beispiel in einer Therapie erfahren haben, dass Hilfe wirkt, erleichtert, stärkt, verstehen sie oft ihre frühere Haltung nicht.
Praxis: Was mache ich, wenn …
Praxisbeispiele, Methoden, Tipps und andere Hinweise, die sich in der Begleitung traumatisierter Menschen bewährt haben, finden hier Platz.
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Wenn Blicke nicht aushaltbar sind…
Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten, werden oft von Blicken „getriggert“, das heißt, dass Blicke anderer Menschen die leibliche Erinnerung an Traumata, z. B. sexuelle Gewalt auslösen. Für sie sind Blicke oft nicht aushaltbar, da Augenkontakt mit Hilflosigkeit und Opfersein verbunden ist. Sie haben vielleicht die Erfahrung, von Tätern „ausgeguckt“ worden zu sein – unbefangener Blickkontakt ist für sie dann meist unerträglich.
Gleichzeitig spüren sie oft eine große Sehnsucht, gesehen zu werden – allerdings mit Respekt. Sie befinden sich folglich in einem Dilemma, sich nach Blickkontakt zu sehnen und ihn gleichzeitig nicht auszuhalten. Mit diesen Menschen hat sich ein Weg bewährt, den wir Fächertanz nennen. Er ermöglicht, mit Hinschauen und Wegschauen, Sich-Verstecken und Sich-Zeigen zu spielen und so neue Erfahrungen mit Blicken zu machen.
Was hilft gegen Co-Traumatisierungen?
Co-Traumatisierungen entstehen dann, wenn ein Mensch von dem Trauma-Erleben eines anderen Menschen mit erfasst wird. Das Trauma-Erleben springt quasi über und wird zur eigenen Not. Auch hier hilft das gleiche, was allen anderen Menschen, die traumatische Erfahrungen haben und unter den Folgen leiden, helfen kann. Zwei Aspekte kommen hinzu:
Verzweiflung
Niemand ist gerne verzweifelt. Verzweiflung ist ein Gefühl, bei dem man an allem zweifelt, vor allen Dingen an der Rettung. Verzweiflung ist begleitet von Angst und Panik, von Hilflosigkeit und dem Gefühl, allein zu sein und keinen Ausweg zu haben. Viele Menschen mit traumatischen Erfahrungen vor allem mit sexueller Gewalt waren verzweifelt. Sie mussten diese Erfahrung der Ausweglosigkeit machen.
Oft holt diese und auch andere Menschen die Verzweiflung wieder ein. Doch niemand möchte gerne verzweifelt sein. Also versuchen wir alle, uns einen Ring um die Verzweiflung zu legen und die Verzweiflung einzukapseln, damit wir sie nicht spüren müssen. Dieser Ring kann aus unterschiedlichen Gefühlen und Verhaltensweisen bestehen. Manche Menschen werden aggressiv und wehren alles, was ihnen zu nah kommt, ab. Andere erstarren und bekommen Schuldgefühle oder beschuldigen andere Menschen, ohne genauer zu wissen, wofür und weshalb.
Vielleicht kennen Sie das eine oder andere Element Ihres individuellen Schutzschildes vor Verzweiflung. Wenn ja, dann versuchen Sie es wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Das Schutzschild vor Verzweiflung ernst zu nehmen, bedeutet, das zu suchen, was gegen die Verzweiflung hilft. Das schon möglichst früh und im Vorfeld, bevor sie ihre Macht entfaltet.
Was hilft? Halt zu bekommen, nicht allein zu sein, sich unterstützen zu lassen, gerettet zu werden. Welche Menschen gibt es, denen man zutraut, dass man von ihnen gestützt und unterstützt wird, wenn man verzweifelt ist? Diese Menschen sind kostbar. Diese Frage sollte jeder für sich beantworten, um im Notfall oder möglichst vor dem Notfall der Verzweiflung sich an solche Menschen zu wenden und bei ihnen Halt zu suchen.
Der innere Kern
Jeder Mensch hat einen inneren Kern. Man findet ihn auf keinem Röntgenbild oder Anatomieatlas – aber er ist zu spüren. Der innere Kern ist der Ort, von dem aus Menschen Entscheidungen treffen, der ihr Wesen und ihr Wesentliches umfasst, der all das enthält, was ihnen kostbar und heilig ist.
Um diesen inneren Kern herum gibt es Schutzschichten. Eine Schicht der Intimität, der Grenzen der Intimität, eine Schicht des persönlichen Raums und deren Grenzen und anderes mehr. Diese Schichten werden durch sexuelle Gewalt und andere Gewalterfahrungen durchbrochen und geschädigt. Oft ist der innere Kern dann entblößt, verletzt oder zumindest irritiert. Menschen, die traumatische Erfahrungen hatten, brauchen Unterstützung, um ihren inneren Kern zu stärken.
Warum traumatisierte Menschen unter den Pandemiefolgen besonders leiden
Viele traumatisierte Menschen leiden besonders unter den Folgen der Pandemie. Die Ursache ist darin zu finden, dass mehrere Aspekte, wie die Pandemie erlebt wird, dem Erleben der traumatischen Erfahrung ähneln:
Zeugenschaft
Manche Menschen, die Schlimmes erlebt haben und traumatisiert sind, zweifeln daran, ob sie ihren Erinnerungen trauen können. Oft leben sie nach dem traumatisierenden Ereignis allein und können sich darüber nicht mit anderen austauschen. Manchmal wurden die grauenvollen Erfahrungen verdrängt, so dass bloß noch die Gefühle, aber nicht mehr die kognitiven Erinnerungen übrigblieben. Im Laufe der Zeit verwischen sich die Erinnerungen. Die Menschen werden immer unsicherer.
In der Therapie und Beratung ist es dann wichtig, dass andere Menschen Zeugnis abgelegen. Zum Beispiel: „Ich weiß nicht, was damals genau passiert ist. Ich war nicht dabei. Aber ich sehe an Ihren Gefühlen und Ihren körperlichen Reaktionen, dass Sie leiden und dass damals etwas Schlimmes geschehen ist, auch wenn Sie nicht mehr genau wissen, was war. Ihre Reaktionen sind wahr. Das kann ich Ihnen bestätigen.“
Das schafft Sicherheit.
Zwischen Abgrund und Aufrichten – Kunsttherapien mit traumatisierten Menschen
Ein Artikel von Dr. Udo Baer in „Forum für Kunsttherapien II/2020
Was tun bei seltsamen Gefühlen traumatisierter Kinder, Teil 6: Trauer
Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können
Wenn Menschen etwas verlieren, dann trauern sie und mit dem Trauern können sie diesen Verlust, zumindest nach und nach, bewältigen. Wird Trauer verboten oder bleibt ungelebt, dann gelingt oft das Loslassen nicht.
Deswegen ist es für alle Kinder wichtig, dass sie, dass wir das Traurigsein erlauben und so das Loslassen unterstützen. Trauern, weinen, jammern, klagen – all das lindert den Schmerz. Mit jeder Träne verlässt ein Stück des Kummers unsere Seele und unser Herz. Dass Sie diese Haltung vorleben und offensiv vertreten, hilft traumatisierten und anderen Kindern. Es schützt sie auch davor, ausgelacht zu werden, wenn sie weinen.
Was tun bei seltsamen Gefühlen traumatisierter Kinder, Teil 5: Schuldgefühle
Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können
Um die trauerbedingten Schuldgefühle zu verstehen, ist es wichtig, dass Sie zwischen Schuld und Schuldgefühlen unterscheiden können. Es gibt viele Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, aber keine Schuldgefühle spüren, darunter nach meinen Erfahrungen die meisten Täter und Täterinnen. Und es gibt Opfer, die Schuldgefühle haben, aber keine Schuld. Wir haben bei größeren Kindern, bei Jugendlichen und Erwachsenen fast immer beobachtet, dass sich die Opfer von sexueller Gewalt oder anderer Gewalt schuldig fühlen. Vernünftig ist dies nicht zu erklären, denn sie waren Opfer und ausgeliefert.