Zeiterleben und Trauma, Teil 5: Das Warten

Dieser Artikel ist Teil 5 von 5 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Das Warten hat so viele Aspekte, dass es angebracht wäre, eine „Phänomenologie des Wartens“ zu verfassen. Wir können zum Beispiel gelassen warten oder äußerst unruhig bzw. angespannt. Wir erwarten Positives oder Negatives oder beides gleichzeitig. Wir können erwarten und abwarten, sogar beim Besuch von Gästen aufwarten. Hier möchte ich mich auf die Frage konzentrieren, welche Auswirkungen traumatische Erfahrungen auf das Warten haben können.

Nehmen wir ein Beispiel. Kinder erwarten den Weihnachtsmann. Auch wenn sie nicht an den Weihnachtsmann glauben, dann steigt die Spannung, die Aufregung erhöht sich. Manche Kinder werden sogar fiebrig, bis die Bescherung, die Verteilung der Geschenke ansteht. Alles, was bis dahin passiert, das Essen, die Musik, die Gesellschaftsspiele, wird als notwendiges Übel hingenommen oder als unerträglich erlebt, weil es scheinbar die Wartezeit in die Länge zieht.

Weiter lesen

Trauma und Zeiterleben Teil 4: Zeitkollaps

Dieser Artikel ist Teil 4 von 5 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Der amerikanische Psychiater Vamik Djemal Volkan prägte den Begriff Zeitkollaps. Er betrifft in keiner Weise die objektive Zeit, sondern ausschließlich das subjektive Zeiterleben. Ein Zeitkollaps meint, dass Menschen subjektiv in zwei Zeiten leben und sich dieses Zeiterleben überschneidet. Eine alte Frau hält zum Beispiel das Donnergrollen eines Gewitters für die Geräusche eines Bombenabwurfs. Sie erinnert sich nicht kognitiv an die damalige Zeit, sondern sie erlebt sich und ihre Welt, als würden die Bomben in diesem Moment fallen. Sie lebt also in zwei Zeiten, in der Zeit der Bombardierung und in der Gegenwart. Traumatisierte Menschen leben oft in zwei Zeiten gleichzeitig. Beide Zeiten kollabieren.

Weiter lesen

Trauma und Zeiterleben Teil 3: Paranoia

Dieser Artikel ist Teil 3 von 5 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Unter Paranoia wird verstanden, dass Menschen immerzu mehr oder weniger zwanghaft Negatives erwarten und überall Gefahren wittern. Eine solche Haltung beruht oft auf schlimmen, ja traumatischen Erfahrungen. Wer immerzu negative Erfahrungen befürchtet, hat oft auch Negatives erlebt. Im Alltag wird meist das Befürchtete nicht Realität. Aber dies wird dann kaum bewertet, manchmal kaum registriert. Wird ein Unglück erwartet und es tritt ein, dann ist das eine Bestätigung und Bekräftigung der generellen paranoiden Haltung. Insofern erzeugt die Paranoia sich immer wieder selbst.

Weiter lesen

Trauma und Zeiterleben Teil 2: Vom Verlangsamen und vom Beschleunigen

Dieser Artikel ist Teil 2 von 5 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Dass Menschen die Zeit subjektiv in unterschiedlichen Tempi erleben, ist normal und gehört zu den grundlegenden Qualitäten menschlichen Lebens und Erlebens. Manchmal staunen wir, „wie schnell die Zeit vergeht“ und manchmal zieht sich eine Stunde, als wären es drei oder vier, zäh und breiig. Eine traumatische oder Trauma-ähnliche Erfahrung kann dieses Zeiterleben massiv beeinflussen.

Ein junger Mann erzählte mir, er sei von seinem Vater oft geschlagen worden. Es gab einmal eine Situation, wo er eine Vase fallenließ. Er war damals sieben Jahre alt. Die Mutter drohte, dies dem Vater zu sagen, der es ihm „schon geben“ würde. Der Vater kam meistens spät nach Hause und der Junge lag schon im Bett, wenn der Vater von der Arbeit kam. Tage- und wochenlang wartete er darauf, dass der Vater zu ihm kam, um ihn wegen seines „Vergehens“ zu schlagen. Doch er kam nicht. Der Junge schlief schlecht ein, erst spät, und die Wartezeit dehnte sich quälend lang. Er erlebte die Phase zwischen dem Zeitpunkt, zu dem er ins Bett ging, und dem, wenn der Vater nach Hause kam, was er von seinem Zimmer aus hören konnte, wie in Zeitlupe. Schließlich dachte er, die Mutter habe vergessen, dem Vater von seinem Missgeschick zu erzählen. Er konnte nun beruhigt einschlafen. Doch nur zwei Tage lang. Denn dann stürmte der Vater an sein Bett und verprügelte ihn.

Weiter lesen

Trauma und Zeiterleben Teil 1: Objektive und subjektive Zeit

Dieser Artikel ist Teil 1 von 5 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Unsere Uhren dienen dazu, die Zeit in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage und Jahre zu zerlegen. Sie zeigen die objektive Zeit, die messbar und vergleichbar ist. Eine Stunde ist überall die gleiche Zeiteinheit, in Japan, in Deutschland, in Norwegen oder in Südafrika. Wir können diese geeichte Zeit messen, vergleichen, uns an ihr orientieren. Das ist sinnvoll.

Daneben gibt es eine andere Zeit: die Zeit, die wir erleben. Wir kennen sie alle von der Schule. Eine Unterrichtsstunde kann sich ewig hinziehen oder, wenn sie interessant und spannend gestaltet ist, wie im „Flug vorbeigehen“. Ein Urlaub ist fast immer zu „schnell“ vorbei, Arbeitstage seltener.

Weiter lesen

In Männerwelten darf es kein Trauma geben?

Fußball wird immer häufiger von Frauen und Mädchen gespielt, auch die Zahl der weiblichen Zuschauerinnen und Fans nimmt von Jahr zu Jahr zu. Doch die Ideologien, Normen und Sprüche traditioneller Männerbünde bestimmen immer noch die öffentliche und die veröffentlichte Kultur des Fußballs. Ein Element dieser Kultur besteht darin, Traumafolgen zu ignorieren.
Wer sich für Fußball interessiert, wird mitbekommen haben, dass es beim Fußballverein Borussia Dortmund seit einiger Zeit drunter und drüber geht. Der Trainer wurde entlassen, obwohl er sehr erfolgreich war, die Mannschaft ist gespalten, es gibt unterschiedliche Wahrheiten oder Lügen, die Verantwortlichen verbreiten … Es mag Ursachen geben, die sich in Konkurrenzverhalten und Eifersüchteleien finden lassen, doch der entscheidende Ausgangspunkt für diese Entwicklung ist das Attentat auf den Mannschaftsbus vor dem Champions-League-Spiel gegen Monaco. Die Mannschaft musste einen Tag später gegen Monaco antreten und spielte, wie zu erwarten war, verstört. Der ganze Verein ist seitdem verstört. Die häufigste und signifikanteste Traumafolge, die wir kennen.

Weiter lesen

Die Schuld der Täter und die Schuldgefühle der Opfer

Ich habe in meiner über 30jährigen therapeutischen und beraterischen Praxis einen einzigen Täter kennengelernt, der wahrhaftige Schuldgefühle hatte. Alle anderen hatten Schuld, aber keine Schuldgefühle. Auf der anderen Seite kennen ich und meine Kolleginnen kaum ein Opfer, das sich nicht mit Schuldgefühlen quält. Diese scheinbar paradoxen und widersinnigen Erfahrungen zeigen, dass es zwischen Schuld und Schuldgefühlen zu unterscheiden gilt. Es gibt Schuld ohne Schuldgefühle und es gibt Schuldgefühle ohne Schuld.

Die Schuldgefühle ohne Schuld, das sind zumeist die Schuldgefühle der Opfer. Warum ist das so?

Weiter lesen

Fremdsein und Trauma (3): „Die anderen sind anders“

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Fremdsein und Trauma

„Die andern sind anders“, sagt ein traumatisierter junger Mann. „Ich habe etwas erlebt, was die andern nicht kennen. Die fragen mich manchmal. Aber wenn ich erzähle, denke ich, dass das die andern gar nicht interessiert. Die wollen das nicht wirklich wissen. Verstehen kann das ja nur jemand, der es wirklich kennt. Ich hab aufgegeben.“

Solchen Äußerungen und solchen Gefühlen begegnen wir bei zahlreichen traumatisierten Menschen. Sie haben recht und sie haben unrecht. Richtig ist, dass das Erlebens traumatisierender Gewalt eine einzigartige Erfahrung ist. Der schrecken ist individuell, das Erleben existenzieller Bedrohung eine Erfahrung, die„aus dem Rahmen“ fällt und jeden Rahmen sprengt. Eine solche Erfahrung mit anderen zu teilen, stößt an Grenzen.

Weiter lesen

Die Sehnsucht nach Kontrolle

Eine traumatische Erfahrung beinhaltet, dass Menschen sich ausgeliefert fühlen und ausgeliefert sind. Das ruft Gefühle der Hilflosigkeit hervor, die lange anhalten können oder immer wieder auftreten. Auf Dauer werden viele Menschen mit solche Erfahrungen „allergisch“ gegen Situationen, in denen sie hilflos sind oder sie andere Menschen als hilflos erleben. Da kann der geliebte Partner oder die Partnerin an einer Krankheit leiden, gegen die „die Medizin“ nichts tun kann, da ist das eigene Kind der Willkür einer Lehrerin oder eines Mitschülers ausgeliefert, da wird man Zeuge eines Unfalls, da wird man plötzlich entlassen und kann nichts dagegen tun … In vielen Lebenssituationen erfahren Menschen Hilflosigkeit und fast immer schwingt dann die traumatische Erfahrung existenzieller Bedrohung und existenziellen Ausgeliefertseins mit. Hilflosigkeit ist Trigger und Flashback zugleich.

Das ist wichtig zu wissen, um sich und andere zu verstehen.

Weiter lesen