Traumafolgen und Gefühle, Teil 4: Schuldgefühle

Dieser Artikel ist Teil 4 von 4 der Artikel-Serie Traumafolgen und Gefühle

 

 

 

Wir kennen kaum Opfer traumatisierender Gewalt ohne Schuldgefühle. Wichtig ist es, zwischen Schuld und Schuldgefühlen zu unterscheiden. Viele Täter, fast alle, haben keine Schuldgefühle, aber Schuld. Andererseits haben fast alle Opfer keine Schuld, aber Schuldgefühle. In den Untersuchungen über die emotionalen Folgen des Holocausts wird sogar von den „Schuldgefühlen der Überlebenden“ geredet. Fast alle Überlebenden des Holocausts plagen sich mit Schuldgefühlen, dass sie überlebt haben und viele, viele andere nicht.

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Traumafolgen und Gefühle, Teil 3: Zorn, Wut, Angst

Dieser Artikel ist Teil 3 von 4 der Artikel-Serie Traumafolgen und Gefühle

 

 

 

Traumatische Erfahrungen beinhalten oft Gewalterfahrungen, also aggressives Verhalten. Viele Opfer traumatisierender Gewalt sind deshalb wütend. Fast immer ist diese Gewalterfahrung angstmachend, so dass auch die aggressiven Gefühle mit ängstlichen Gefühlen verwoben und verknüpft sind. Dies kann mehrere Folgen haben.

Eine Folge kann darin bestehen, dass der Zorn und die Wut sich nicht gegen die Täter/innen richten, sondern gegen sich selbst: „Warum ist mir das geschehen?“ „Warum habe ich mich überhaupt in diese Situation begeben?“ usw.. Der berechtigte Zorn auf die Täter/innen ändert die Richtung und wird zu Selbstvorwürfen. Hier ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu erkennen und die Unterstützung zu finden, um seine Wut auf die Täter/innen zu richten und nicht gegen sich selbst.

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Traumafolgen und Gefühle, Teil 2: Zwischen maßlosen und gedämpften Gefühlen: Taubheit

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In allen klinischen Diagnose-Manualen wird über Traumafolgen und insbesondere der posttraumatischen Belastungsstörung angeführt, dass Opfer traumatisierender Gewalt emotional gedämpft bzw. betäubt sind. Dem begegnen wir oft, doch sind diese emotionalen Prozesse häufig von starken Widersprüchen gekennzeichnet.

Betrachten wir dies genauer:

Die Erfahrung traumatisierender Gewalt führt oft zu einem emotionalen Sturm, der für die betreffenden Menschen kaum auszuhalten ist. Ihn zu betäuben und zu dämpfen, ist folglich ein Selbstschutz, um nicht von den Gefühlen überflutet und überwältigt zu werden. Dieser Selbstschutz hält oft über längere Zeit an, wenn die betroffenen Menschen keine angemessene Hilfe erhalten.

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Traumafolgen und Gefühle, Teil 1: Verstört sein

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Die häufigste emotionale Folge einer traumatischen Erfahrung besteht darin, dass Menschen verstört sind und verstört wirken. Dies gilt insbesondere nach Gewalterfahrungen einschließlich sexueller Gewalt. Dieses Verstörtsein kann unterschiedlich benannt werden. Manche sagen: „Ich stehe neben mir.“ „Ich bin verpeilt.“ Oder: „Ich bin völlig durcheinander.“ Dieses Verstörtsein kann auch langfristig als Folge von traumatischen Gewalterfahrungen das Leben der betroffenen Menschen prägen.

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Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 2: Akzeptanz!?

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen

 

 

 

In einem Achtsamkeitsbuch heißt es: „Akzeptanz ist die für Achtsamkeit charakteristische wohlwollende Haltung allen Erfahrungen gegenüber. Dabei wird nichts bewertet und nichts abgelehnt. Man will auch nichts verändern und nichts anders haben, als es ist. Im Rahmen der Achtsamkeitspraxis wird diese Haltung der Akzeptanz nach innen im Selbstbezug, aber auch nach außen gegenüber der Umwelt geübt.“ (Weiss, H. et al: 2016. Das Achtsamkeitsbuch. Stuttgart. Seite 252). Diese Haltung ist charakteristisch für alle buddhistisch beeinflussten Achtsamkeitsangebote. Wir teilen sie nicht.

Sicherlich: Wenn mit Akzeptanz gemeint ist, dass wir akzeptieren sollten, dass wir bestimmte Erfahrungen gemacht haben und dass diese ein Teil des Lebens sind und uns immer noch beeinflussen, dann ist das richtig. Wir nennen diese Haltung: Würdigen, was ist. Auch traumatische Erfahrungen sind ein Teil des Lebens der Betroffenen und es gelingt auf Dauer nicht, sie zu ignorieren oder zu verdrängen. Zu akzeptieren, dass es sie gibt, ist hilfreich und notwendig.

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Aus aktuellem Anlass: „Die Kinder von Homburg“, ein Gastbeitrag von Dr. Claus Koch

Beitrag von Dr. Claus Koch

Mediziner waren sich Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in 20. Jahrhundert darin einig, dass ein Säugling als „Rückenmarksindividuum“ ohne jegliches subjektives Empfinden zur Welt kommt und man deswegen im Umgang mit ihm auf seine Schmerzempfindungen und Gefühle keine Rücksicht zu nehmen bräuchte. Eine Ansicht, die in der Pflege und medizinischen Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern noch weit bis in die 1950er-Jahre vertreten wurde. Nicht nur die willkürliche Trennung von Mutter und Kind blieb nach der Geburt gang gäbe, sondern auch der Umgang mit Kleinkindern und Kindern war von der „wissenschaftlichen“ Annahme geprägt, dass diese gegen die Folgen von psychischer Misshandlung und Missbrauch weitgehend immun seien, weil mehr oder weniger empfindungsunfähig und ohne Einsicht. „Das wächst sich aus“ war ein Satz, der vielen Eltern, Kinderpsychologen und Ärzten bei entsprechender Symptomatik damals schnell über die Lippen kam. Erst mit dem Beginn der Säuglingsforschung und dem Paradigmenwechsel in puncto Erziehung ab Mitte der 1960er Jahre änderte sich diese Einstellung grundlegend.

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Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 1: Trigger!?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Artikel-Serie Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen

 

 

 

Wir befürworten Achtsamkeitsübungen sehr und haben unser Konzept der Würde-Achtsamkeit im KLT-Journal auf der Webseite www.baer-frick-baer.de veröffentlicht. Die dreißigjährige Erfahrung mit Achtsamkeitseinheiten zeigt uns aber auch, dass Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen des besonderen Schutzes im Rahmen der Achtsamkeitsarbeit bedürfen. Leider ist dies zu wenig bekannt und wird in den zumeist buddhistisch geprägten Achtsamkeitsangeboten zu wenig bis gar nicht berücksichtigt. Deswegen ein Hinweis:

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 4: „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“

Unter dieser Überschrift klagte Kurt Eissler 1963 in der Zeitschrift  „Nervenarzt“ (17, (1963), S. 240–291) die psychiatrischen Behauptungen an, dass zum Beispiel KZ-Aufenthalte keine seelischen Folgen hervorrufen würden. Diese Theorie galt weiterhin, auch als 1967 in Deutschland Psychotherapie-Richtlinien verabschiedet wurden, die Leistungen der Krankenkassen für eine psychotherapeutische Behandlung seelischer Krankheiten vorsahen. Doch als Voraussetzung musste eine psychoanalytische oder verhaltensanalytische Entstehungsgeschichte dieser Krankheitsbilder gegeben sein.

„Äußere Belastungsfaktoren, seien sie auch in der allgemeinen Erfahrung von großem Gewicht, machen den Patienten nicht ohne weiteres seelisch krank.“ (Faber et al 1999, Seite 15, nach Maercker, Seite 8). Es mussten also unbewusste Konflikte gegeben sein. Das Überleben von Vergewaltigungen oder von Bombennächten reichte nicht. Dies galt vor allem für die psychoanalytische Richtung. In der Verhaltenstherapie stand eine andere Haltung.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 6: Parteilichkeit, Schutz und Schuldgefühle

Dieser Artikel ist Teil 6 von 9 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

 

 

Wer eine traumatisierende Situation erleben musste, war schutzlos, konnte sich nicht erfolgreich wehren, war Gewalt und anderem ausgesetzt. Diese Menschen brauchen in der unmittelbaren Zeit danach (und auch später) Schutz. Dieser Schutz sind Sie. Sagen Sie deshalb, zeigen Sie deshalb, vermitteln Sie deshalb: „Ich bin jetzt für Sie da. Ich passe auf Sie auf.“

Ein Schutz kann sich auch darin äußern, dass Sie parteilich sind, indem Sie zum Beispiel sagen: „Es ist Ihnen etwas Schlimmes passiert. Ich bin an Ihrer Seite!“ Oft wissen die betroffenen Menschen auch nicht mehr, wie alles genau passiert ist und gleichzeitig wiederholen sich Szenenfetzen in einer Endlosschleife. Hier darf noch nicht „aufgearbeitet“ werden, hier steht der Schutz im Vordergrund.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 3: Zwischen den Weltkriegen: die „Kriegszitterer“

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

Nach dem ersten Weltkrieg haben nach vorsichtigen Schätzungen über 600 000 Menschen alleine unter den deutschen Soldaten Trauma-Störungen erlitten. Dies wurde damals als Kriegsneurose oder Schell-Schock, manchmal auch als Zweckneurose bezeichnet. Letzteres, weil unterstellt wurde, dass die betroffenen Menschen simuliert haben mit dem Zweck, vom Kriegsdienst freigestellt zu werden oder später nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Renten zu erhalten. Umgangssprachlich wurden die Menschen meist als „Kriegszitterer“ bezeichnet.

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