Warum ich von Debriefing nichts halte

Gruppen-Debriefing wird von nicht wenigen Psycholog*innen als Soforthilfe nach traumatischen Ereignissen empfohlen. Bei bestimmten Ereignissen wie Terroranschlägen oder Unglücken ist eine große Gruppe von Menschen traumatisiert und braucht Betreuung. Jeffrey Mitchel entwickelte dafür in den 80er Jahren das Critical Incident Stress Debriefing (CISD). Im Debriefing werden zum Beispiel nach einem Zug-Unglück die Betroffenen in einer Gruppe aufgefordert zu erzählen, was bei und nach dem Unglück geschehen ist und wie es ihnen dabei ergangen ist.

Weiter lesen

Komplextrauma: Was ist wichtig für die Therapie und die Therapeut*innen

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie Komplextraumata

 

 

Das grundlegende Ziel der Therapie besteht oft im bloßen Überleben. Es geht nicht mehr darum, bestimmte Beschwernisse und Hindernisse des Lebens so zu verändern, dass ein glücklicheres Leben möglich ist. Es geht vor allem um die Fähigkeit, zu überleben. Eine Zeitlang redete man in der Politik von „state building“ und meinte damit den Aufbau eines Staates. In Afghanistan ist dies massiv gescheitert, in Mali, dem Sudan und anderen Ländern, in denen dies versucht wurde, gibt es Teilergebnisse – aber nicht viel mehr. Bei Komplextraumatisierungen können wir von einem „ego building“, also einer Heranbildung eines neuen Ichs reden. Dabei ist dies kein Neuaufbau, sondern allenfalls ein Wiederaufbau auf den Ruinen der komplex traumatisierenden Erfahrungen. Teile des Inneren Kerns können genutzt werden, andere sind verloren gegangen. Es geht darum, den Klient*innen die Chance zu geben, eine grundlegende Neuentwicklung des Denkens und Fühlens, der Körperlichkeit, der Werte und der Begegnungsmöglichkeiten zu beginnen bzw. fortzuführen. Angeknüpft und aufgebaut werden muss an der Kraft, die die Menschen im Überlebenskampf gezeigt haben.

Weiter lesen

Was sind Komplextraumata?

Dieser Artikel ist Teil von 2 der Artikel-Serie Komplextraumata

 

 

 

Es wird unterschieden zwischen Komplextraumatisierung und der posttraumatischen Belastungsstörungen als Folge von einem Monotrauma. Der Begriff Komplextraumata wurde von der amerikanischen Psychiaterin Judith Herman[1] eingeführt. In der ICD11, die 2022 in Kraft tritt und nach einer Übergangszeit bis 2022 die ICD 10 ersetzt, wird die komplexe posttraumatische Belastungsstörung erstmalig formuliert und aufgeführt. Sie wird als Folge traumatischer Ereignisse plus zusätzlich einer „langandauernden/wiederholten traumatischen Situation, aus der Flucht nicht möglich ist“, definiert. Als Symptome werden zusätzlich zu den aufgeführten Traumafolgen aufgeführt Störungen

  • im affektiven Funktionieren (Gewaltausbrüche, Dissoziationen unter Belastung, sehr starke emotionale Reaktionen …)
  • in Funktionen des Selbst (Selbsteinschätzung als schwach, wertlos, zerbrochen, generalisierte Scham- und Schuldgefühle)
  • in Beziehungsfunktionen (Schwierigkeiten, Beziehungen aufrecht zu erhalten und sich nahe zu fühlen)

Weiter lesen

Am 30.11.2021 erscheint ein neues Buch von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer: Therapie und Würde – Sprachleib, Würde-Achtsamkeit, Bedeutungsüberhang… Kreative Leibtherapie Band 3

Sprachleib, Würde-Achtsamkeit,Bedeutungsüberhang …

Das Themenspektrum dieses Buches erstreckt sich von der Bedeutung der Sprache und der Poesie in der Zwischenleiblichkeit therapeutischer Begegnungen über das Konzept der Würde-Achtsamkeit sowie zentraler Begriffe wie dem großen UND bis zum Verständnis von Spiritualität im therapeutischen Kontext. Dieses Buch enthält Essays und Vorträge, die den Boden kreativ-leibtherapeutischer Arbeit erweitern, jeder und jedem für sich wertvolle Hilfen und Anregungen zu Themen würdigender Therapie anbieten und zur fachlichen und persönlichen Auseinandersetzung auffordern.

Ein Gewinn für alle, denen Würde ein zentraler Wert in der therapeutischen Theorie und Praxis ist.

 

Erscheinungsdatum: 30.11.2021
ISBN: 978-3-934933-58-3
Seiten: 210
Preis: 22 Euro

Vorbestellung: www.semnos.de

Zeugen sind wichtig!

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Beiträge

 

 

 

In viele Situationen, in denen Menschen traumatisierende Gewalt erfahren, sind sie damit allein und es gibt keine Zeugen, vor allem bei sexueller bzw. sexualisierter Gewalt oder anderen Taten vor allem im familiären Raum. Wenn es Zeugen gibt, z.B. bei Gewalttaten auf der Straße oder in Gaststätten, auf dem Fußballplatz oder auf Konzerten, ist oft zu beobachten, dass viele Menschen die Taten mitbekommen, sich aber nicht als Zeug*innen zur Verfügung stellen. Sie fürchten Ärger und Aufwand. Sie ducken sich weg und befriedigen vielleicht ihre Neugier oder gar ihren Voyeurismus. Doch sie sind nicht bereit, der Polizei gegenüber als Zeuge aufzutreten.

Für die Opfer ist das schlimm. Denn sie haben so oft wenig Chancen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird und dass Täter bestraft werden. Oper brauchen Zeugen, die aussagen, was sie gesehen haben. Zeugenschaft ist Parteilichkeit für die Opfer. Zeugenschaft ist würdigende Solidarität.

Strafe?

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 der Artikel-Serie Beiträge

 

 

Ein Mann, der von anderen zusammengeschlagen wurde, und noch ein Jahr danach an den Verletzungen und vor allem an dem traumatisierenden Schock leidet, erzählt: „Als jetzt endlich die Gerichtsverhandlung näher rückte, kamen die alten Erinnerungen wieder hoch. Ich hatte sie vorher schon etwas beiseitegeschoben, aber jetzt ging es wieder los. Und gleichzeitig war ich froh, dass es eine Gerichtsverhandlung gab. Mir war es wichtig, dass die Täter bestraft werden und ich Gerechtigkeit bekomme. Ich weiß, dass eine Strafe meine Leiden nicht ungeschehen machen kann. Aber trotzdem. Es war mir wichtig.“

Das hören wir oft. Dieses Anliegen der Gewaltopfer ist richtig und wichtig. Es ist berechtigt.

Weiter lesen

Zeugenschaft

Dieser Artikel ist Teil 1 von 3 der Artikel-Serie Beiträge

Manche Menschen, die Schlimmes erlebt haben und traumatisiert sind, zweifeln daran, ob sie ihren Erinnerungen trauen können. Oft leben sie nach dem traumatisierenden Ereignis allein und können sich darüber nicht mit anderen austauschen. Manchmal wurden die grauenvollen Erfahrungen verdrängt, so dass bloß noch die Gefühle, aber nicht mehr die kognitiven Erinnerungen übrigblieben. Im Laufe der Zeit verwischen sich die Erinnerungen. Die Menschen werden immer unsicherer.

In der Therapie und Beratung ist es dann wichtig, dass andere Menschen Zeugnis abgelegen. Zum Beispiel: „Ich weiß nicht, was damals genau passiert ist. Ich war nicht dabei. Aber ich sehe an Ihren Gefühlen und Ihren körperlichen Reaktionen, dass Sie leiden und dass damals etwas Schlimmes geschehen ist, auch wenn Sie nicht mehr genau wissen, was war. Ihre Reaktionen sind wahr. Das kann ich Ihnen bestätigen.“

Das schafft Sicherheit.

 

Störung: Was stört? Wer stört?

Dieser Artikel ist Teil von 2 der Artikel-Serie Störung

 

 

 

Der Begriff der „Störung“ zieht sich durch alle Bereiche der Definition psychischer Erkrankungen. Eine Alzheimer-Demenz wird ebenso als Störung bezeichnet wie aggressive Handlungen von Kindern, Wahnerkrankungen ebenso wie depressive Störungen. Und dann gibt es immer wieder als Sammelbegriff die „nicht näher bezeichnete Störung“ als eine Art Resterampe, unter die alles fällt, was vorher nicht klassifizierbar ist.

In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) wird auch deswegen gesagt: „Störung ist kein exakter Begriff.“[1] Entstanden ist die Bezeichnung Störung aus dem Bemühen, Begriffe wie „Krankheit“ oder „Erkrankung“ zu vermeiden. Diese Begriffe sind schwammig und offenbar nicht exakt definierbar.

Doch auch die Bezeichnung psychischer Störungen ist problematisch. Auf der Webseite der Psychiatrischen Klinik Viersen des Landschaftsverbandes Rheinland heißt es zum Beispiel: „Grundsätzlich werden als psychische Störung alle Erkrankungen bezeichnet, die erhebliche Abweichungen vom Erleben oder Verhalten psychisch (seelisch) gesunder Menschen zeigen und sich auf das Denken, das Fühlen und das Handeln auswirken können.“[2] Auch hier zeigt sich die Schwierigkeit des Begriffes. Wenn Störungen als Ersatzbezeichnung für Erkrankungen gelten sollen, können sie nicht als Erkrankungen definiert werden. Was bedeutet „erhebliche Abweichungen“ von dem Verhalten oder Erleben „psychisch gesunder Menschen“? Wer definiert, was psychisch gesund ist? Wenn ein Kind unruhig ist, weicht das vom Verhalten der üblichen Kinder ab? Wann? Wen stört es? Das Kind selbst oder die Umgebung?

Weiter lesen

Anpassungsstörungen. Anpassung woran?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Artikel-Serie Störung

 

 

 

Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen erleben mussten, erhalten bei einer psychiatrischen oder therapeutischen Behandlung die Diagnose Anpassungsstörungen. Betrachten wir zunächst einmal die Definition im ICD-10. Hier heißt es: “Hier handelt es sich um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktonen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder bei Vorhandensein oder der drohenden Möglichkeit von schwerer körperlicher Krankheit auftreten. Die Belastung kann die Unversehrtheit des sozialen Netzes betroffen haben (bei einem Trauerfall oder Trennungserlebnis), das weitere Umfeld sozialer Unterstützung oder soziale Werte (wie bei Emigration oder nach Flucht).“[1]

Diese Definition ist sehr weit gefasst und bezieht sich also nicht nur auf traumatische Ereignisse. In dem Gebrauch dieser Definition sind uns zwei Aspekte begegnet. Der eine besteht in dem Begriff der „Anpassung“. Dieser ruft oft Widerstand bei den Menschen, die diese Diagnose erhalten, hervor. Sie fragen sich: Warum soll ich mich anpassen, wenn ich leide? Ist meine Trauer zu viel? Für wen? Für mich oder die andern? Wie kann jemand anders darüber entscheiden, wann ich mit meiner Trennung klarkomme oder nicht? Der Begriff der Anpassung impliziert die Forderung, etwas Gegebenes hinzunehmen. Zum Beispiel heißt es auf der Webseite www.neurologen-und-psychiater-im-netz.ork.: „Eine Anpassungsstörung tritt auf, wenn Menschen einen neu eingetretenen schwierigen psychischen oder physischen Zustand über einen längeren Zeitraum hinaus nicht akzeptieren können bzw. sich an die neue Lebenssituation nicht anpassen können.“

Weiter lesen