Aus aktuellem Anlass: „Die Kinder von Homburg“, ein Gastbeitrag von Dr. Claus Koch

Beitrag von Dr. Claus Koch

Mediziner waren sich Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in 20. Jahrhundert darin einig, dass ein Säugling als „Rückenmarksindividuum“ ohne jegliches subjektives Empfinden zur Welt kommt und man deswegen im Umgang mit ihm auf seine Schmerzempfindungen und Gefühle keine Rücksicht zu nehmen bräuchte. Eine Ansicht, die in der Pflege und medizinischen Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern noch weit bis in die 1950er-Jahre vertreten wurde. Nicht nur die willkürliche Trennung von Mutter und Kind blieb nach der Geburt gang gäbe, sondern auch der Umgang mit Kleinkindern und Kindern war von der „wissenschaftlichen“ Annahme geprägt, dass diese gegen die Folgen von psychischer Misshandlung und Missbrauch weitgehend immun seien, weil mehr oder weniger empfindungsunfähig und ohne Einsicht. „Das wächst sich aus“ war ein Satz, der vielen Eltern, Kinderpsychologen und Ärzten bei entsprechender Symptomatik damals schnell über die Lippen kam. Erst mit dem Beginn der Säuglingsforschung und dem Paradigmenwechsel in puncto Erziehung ab Mitte der 1960er Jahre änderte sich diese Einstellung grundlegend.

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Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen, Teil 1: Trigger!?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Artikel-Serie Achtsamkeit und traumatische Erfahrungen

 

 

 

Wir befürworten Achtsamkeitsübungen sehr und haben unser Konzept der Würde-Achtsamkeit im KLT-Journal auf der Webseite www.baer-frick-baer.de veröffentlicht. Die dreißigjährige Erfahrung mit Achtsamkeitseinheiten zeigt uns aber auch, dass Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen des besonderen Schutzes im Rahmen der Achtsamkeitsarbeit bedürfen. Leider ist dies zu wenig bekannt und wird in den zumeist buddhistisch geprägten Achtsamkeitsangeboten zu wenig bis gar nicht berücksichtigt. Deswegen ein Hinweis:

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Die dreifache Traumatisierung in der ehemaligen DDR

Was die Menschen in der ehemaligen DDR mit denen im Westen teilten, waren die traumatischen Erfahrungen von Krieg, Nationalsozialismus, Flucht und Vertreibung.

Hinzu kam in beiden Ländern die Traumatisierung der nächsten Generation. Überall wurde geschwiegen, in den Familien wie in der Gesellschaft. War es im Westen eher der Versuch, den Nationalsozialismus „vergessen“ zu machen und einen „Schlussstrich“ zu ziehen, durften im Osten zum Beispiel die Vergewaltigungen durch Soldaten der Sowjetarmee nicht erwähnt werden. Kein Makel durfte auf die „Befreier“ fallen. Dieses Schweigen wirkte wie eine Verlängerung der traumatischen Erfahrungen und hatte eine Traumaweitergabe an die nächsten Generationen zufolge.

Und eine dritte Traumatisierung kam in der damaligen DDR hinzu, wie mir beim Lesen des Buches „Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte“ des Historikers Andreas Petersen deutlich wurde.

Die Führungsschicht der SED und der neugegründeten DDR bestand aus den Kommunisten, die in den 30er Jahren in die Sowjetunion emigriert waren. Von den rund 8000 Emigranten in der SU überlebten nur 1400 Menschen. Die anderen wurden im Zuge der stalinistischen Säuberungen erschossen oder in Zwangsarbeitslager verbannt. Alle, buchstäblich alle, die überlebten, mussten ihre Genossen und Kameraden anschwärzen und denunzieren. Alle waren traumatisiert, Täter und Opfer zugleich. Darüber mussten sie den Mantel des Schweigens legen.

Diese dreifachen Traumatisierungswellen bestimmten das Klima.

Mutter und Tochter

Ein 13jähriges Mädchen beginnt, sich zu ritzen. Die Mutter war mit 14 Jahren vergewaltigt worden, hat darüber aber nie gesprochen. Kann das zusammenhängen?

Meine Vermutung ist, dass es Zusammenhänge geben kann, aber nicht muss. Einen Hinweis gibt uns die Erfahrung, dass Mädchen, die anfangen, sich selbst zu verletzen, zu ritzen, darüber zumeist Spannung abbauen. Sie wissen keinen anderen Weg, als über die Schmerzen ihre innere Anspannung zu verringern. Das berichten sie wiederholt.

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„Die Scham der Frauen und die Scham der Männer“, ein Interview mit Dr. Gabriele Frick-Baer

 

Wovor schämen sich Frauen besonders?

Die meisten Frauen schämen sich, wenn ihr Innerstes entblößt wird. Was das ist, ist individuell unterschiedlich, vielleicht wird das Tagebuch von jemandem Unbefugten gelesen oder eine andere Person sieht etwas am eigenen Körper, was nicht so vollkommen ist und verborgen bleiben soll. Vielleicht tritt Scham auf, wenn ein Fehler, der unentdeckt bleiben soll bemerkt wird. Andere schämen sich ihrer Armut oder Arbeitslosigkeit, schämen sich für Ihre Kinder, schämen sich bestimmter Krankheiten, z. B. ihrer Migräne und dergleichen mehr. Wovor und wobei sich Frauen schämen ist so vielfältig, wie die Menschen sind. Scham ist das Gefühl, das auftritt, wenn Intimes an die Öffentlichkeit gerät oder zu geraten droht. Scham macht darauf aufmerksam, ist also ein Wächter des Intimen Raums.

 

Schämen sich Männer anders?

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Fakten, die erschrecken

Vor kurzem veröffentlichte die „Aufarbeitungskommission des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs“ einen Bericht, in dem sie die Berichte von rund 1700 betroffenen Menschen auswertete. Zu finden unter www.aufarbeitungskommission.de.

Herausstachen für mich drei Informationen, die ich teilen möchte:

  • Nur 5% der Täter/innen waren Fremdtäter. Die meisten aus Familie, sozialem Umfeld, Institutionen, also von Menschen, bei denen die Kinder Schutz und Vertrauen erwarten konnten.
  • 17 % der Erfahrungen sexueller Gewalt erfolgten in Institutionen, davon 37 % Kirchen und 24 % in Schulen.
  • 48 % der Kinder waren zu Beginn der Tatzeit jünger als 6 Jahre.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 4: „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“

Unter dieser Überschrift klagte Kurt Eissler 1963 in der Zeitschrift  „Nervenarzt“ (17, (1963), S. 240–291) die psychiatrischen Behauptungen an, dass zum Beispiel KZ-Aufenthalte keine seelischen Folgen hervorrufen würden. Diese Theorie galt weiterhin, auch als 1967 in Deutschland Psychotherapie-Richtlinien verabschiedet wurden, die Leistungen der Krankenkassen für eine psychotherapeutische Behandlung seelischer Krankheiten vorsahen. Doch als Voraussetzung musste eine psychoanalytische oder verhaltensanalytische Entstehungsgeschichte dieser Krankheitsbilder gegeben sein.

„Äußere Belastungsfaktoren, seien sie auch in der allgemeinen Erfahrung von großem Gewicht, machen den Patienten nicht ohne weiteres seelisch krank.“ (Faber et al 1999, Seite 15, nach Maercker, Seite 8). Es mussten also unbewusste Konflikte gegeben sein. Das Überleben von Vergewaltigungen oder von Bombennächten reichte nicht. Dies galt vor allem für die psychoanalytische Richtung. In der Verhaltenstherapie stand eine andere Haltung.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 2: Vom „Eisenbahn-Rücken“ bis zur „traumatischen Neurose“

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

 

Dass traumatische Erfahrungen psychische Folgen haben, wurde lange Zeit abgestritten. Im Interesse der Mächtigen, im Interesse der Kranken- und Rentenversicherungen. Es lohnt sich, auf die Geschichte der schrittweisen Anerkennung von psycho-traumatologischen Folgen zu schauen, denn viele dieser Argumente und viele Aspekte dieses Kampfes um solche Anerkennung existieren noch heute.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 4: Nicht drängen, nicht drängeln

Dieser Artikel ist Teil 4 von 9 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

Oft wissen oder ahnen die Helferinnen und Helfer nach traumatisierenden Situationen, was den betroffenen Menschen guttun könnte. Doch entscheidend ist, dass sie nicht drängen und auch nicht drängeln. Denn die Menschen, um die es hier geht, haben eine extreme Belastung erfahren. Sie wurden bedrängt, durch Gewalt oder sexuelle Gewalt, durch Unglück oder andere schlimme Erfahrungen. Deswegen ist es wesentlich, dass sie Unterstützung in ihrer Autonomie erfahren und dass ihre Entscheidungsfähigkeit respektiert wird.

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Sicherer Ort, Teil 3

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Sicherer Ort

 

 

 

Der nächste „sichere Ort“, den traumatisierte Menschen gewinnen können, sind Beziehungen. Denn traumatische Erfahrungen sind Beziehungserfahrungen. Es waren andere Menschen, die den betroffenen Leid zugefügt haben, die sie vergewaltigt, geschlagen und erniedrigt haben. Es waren andere Menschen, die Hilfeleistung unterlassen und die Opfer alleine gelassen haben. Die traumatischen Erfahrungen sind daher immer eine Beziehungskränkung.

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