Sicherer Ort, Teil 2

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie Sicherer Ort

 

 

 

Das bisher vorgestellte Verständnis des „sicheren Ortes“ bedarf des Überdenkens. Dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen sich einen „sicheren Ort“ vorstellen, ist sinnvoll. Doch wissen wir aus Imaginationen, dass positive Imaginationen nicht immer alleine daherkommen, sondern oft mit negativen Bildern, ja manchmal mit verängstigenden Schreckensbildern verbunden sein können, insbesondere bei mehrfach traumatisierten Menschen. Es bedarf daher besonderer Ausbildung und Begleitungskompetenz, Klienten/innen bei solchen Imaginationen zu begleiten. Sie brauchen nicht nur die einfach scheinende Hilfe, positive Bilder eines „sicheren Ortes“ herzustellen. Sie brauchen darüber hinaus Hilfen zwischen angstmachenden und positiven Bildern und Vorstellungen zu wechseln.

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Das dreifache UND für Partner/innen traumatisierter Menschen

Wenn ein Partner oder eine Partnerin unter Trauma-Folgen leiden, insbesondere unter solchen sexualisierter bzw. sexueller Gewalt, dann spüren Partner/Partnerinnen oft für sie seltsame und manchmal belastende Verhaltensweisen der traumatisierten Menschen. Sie können diese antriggern. Sie können Übertragungen ausgeliefert sein. Sie können mit ihren Bemühungen um Nähe und liebevolles Verhalten auf Abweisung stoßen. Diese Erfahrungen müssen nichts damit zu tun haben, dass ihr/e Partner/in sie nicht liebt oder nicht mit ihnen die Liebe im Alltag leben möchte. Nein, es sind Folgen von traumatischen Erfahrungen, insbesondere Gewalterfahrungen einschließlich sexualisierter Gewalt. Diese Erfahrungen können zum Beispiel durch Nähe, durch Berührungen, Töne, Gerüche oder andere Erfahrungen wieder ausgelöst werden.

Hilfreich für die Angehörigen ist die Haltung des dreifachen UND, die hier kurz skizziert werden soll.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Beitrag 3: Stress triggert !

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

 

 

Die Volksweisheit sagt: „Wer einen Fahrradunfall hatte, sollte sofort wieder auf das Fahrrad steigen.“ Oder: „Wer vom Pferd gefallen ist, soll sofort weiter reiten.“ Diese Ratschläge sind für die meisten Menschen, die traumatischen Ereignissen ausgesetzt wurden, falsch.

Im Einzelfall kann dies eine Bewältigungsstrategie sein, doch all unsere Erfahrungen zeigen, dass Menschen, die traumatische Ereignisse durchlitten haben, danach eine Pause benötigen. Sie kann eine Woche dauern oder drei Tage, bei manchen auch zwei bis drei Wochen oder eine noch längere Zeit. Dies ist individuell unterschiedlich. In jedem Fall ist es wichtig, dass die Menschen Zeit und Raum bekommen, um sich wieder zu sortieren, wieder Boden unter den Füßen zu spüren, sich zu erholen.

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Sicherer Ort, Teil 1

Dieser Artikel ist Teil von 2 der Artikel-Serie Sicherer Ort

 

 

 

In der Traumapädagogik und Traumatherapie hat seit vielen Jahren die Arbeit mit dem „sicheren Ort“ einen besonderen Stellenwert. Die Notwendigkeit einer Pädagogik bzw. Traumapädagogik des „sicheren Ortes“ wird damit begründet, dass Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die traumatische Erfahrungen machen mussten, verunsichert sind und kein Vertrauen mehr in die Umgebung haben. Um dieser Verunsicherung entgegenzuwirken, brauchen sie Stabilität, Halt und den „sicheren Ort“. Dabei wird der „sichere Ort“ vor allem in zweierlei Hinsicht verstanden:

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Beitrag 1: Welchen Stellenwert hat die Erste Hilfe?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 3 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

Die Erste Hilfe nach traumatischen Ereignissen ist ein wesentlicher Bestandteil der Unterstützung. Sie beeinflusst im wesentlichen Maße, ob und wie traumatische Erfahrungen bearbeitet und verarbeitet werden können. Das hat verschiedene Gründe.

Der erste Grund liegt darin, dass die „Zeit danach“ dafür entscheidend ist, ob ein Trauma bewältigt werden kann oder ob es chronische Folgen gibt. Die Untersuchungen vor allem von Gabriele Frick-Baer[1] haben ergeben, dass die meisten Menschen, die traumatische Ereignisse durchleben mussten, sich in der Zeit danach alleine und alleine gelassen fühlten.

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Die Abstimmung in Irland, Abtreibung und die Würde Teil 2: Abtreibung und die Zeit danach

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie Die Abstimmung in Irland, Abtreibung und die Würde

 

 

Beitrag von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer

Wenn Frauen sich für eine Schwangerschaftsunterbrechung entscheiden, hat das für die Frauen Folgen, denen wir in Therapien begegnen. Viele Frauen leiden oft noch Jahre danach und manchmal Jahrzehnte später unter den seelischen Folgen einer Abtreibung. Dieses Leiden ist meist tief vergraben. Auch wenn sich die Frauen für eine Abtreibung entschieden haben und auch im Nachhinein nicht an ihrer Richtigkeit zweifeln, so ist doch jede Abtreibung eine schmerzliche Erfahrung. Sie ist ein schwerer körperlicher und seelischer Eingriff. Eine Frau, die eine Schwangerschaft abgebrochen hat, hat etwas verloren. Ein mögliches Lebewesen. Das tut weh. Da gibt es Schuldgefühle und Traurigkeit, die oft nicht zugelassen werden, da die Abtreibung ja gewollt war und die Frauen dazu stehen. Hier das große UND zuzulassen und sich den Gefühlen, die einer Abtreibung folgen, zu stellen, fällt vielen Frauen verständlicherweise sehr schwer.

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Zeiterleben und Trauma, Teil 7: Immer zu spät kommen

Dieser Artikel ist Teil 7 von 7 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

 

 

 

 

 

Ellen B. gab sich große Mühe, doch sie kam immer zu spät. Sie stellte sich morgens den Wecker rechtzeitig. Sie ging eine halbe Stunde früher aus dem Haus. Sie unternahm alles Mögliche, doch immer wieder kam sie zu spät. Insbesondere wenn sie Menschen traf, die ihr besonders wichtig waren, verspätete sie sich regelmäßig. Das galt für das Vorstellungsgespräch genauso wie für die Begegnung mit einer ihr lieben Freundin. Es war verflixt. Sie haderte mit sich und schimpfte sich aus. Doch je mehr sie sich Druck machte, desto schlimmer wurde es.

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„Fremdsein ist für mich ein Gefühl, aus dem man nicht austreten kann.“

Zwei Menschen schreiben ein Buch über Fremdsein, über Flucht, über Traumata. Usama Al Shahmani ist aus dem Irak geflüchtet und hat ein der Schweiz ein neues Leben aufgebaut. Bernadette Conrad kennt die Folgen von Flucht, Krieg und Trauma aus dem Erleben als Angehörige der zweiten und dritten Generation. Beide tauschen sich aus, beide finden eine Sprache, die berührt und zum Nachdenken bewegt.

 

Das Buch heißt: Shamani/Conrad: Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister. Eine Begegnung zwischen Bagdad, Frauenfeld und Berlin. Limmat Verlag Zürich.

Ich will hier nicht den Inhalt, die vielen Anregungen und Erfahrungen wiedergeben, lesen Sie selbst. Ein großartiges Buch. Ich habe viel daraus gelernt.

Zeiterleben Trauma, Teil 6: Zeitliche Dissoziationen

Dieser Artikel ist Teil 6 von 7 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Wenn ein Schreckenserleben für den betroffenen Menschen unaushaltbar wird, dann kann ein besonderer Schutzmechanismus in Kraft treten. Menschen können sich dann sich „wegbeamen“ oder das Erleben des Schreckens abspalten. Hält sich dies über einen längeren Zeitraum oder gar im weiteren Leben, wird dieser Zustand Dissoziation genannt. Manche Menschen mit traumatischen Erfahrungen reagieren auch mit zeitlichen Dissoziationen. Manche Lebensphasen werden zu einer Black Box. Es gibt keine zeitlichen Erinnerungen an diese Phase oder nur zwei oder drei Momente, die in dem Erinnerungsfluss aufblitzen. Manche Zeiten sind also dissoziiert, auf eine andere Stelle des Unterbewusstseins geschoben worden, was die wörtliche Übersetzung von „dissoziieren“ aus dem Lateinischen bedeutet. Zeitliche Dissoziationen sind also Erinnerungslücken oder vollständige Amnesien, die manche Zeitabschnitte des Lebens betreffen.

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Zeiterleben und Trauma, Teil 5: Das Warten

Dieser Artikel ist Teil 5 von 7 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Das Warten hat so viele Aspekte, dass es angebracht wäre, eine „Phänomenologie des Wartens“ zu verfassen. Wir können zum Beispiel gelassen warten oder äußerst unruhig bzw. angespannt. Wir erwarten Positives oder Negatives oder beides gleichzeitig. Wir können erwarten und abwarten, sogar beim Besuch von Gästen aufwarten. Hier möchte ich mich auf die Frage konzentrieren, welche Auswirkungen traumatische Erfahrungen auf das Warten haben können.

Nehmen wir ein Beispiel. Kinder erwarten den Weihnachtsmann. Auch wenn sie nicht an den Weihnachtsmann glauben, dann steigt die Spannung, die Aufregung erhöht sich. Manche Kinder werden sogar fiebrig, bis die Bescherung, die Verteilung der Geschenke ansteht. Alles, was bis dahin passiert, das Essen, die Musik, die Gesellschaftsspiele, wird als notwendiges Übel hingenommen oder als unerträglich erlebt, weil es scheinbar die Wartezeit in die Länge zieht.

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