Das Fremde zwischen Angst und Sehnsucht

Dieser Artikel ist Teil 1 von 4 der Artikel-Serie Fremdsein und Trauma

Fremdsein und Trauma 1

Fremd zu sein ist nicht nur die Beschreibung eines objektiven Zustandes. Wir Menschen können uns fremd fühlen, nehmen manches als befremdlich wahr oder sind uns selber fremd. Ich werde deshalb in einigen Beiträgen verschiedene Aspekte der Fremde und des Fremd-Fühlens beleuchten und dabei insbesondere die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen untersuchen.

Beginnen wir mit den offensichtlichen Phänomenen. Wenn uns Menschen etwas Fremdes entgegentritt, dann sind wir unsicher. Das Neue, das Fremde kann freundlich oder feindlich oder neutral sein. Wir wissen es zunächst nicht. Deswegen ist bei den meisten Menschen der erste Impuls zurückhaltend, abwägend, beobachtend.

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Sicherer Ort, das Verraumen und der unzerstörbare Kern

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Artikel-Serie Sicherer Ort

In der Traumapädagogik und Traumatherapie hat seit vielen Jahren die Arbeit mit dem „sicheren Ort“ einen besonderen Stellenwert. Die Notwendigkeit einer Pädagogik bzw. Traumapädagogik des „sicheren Ortes“ wird damit begründet, dass Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die traumatische Erfahrungen machen mussten, verunsichert sind und kein Vertrauen mehr in die Umgebung haben. Um dieser Verunsicherung entgegenzuwirken, brauchen sie Stabilität, Halt und den „sicheren Ort“. Dabei wird der „sichere Ort“ vor allem in zweierlei Hinsicht verstanden:

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Der leise Schrei: Warum manche Menschen so ungern Hilfe annehmen können!

Wir begegnen in der Traumahilfe oft Menschen, die ungern oder gar nicht Hilfe annehmen können. Das kann Beratung, Therapie oder andere Unterstützung betreffen. Wenn sie dann zum Beispiel in einer Therapie erfahren haben, dass Hilfe wirkt, erleichtert, stärkt, verstehen sie oft ihre frühere Haltung nicht.

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Völlig losgelöst

Das alte Lied „Völlig losgelöst“ (bekannt als „Major Tom“) wurde bei der Fußball-Europa-Meisterschaft vom DFB offiziell zur Torhymne der deutschen Mannschaft bestimmt und wird bei jedem Tor in den Stadien gespielt. Wenn ich es bei den Fernseh-Übertragungen höre, läuft mir jedes Mal ein Schauer über Rücken. Der Text handelt vom Suizid eines depressiven Raumfahrers. Niemand erwähnt das. Dass das Lied bei Partys gegrölt und in der Adidas-Werbung gespielt wird, ist geschmacklos genug. Ein Klick bei Google reicht, um den Text zu lesen. Es von der Zentrale des Deutschen Fußball zum offiziellen Song für Torjubel auszuwählen, ist für mich unfassbar. Er kann bei vielen Menschen, die einen Angehörigen oder eine Freund*in durch Suizid verloren haben und vielleicht dadurch traumatisiert sind, Schrecken reaktivieren. Dieses Lied ist keine Hymne. Es als Jubel zu spielen, ist entwürdigend.

Erinnern und Gedenken

Auf einem evangelischen Kirchentag in Berlin wurde darüber diskutiert, was Erinnern und Gedenken unterscheidet. Meine Antwort auf diese Frage lautet:

Erinnern ist ein offener Prozess des Erlebens. Wir erinnern uns mit unserem Denken und Fühlen. Wir können uns bewusst an etwas erinnern (das lernen wir in der Schule) und wir werden von Erinnerungen überfallen, manchmal überflutet (wie bei traumabedingten Flashbacks). Es gibt Erinnerungen, die guttun, und solche, die uns schmerzen …

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Wenn Blicke nicht aushaltbar sind…

Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten, werden oft von Blicken „getriggert“, das heißt, dass Blicke anderer Menschen die leibliche Erinnerung an Traumata, z. B. sexuelle Gewalt auslösen. Für sie sind Blicke oft nicht aushaltbar, da Augenkontakt mit Hilflosigkeit und Opfersein verbunden ist. Sie haben vielleicht die Erfahrung, von Tätern „ausgeguckt“ worden zu sein – unbefangener Blickkontakt ist für sie dann meist unerträglich.

Gleichzeitig spüren sie oft eine große Sehnsucht, gesehen zu werden – allerdings mit Respekt. Sie befinden sich folglich in einem Dilemma, sich nach Blickkontakt zu sehnen und ihn gleichzeitig nicht auszuhalten. Mit diesen Menschen hat sich ein Weg bewährt, den wir Fächertanz nennen. Er ermöglicht, mit Hinschauen und Wegschauen, Sich-Verstecken und Sich-Zeigen zu spielen und so neue Erfahrungen mit Blicken zu machen.

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Schwäche zeigen ist stark

Als Emma weint, lachen andere Kinder sie aus: »Heulsuse, Heulsuse!« Emma weint oft. Sie hat ihre Mutter verloren und ist seitdem sehr verunsichert und den Tränen sehr nahe.

Die Erzieherin möchte Emma schützen und bemüht sich, die anderen Kinder zu stoppen. Das gelingt nur kurzfristig. Also bietet sie eine Gruppenarbeit zum Thema an: »Wenn mir etwas weh tut.« Die Kinder erzählen von aufgeplatzter Haut am Knie, von Bauchschmerzen, vom gebrochenen Arm … »Kennt ihr auch Schmerzen, die man nicht sieht? Dass es innendrin weh tut, im Kopf oder im Herzen, in den Gedanken?« Urs sagt, dass er oft traurig ist, dass sein Papa nicht mehr bei ihnen wohnt. Auch andere erzählen.

Die Erzieherin erzählt vom Schmerzfresserchen, einem Wesen, das den Schmerz aufessen kann. Aber nur, wenn ein Kind den Schmerz zeigt. Zum Beispiel, indem es weint. Mit Tränen kann der Schmerz herausfließen. Wenn Kinder weinen, weiß das Schmerzfresserchen, dass es helfen muss.

Die Kinder malen ihr Schmerzfresserchen.

Dieses Beispiel zeigt, wie verpönt es immer noch ist, Schmerzen und damit Schwäche zu zeigen. Die Erzieherin geht damit beispielhaft um, sie macht es zum Thema der ganzen Gruppe.

Es gibt zahlreiche tolle Angebote, in denen Kinder ermutigt werden, stark zu werden. »Starke Kinder …« und andere mehr. Diese Angebote sind hilfreich. Doch es fehlt etwas. Kinder brauchen auch die Erlaubnis, ihre Schwäche zu zeigen – oder das, was dafür gehalten wird. Ihre Angst, ihre Traurigkeit, ihre Unsicherheit …

Alle Kinder, und traumatisierte Kinder besonders, brauchen eine Ermutigung, ihre Schwächen zu zeigen. Nur dann können sie geteilt werden und geteiltes Leid ist halbes Leid. Nur dann können sie getröstet werden oder andere Unterstützung erfahren. Machen Sie die Erlaubnis, schwach zu sein, zum Thema. Unterstützen Sie Kinder, die ihre Not zeigen. Seien Sie Vorbild, indem Sie auch einmal teilen, dass Ihnen etwas weh tut oder Sie nicht so gut drauf sind.

 

Ermutigen Sie Kinder, ihre Schwächen zu zeigen.

 

Buchtipp:

Udo Baer „Traumatisierte Kinder sensibel begleiten“

Basiswissen und Praxisideen

In jeder Kita-Gruppe gibt es ungefähr ein bis zwei Kinder, die eine traumatische Erfahrung machen mussten, z. B. durch das eigene Erfahren und Miterleben von Gewalt und Missbrauch, Flucht, Tod oder Konfrontationen mit alters unangemessenen Inhalten in digitalen Medien. Diese Zahlen zeigen: Das Thema Trauma ist kein fernes Problem, es kann frühpädagogischen Fachkräften in ihrem Kita-Alltag begegnen.
Das Praxisbuch bietet Basiswissen rund um Traumata bei Kindern, z. B.: Was ist ein Trauma, welche Folgen kann es haben, wie lässt es sich erkennen, was tue ich bei einem Verdacht, wie sollte ich mich verhalten?
Als praktisch ausgerichteter Teil folgt eine breite Palette an Informationen und Angeboten, wie Kinder (trauma-)sensibel begleitet werden können, u. a. Fallbeispiele, Gesprächshinweise sowie zahlreiche Spiele und Übungen, die der Stärkung und der Überwindung von Traumafolgen dienen wie ein Angstfresserchen malen oder Stoppsagen lernen. Alle Aktivitäten fördern auch Kinder, die keinen traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren.

Udo Baer
Traumatisierte Kinder sensibel begleiten  Basiswissen und Praxisideen

Beltz Verlag, 114 Seiten, 18,95 Euro, ISBN:978-3-407-72766-4   Bestellung hier

 

 

 

 

Traumatisierte Heimkinder im Alter – einige Erfahrungen

1     Am Ende einer Veranstaltung wurde die Frage gestellt: Wie kann ich vertrauensvoll im Alter in eine evangelische Einrichtung gehen, wenn ich als Kind in einem evangelischen Heim traumatisierende Gewalt erfahren habe?
Die Antwort nach meinen Erfahrungen lautet: Gar nicht.
Dieses Vertrauen ist nicht wiederzugewinnen. Die einzige Ausnahme, die ich kenne, existiert dann, wenn es eine vertrauensvolle persönliche Verbindung zur Leitung einer Einrichtung der Altenhilfe gibt. Aber das ist sehr, sehr selten.

2    Viele betroffene ehemalige Heimkinder werden durch die Einrichtung „Heim“ getriggert, unabhängig von der Trägerschaft. Der Geruch des Reinigungsmittels, ein langer Flur, feste Essenszeiten, Schritte im Flur … all das und viel mehr kann die Schrecken der Vergangenheit mobilisieren. Deswegen braucht es Alternativen zu Heimen, Wohngemeinschaften, wie Paula sie in Köln plant, ambulante Betreuung oder wie in dem Haus in Berlin-Neukölln: drei der 40 Wohnungen sind an einen Verein vermietet, der sie an traumatisierte Menschen weitervermietet und mit ihnen Kontakt hält. Letzteres wäre eine Option für diejenigen, für die selbst eine Wohngemeinschaft nicht aushaltbar wäre.

3    Es gibt betroffene Menschen, die nicht in ein wie auch immer geartetes Heim gehen wollen und können, und es gibt zahlreiche traumatisierte ehemalige Heimkinder in den bestehenden Heimen. Deswegen müssen den Mitarbeiter*innen dieser Einrichtungen Kenntnisse und Kompetenzen über Traumata und deren Folgen und den Umgang damit vermittelt werden. Ein Drittel bis zwei Drittel, je nach Alterskohorten, der Menschen in Einrichtungen der Altenhilfe sind traumatisiert. Heimkinder leiden unter den Besonderheiten ihrer traumatisierenden Erfahrungen UND sie stehen im Zusammenhang der zahlreichen Traumafolgen, die sich in der Altenhilfe zeigen und Würdigung brauchen.

4    Jeder Mensch, der traumatisierenden Schrecken erleben musste, wurde entwürdigt. Traumata sind Beziehungsverletzungen. Beziehungsverletzungen brauchen Beziehungsheilung, neue Beziehungserfahrungen mit Menschen, die würdigen. Dazu gehört, dass anerkannt wird, was Schlimmes diesen Menschen zugefügt wurde. Von Institutionen und Personen. Das sollte selbstverständlich sein. Dazu gehört auch tätige Reue. Institutionen und Personen müssen tätig werden, um den Opfern zu helfen, und sie müssen dafür aktiv eintreten, dass nie wieder solche Traumatisierungen geschehen.

 

Udo Baer

Was tun, wenn man zum Täter oder zur Täterin wird oder zu deren Kompliz*innen?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Artikel-Serie Angehörige

Angehörige, vor allem männliche Partner, können auf vielfältige Weise die Rolle eines Täters oder einer Täterin zugewiesen bekommen und diese einnehmen. Vielleicht suchen Sie sich der traumatisierten Partnerin sexuell anzunähern oder Sie widersprechen ihr oder Sie äußern einen aggressiven Satz, weil sie sich ärgern … – all das kann das Erleben der traumatisierten Person so triggern, dass Sie in die Rolle eines Täters gestellt werden. Man bezeichnet dies als Übertragung.

Wenn Sie eine solche Übertragung spüren, dann sollten Sie in jedem Fall innehalten und nicht mit dem, womit Sie gerade mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner beschäftigt sind, fortfahren. Ein wenig Abstand, ein wenig Pause, ein wenig Innehalten sind sinnvoll, damit die Übertragung sich nicht weiter festigt und Sie sich alle in Ihren Rollen als Täter oder Opfer festfahren.

In einem zweiten Schritt steht dann an, die Rollen zu klären, besonders Ihre eigene. Wenn Sie zum Beispiel von Ihrer Frau in eine Täterrolle geschoben werden, dann schlagen wir vor zu sagen: „Ich bin dein Mann und ich liebe dich und ich bin nicht ein Täter.“ Natürlich in Ihren Worten und mit Ihren Ausschmückungen. Sie werden damit nicht sofort durchdringen, aber irgendwann doch. In eine Täterrolle zu geraten, kann man nicht aussitzen.

In einem dritten Schritt ist es dann notwendig sich darum zu kümmern, was Ihre Partnerin, um bei diesem Beispiel zu bleiben, braucht, um aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Fragen Sie sie, bieten Sie ihr eine Umarmung an oder sonst etwas, von dem Sie wissen, dass es ihr guttut.

Die größten Schwierigkeiten bereitet es, wenn Sie in eine Übertragungsrolle geraten, die Ihnen eine Täterkomplizenschaft unterstellt. Es macht immer wieder fassungslos, dass und wie lange Menschen zusehen, dass Ihre Kinder vom anderen Elternteil oder anderen nahe stehenden Verwandten und Freunden Gewalt erfahren, oft auch sexualisierte Gewalt. Oft sind es Mütter, die den Töchtern nicht helfen. Ihr Schweigen und ihr Zulassen von Gewalttaten entspricht oft eigener Not, oft drohen ihnen auch die Täter. Diese Mütter haben meist selbst eigene Opfererfahrungen, mit denen sie in ihrer Kindheit und Jugend alleine fertig werden mussten. Das macht die unterlassene Hilfeleistung erklärlich, aber nicht verzeihlich. Auch Opfer haben die Möglichkeit, wenn sie selbst nicht einschreiten können, andere Menschen oder Einrichtungen zu informieren und um Hilfe zu bitten. Und viele tun das. Dies zu unterlassen ist nicht nur unterlassene Hilfeleistung, sondern auch Mittäterschaft und Komplizenschaft.

In familiären und anderen Liebesbeziehungen kann manchmal für die Opfer von traumatisierter Gewalt, die die Komplizenschaft anderer Familienangehöriger erlebt haben, diese Erfahrung dieser Komplizenschaft wieder lebendig werden. Sie können als angehörige Person diese Rolle übertragen bekommen. Möglicherweise werden Sie dann beschuldigt, die traumatisierte Angehörige, „nie“ zu unterstützen und sie und ihre Not „immer“ zu ignorieren. Auch hier gelten die gleichen drei Schritte, die in dem Umgang mit Täterrollen beschrieben worden sind: Erstens innehalten, zweitens aussprechen, was Sie empfinden und was ist, und drittens sich darum kümmern, was die traumatisierte angehörige Person braucht.