Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 7: Zusammenbrüche, Erstarrung und Trauer

Dieser Artikel ist Teil 7 von 7 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

 

Manchmal brechen Menschen zusammen, wenn sie eine traumatische Erfahrung machen mussten. Dies geschieht besonders häufig, wenn Menschen eine Todesnachricht erhalten. Viele Menschen brechen dann buchstäblich zusammen. Sie können dann nicht mehr stehen, sondern sinken danieder oder fallen um, manche werden ohnmächtig, manche bekommen Schreikrämpfe, zittern oder schlagen um sich …

Wenn Menschen zusammenbrechen, brauchen sie Halt. Im Notfall auch eine Beruhigungsspritze von einem Notarzt. Vor allem brauchen sie von Ihnen als der Person, die versucht, Erste Hilfe zu leisten, dass sie gehalten werden. Dies kann buchstäblich darin bestehen, dass Sie sie aufrecht festhalten. Sie können auch, wenn die Opfer schon auf dem Boden liegen oder sitzen, sich auf Augenhöhe dazusetzen, sie fest halten an den Füßen, am Oberkörper, am Kopf, wo auch immer. Selbstverständlich nur da, wo es auch akzeptiert wird. Wenn das verbal nicht geschehen kann, spüren Sie es, ob sich Menschen gegen Ihre Berührungen wehren oder nicht. Wenn Berührung nicht möglich ist, dann halten Sie sie fest mit Ihren Blicken und vor allem mit Ihrer Stimme. Reden Sie beruhigend und kontinuierlich. Schaffen Sie mit Ihrer Stimme einen Raum der Geborgenheit um die betroffene Person und Sie herum.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 6: Parteilichkeit, Schutz und Schuldgefühle

Dieser Artikel ist Teil 6 von 7 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

 

 

Wer eine traumatisierende Situation erleben musste, war schutzlos, konnte sich nicht erfolgreich wehren, war Gewalt und anderem ausgesetzt. Diese Menschen brauchen in der unmittelbaren Zeit danach (und auch später) Schutz. Dieser Schutz sind Sie. Sagen Sie deshalb, zeigen Sie deshalb, vermitteln Sie deshalb: „Ich bin jetzt für Sie da. Ich passe auf Sie auf.“

Ein Schutz kann sich auch darin äußern, dass Sie parteilich sind, indem Sie zum Beispiel sagen: „Es ist Ihnen etwas Schlimmes passiert. Ich bin an Ihrer Seite!“ Oft wissen die betroffenen Menschen auch nicht mehr, wie alles genau passiert ist und gleichzeitig wiederholen sich Szenenfetzen in einer Endlosschleife. Hier darf noch nicht „aufgearbeitet“ werden, hier steht der Schutz im Vordergrund.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 3: Zwischen den Weltkriegen: die „Kriegszitterer“

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

Nach dem ersten Weltkrieg haben nach vorsichtigen Schätzungen über 600 000 Menschen alleine unter den deutschen Soldaten Trauma-Störungen erlitten. Dies wurde damals als Kriegsneurose oder Schell-Schock, manchmal auch als Zweckneurose bezeichnet. Letzteres, weil unterstellt wurde, dass die betroffenen Menschen simuliert haben mit dem Zweck, vom Kriegsdienst freigestellt zu werden oder später nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Renten zu erhalten. Umgangssprachlich wurden die Menschen meist als „Kriegszitterer“ bezeichnet.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 5: Nicht alleine lassen!

Dieser Artikel ist Teil 5 von 7 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

Wir haben schon beschrieben: Am schlimmsten ist das Alleinsein danach. Wenn ein/e Helfer/in, egal ob professionelle Notfallhilfe oder Freund oder Freundin, ein Opfer eines traumatisierenden Ereignisses begleitet, dann ist dies eine wesentliche Hilfe. In der unmittelbaren „Zeit danach“ brauchen fast alle Opfer, dass sie nicht allein sind.

Ein Heimleiter erzählte mir sehr stolz, dass er eine Mitarbeiterin, die von einem Heimbewohner angegriffen wurde, nach Hause geschickt hat, damit sie sich erholen kann. Das ist gut gemeint gewesen, aber nicht desto weniger falsch. Sinnvoll wäre gewesen zu fragen: „Zu wem können Sie jetzt gehen? Wer kann Sie abholen? Sie können hier bei mir solange warten, bis jemand kommt …“ Also: Lassen Sie die Person in einer solchen Situation nicht allein.

Manche helfenden Menschen denken, sie müssen etwas tun. Sie müssen reden, organisieren. Sie müssen trösten oder sonst irgendwie Betroffene unterstützen. Das kann alles für die einen richtig sein, für die anderen nicht. Entscheidend ist, dass die Opfer von Gewalt und anderen traumatisierenden Handlungen nicht alleine sind. Da reicht es auch zu schweigen. Still nebeneinander zu sitzen ist eine Hilfe. Diese Hilfe besteht darin, bei den Menschen zu sein. Das zählt. Das ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen.

Lesen Sie auch: Gabriele Frick-Baer:
Trauma- Am schlimmsten ist das Alleinsein danch
Semnos Verlag Berlin, 2013 – ISBN: 978-3-934933-38-5
Weitere Informationen: hier

 

Sicherer Ort, Teil 2

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 der Artikel-Serie Sicherer Ort

 

 

 

Das bisher vorgestellte Verständnis des „sicheren Ortes“ bedarf des Überdenkens. Dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen sich einen „sicheren Ort“ vorstellen, ist sinnvoll. Doch wissen wir aus Imaginationen, dass positive Imaginationen nicht immer alleine daherkommen, sondern oft mit negativen Bildern, ja manchmal mit verängstigenden Schreckensbildern verbunden sein können, insbesondere bei mehrfach traumatisierten Menschen. Es bedarf daher besonderer Ausbildung und Begleitungskompetenz, Klienten/innen bei solchen Imaginationen zu begleiten. Sie brauchen nicht nur die einfach scheinende Hilfe, positive Bilder eines „sicheren Ortes“ herzustellen. Sie brauchen darüber hinaus Hilfen zwischen angstmachenden und positiven Bildern und Vorstellungen zu wechseln.

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Das dreifache UND für Partner/innen traumatisierter Menschen

Wenn ein Partner oder eine Partnerin unter Trauma-Folgen leiden, insbesondere unter solchen sexualisierter bzw. sexueller Gewalt, dann spüren Partner/Partnerinnen oft für sie seltsame und manchmal belastende Verhaltensweisen der traumatisierten Menschen. Sie können diese antriggern. Sie können Übertragungen ausgeliefert sein. Sie können mit ihren Bemühungen um Nähe und liebevolles Verhalten auf Abweisung stoßen. Diese Erfahrungen müssen nichts damit zu tun haben, dass ihr/e Partner/in sie nicht liebt oder nicht mit ihnen die Liebe im Alltag leben möchte. Nein, es sind Folgen von traumatischen Erfahrungen, insbesondere Gewalterfahrungen einschließlich sexualisierter Gewalt. Diese Erfahrungen können zum Beispiel durch Nähe, durch Berührungen, Töne, Gerüche oder andere Erfahrungen wieder ausgelöst werden.

Hilfreich für die Angehörigen ist die Haltung des dreifachen UND, die hier kurz skizziert werden soll.

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 3: Stress triggert !

Dieser Artikel ist Teil 3 von 7 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

 

 

Die Volksweisheit sagt: „Wer einen Fahrradunfall hatte, sollte sofort wieder auf das Fahrrad steigen.“ Oder: „Wer vom Pferd gefallen ist, soll sofort weiter reiten.“ Diese Ratschläge sind für die meisten Menschen, die traumatischen Ereignissen ausgesetzt wurden, falsch.

Im Einzelfall kann dies eine Bewältigungsstrategie sein, doch all unsere Erfahrungen zeigen, dass Menschen, die traumatische Ereignisse durchlitten haben, danach eine Pause benötigen. Sie kann eine Woche dauern oder drei Tage, bei manchen auch zwei bis drei Wochen oder eine noch längere Zeit. Dies ist individuell unterschiedlich. In jedem Fall ist es wichtig, dass die Menschen Zeit und Raum bekommen, um sich wieder zu sortieren, wieder Boden unter den Füßen zu spüren, sich zu erholen.

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Sicherer Ort, Teil 1

Dieser Artikel ist Teil von 3 der Artikel-Serie Sicherer Ort

 

 

 

In der Traumapädagogik und Traumatherapie hat seit vielen Jahren die Arbeit mit dem „sicheren Ort“ einen besonderen Stellenwert. Die Notwendigkeit einer Pädagogik bzw. Traumapädagogik des „sicheren Ortes“ wird damit begründet, dass Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die traumatische Erfahrungen machen mussten, verunsichert sind und kein Vertrauen mehr in die Umgebung haben. Um dieser Verunsicherung entgegenzuwirken, brauchen sie Stabilität, Halt und den „sicheren Ort“. Dabei wird der „sichere Ort“ vor allem in zweierlei Hinsicht verstanden:

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Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 1: Welchen Stellenwert hat die Erste Hilfe?

Dieser Artikel ist Teil 1 von 7 der Artikel-Serie Erste Hilfe bei Traumatisierungen

 

 

 

Die Erste Hilfe nach traumatischen Ereignissen ist ein wesentlicher Bestandteil der Unterstützung. Sie beeinflusst im wesentlichen Maße, ob und wie traumatische Erfahrungen bearbeitet und verarbeitet werden können. Das hat verschiedene Gründe.

Der erste Grund liegt darin, dass die „Zeit danach“ dafür entscheidend ist, ob ein Trauma bewältigt werden kann oder ob es chronische Folgen gibt. Die Untersuchungen vor allem von Gabriele Frick-Baer[1] haben ergeben, dass die meisten Menschen, die traumatische Ereignisse durchleben mussten, sich in der Zeit danach alleine und alleine gelassen fühlten.

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Die Abstimmung in Irland, Abtreibung und die Würde Teil 2: Abtreibung und die Zeit danach

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie Die Abstimmung in Irland, Abtreibung und die Würde

 

 

Beitrag von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer

Wenn Frauen sich für eine Schwangerschaftsunterbrechung entscheiden, hat das für die Frauen Folgen, denen wir in Therapien begegnen. Viele Frauen leiden oft noch Jahre danach und manchmal Jahrzehnte später unter den seelischen Folgen einer Abtreibung. Dieses Leiden ist meist tief vergraben. Auch wenn sich die Frauen für eine Abtreibung entschieden haben und auch im Nachhinein nicht an ihrer Richtigkeit zweifeln, so ist doch jede Abtreibung eine schmerzliche Erfahrung. Sie ist ein schwerer körperlicher und seelischer Eingriff. Eine Frau, die eine Schwangerschaft abgebrochen hat, hat etwas verloren. Ein mögliches Lebewesen. Das tut weh. Da gibt es Schuldgefühle und Traurigkeit, die oft nicht zugelassen werden, da die Abtreibung ja gewollt war und die Frauen dazu stehen. Hier das große UND zuzulassen und sich den Gefühlen, die einer Abtreibung folgen, zu stellen, fällt vielen Frauen verständlicherweise sehr schwer.

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