Sicherer Ort, Teil 1

Artikel-Serie "Sicherer Ort"


  • Sicherer Ort, Teil 1

 

 

 

In der Traumapädagogik und Traumatherapie hat seit vielen Jahren die Arbeit mit dem „sicheren Ort“ einen besonderen Stellenwert. Die Notwendigkeit einer Pädagogik bzw. Traumapädagogik des „sicheren Ortes“ wird damit begründet, dass Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die traumatische Erfahrungen machen mussten, verunsichert sind und kein Vertrauen mehr in die Umgebung haben. Um dieser Verunsicherung entgegenzuwirken, brauchen sie Stabilität, Halt und den „sicheren Ort“. Dabei wird der „sichere Ort“ vor allem in zweierlei Hinsicht verstanden:

Erstens wird versucht, die traumatisierten Menschen darin zu unterstützen, sich in ihrer Imagination einen „sicheren Ort“ vorzustellen. Durch Fantasiereisen werden die Menschen darin angeleitet, sich Orte auszumalen, an denen sie sich sicher fühlen. Diese werden dann in Worten beschrieben, manchmal auch gemalt. Sie werden zu einem inneren Zufluchtsort, den Menschen aktivieren können, wenn sie sich verunsichert fühlen.

Als zweites wird das Konzept des „sicheren Ortes“ vor allem in der Jugendhilfe dazu verwandt, die Einrichtungen der Jugendhilfe als „sicheren Ort“ zu konzipieren. Manchmal sollen auch Schulen oder Berufsschulen „sichere Orte“ werden. Richtig daran ist, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen und damit existentiellen Verunsicherungen eine möglichst haltende und geborgene und damit auch sichere Umgebung brauchen. Alles was dem dient, sollte unterstützt werden.

Das Konzept des „sicheren Ortes“ kann und sollte aber erweitert werden. Darauf gehe ich in dem zweiten Teil dieses Beitrages ein.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Ein Kommentar zu “Sicherer Ort, Teil 1

  1. Ich glaube, die Bedeutung des sicheren Ortes (im Sinne ihres 1. Punktes) knüpft an die von Ihnen in einem anderen Artikel beschriebene Sehnsucht ( des Opfers) nach Kontrolle (über sein Ich) an. Ihn deswegen nur als Zufluchtsort zu sehen, in der der Mensch nur Halt und Zuflucht vor Unsicherheiten sucht und finden kann, wäre nach meinem Verständnis nicht die erste wesentliche Bedeutung des sicheren Ortes.

    Selbst den Weg zum sicheren Ort zu finden bedeutet – auch wenn es anfangs unter Anleitung geschieht – nichts anderes, als die Kontrolle über sein Ich wieder zu erlangen. Diese Zielrichtung sollte mit der Vorstellung des sicheren Ortes angestrebt werden, glaube ich.

    Als Opfer benötigt man den sicheren Ort anfangs insbesondere auch in Situationen, in denen z.B. Bilder des Traumas in einem hochkommen. Diese Situationen zeigen dem Opfer, dass weiterhin der Täter Kontrolle über das Ich hat. Indem ich als Opfer diese Bilder durch einen sicheren Ort aufheben kann, befinde ich mich mit einem ersten kleinen Schritt wieder auf dem Weg mich von der Kontrolle des Täters zu lösen, um meine eigene Kontrolle wieder zu erreichen.

    Ich selbst baute instinktiv beim Aufkommen des Bildes, dass ich den Täter plötzlich hinter mir wahrnahm, gedanklich eine Mauer vor ihm. Durch diese Mauer verschwand das Bild langsam, was mich durch eigene Kontrolle in die Gegenwart zurückholte – was gut war, denn die Bilder erzeugen in mir keine Unsicherheiten, sondern massive Ängste aufgrund einer unsäglichen Hilflosigkeit.

    Sichere Orte sind für das Opfer aber auch wichtig, um ein Gegenpol zum Trauma aufzubauen. Verängstigt und hilflos und einsam, wie viele sich fühlen, brauchen sie diesen Gegenpol, um wieder auch das Gute in der Welt sehen zu können.

    Sichere Orte sind in meinen Augen daher Orte voller Menschlichkeit, Wärme und Empathie, so dass der Ort eigenlich unwesentlich ist. Der Mensch bewirkt, ob ein Ort sicher oder unsicher ist. Diesbezüglich findete man als Opfer nicht unbedingt sofort Sicherheit, denn unsere Gesellschaft sollte bezüglich der Opferhilfe noch viel lernen.

    Hiermit möchte ich natürlich die positive Arbeit vieler Einzelner nicht schmälern, meine Kritik an unsere Gesellschaft hebt vielmehr die Bedeutung dieser Menschen hervor. Ihnen gilt mein Dank als Opfer.

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