Viele traumatisierte Menschen beschreiben ihre Erfahrung mit dem Bild, dass sie aus der Welt gefallen sind, aus ihrer Welt. Ein besonderer Aspekt besteht darin, dass die Zugehörigkeit verloren gegangen ist. Wir Menschen fühlen uns dort zugehörig, wo es selbstverständliche Verbindungen und Bindungen zu anderen Menschen gibt. Da die meisten Menschen, die Traumata erlebten, sexuelle Gewalt erfuhren, und dies aus dem engsten Familien-, Verwandtschafts- und Nachbarschaftskreis, muss dies Auswirkungen auf das Vertrauen und die selbstverständliche Zugehörigkeit haben.
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Traumawürdigung & Trauma verstehen
Trauma-Würdigung ist uns Programm und Haltung. Um traumatisierte Menschen würdigend begleiten zu können, bedarf es eines Verständnisses traumatisierender Prozesse und deren Nachwirkungen. Sie finden hier dazu Beiträge und Artikel, die nach und nach ergänzt werden.
Alle Seiten dieses Themas finden Sie im Archiv „Traumawürdigung & Trauma verstehen“
Das „Dreifache Aus-der-Welt-Fallen“
Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben – vor allem Kriegserfahrungen, Überfälle und sexuelle Gewalt – beschreiben ihr Erleben so, dass sie „aus der Welt gefallen sind“. Sie befinden sich noch in der gleichen Welt wie vorher und in der gleichen Welt wie andere Menschen, doch in ihrem Erleben sind sie aus der bisherigen Welt in eine andere Welt gefallen: in eine Welt der Verzweiflung, in eine Welt oft des Abgrundes, in eine Welt, die andere nicht verstehen. Woraus sie gefallen sind, ist die Selbstverständlichkeit des In-der-Welt-Seins, der selbstverständliche sichere Ort im sozialen Netz.
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Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (1): Das Gefühl ernst nehmen
„Sie hatten mir gesagt: Das Boot ist sicher. Und doch ist es voll gelaufen!“ Der Flüchtling wurde gerade noch gerettet, seine Frau auch. Doch er fühlt sich auch ein Jahr danach noch getäuscht und verraten und ist fassungslos.
Eine deutsche Klientin war als 12jähriges Mädchen von ihrem Onkel vergewaltigt worden. „Ich hatte ihm doch vertraut. Darüber komme ich immer noch nicht hinweg. Nach über 20 Jahren müsste es doch vorbei sein …“ Auch sie fühlt sich verraten. Immer noch und immer wieder. Weiter lesen
Wer bin ich?
In Anschluss an die letzten 2 Beiträge heute unsere Gedanken zu einer der bedeutendsten Fragen, die einem in der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen begegnen. Mehr zu dem Thema lesen Sie in unserem Buch „Flucht und Trauma – wie wir traumatisierten Flüchtlingen wirksam helfen können“, das am 25. April 2016 erscheinen wird. Weiter lesen
Bleiben oder zurückkehren?
Anknüpfend an den Beitrag letzter Woche hier ein Beitrag zu einem Konflikt, der uns im Rahmen unser kommenden Buchveröffentlichung „Flucht und Trauma – Wie wir traumatisierten Flüchtlingen wirksam helfen können“ oft begegnete und beschäftigte.
Für viele Flüchtlinge ist klar, dass sie in Deutschland bleiben wollen. Sie beabsichtigen, sich hier niederzulassen und einzurichten. Andere wollen wieder in ihr altes Heimatland zurück, wenn sich die Verhältnisse dort ändern.
Viele der Flüchtlinge schwanken zwischen Hierbleiben und Zurückkehren. Hierfür ein Beispiel: Weiter lesen
Warum komme ich hier nicht an, obwohl ich mich so sehr anstrenge?
Im Rahmen unser kommenden Buchveröffentlichung „Flucht und Trauma – Wie wir traumatisierten Flüchtlingen wirksam helfen können“ begegneten meiner Frau und mir in Veranstaltungen zum Thema wiederholt ähnliche Fragen, deren Beantwortung wir hier und in den kommenden 2 Beiträgen teilen möchten.
Eine Frau meldet sich auf einer Diskussionsveranstaltung und richtet die Frage an uns: Weiter lesen
Trauma und Trauer – die Opfer
Wenn Menschen traumatische Erfahrungen erleben mussten, dann haben sie etwas verloren: vielleicht ihre Unbekümmertheit, in jedem Fall ihre Unversehrtheit, oft auch das Vertrauen in andere Personen. Mancherlei Einschränkungen im sozialen Leben können auf traumatische Erfahrungen vor allem sexueller Gewalt folgen. Auch hier drohen Verluste, auch verlieren die Opfer oft Beziehungen oder Beziehungsfähigkeiten.
Vieles geht verloren, vieles muss losgelassen werden. Also steht Trauern an. Denn Trauern ist das Gefühl des Loslassens. Trauer ist das Gefühl, das einerseits den Schmerz ausdrückt, wenn etwas verloren ist oder verloren geht. Und das andererseits den emotionalen Prozess beinhaltet, der ermöglicht, irgendwann wenigstens teilweise vom Feststecken in den schrecklichen Erfahrungen loszulassen. Wenn Menschen mit traumatischen Erfahrungen trauern, ist das gut und notwendig, denn nur so kann von dem Verlorenen Abschied genommen werden, nur so können sie die Erfahrungen verarbeiten und sich Neuem zuwenden.
Doch Trauer ist das Gefühl, das vielen Opfern traumatisierender Gewalt gleichzeitig am schwersten fällt. Warum ist das so? Weil die Gewalterfahrungen meist in die Erstarrung führen, weil die Verluste so stark sind, dass sie schockieren und nicht gespürt werden können. Der traumatische Schock führt aus Selbstschutz vor extremer Überforderung zu Anspannung und Erstarrung, die Trauern meist nicht zulässt.
Trauern wäre ein Mittel und ein Zeichen, dass sich Anspannung und Erstarrung lösen – und sich doch für die meisten Menschen nicht möglich, auch wenn sie manchmal die Impulse zu trauern in sich aufflackernd spüren. Hier muss ein drittes Element zur traumatischen Erstarrung und zur Notwendigkeit des Trauerns hinzukommen: die Beziehung zu anderen Menschen. Viele Opfer von Gewalt bleiben nach der traumatisierenden Erfahrung allein und fühlen sich alleingelassen. Wir wissen, dass Trauer Begleitung, Unterstützung, den Trost anderer braucht. Wenn Menschen sich allein fühlen, haben sie oft Angst, im Meer der Tränen zu versinken, wenn sie ihre Trauer zulassen. Doch wenn Trauer geteilt werden kann, wenn es mitfühlende und unterstützende Andere gibt, können Tränen fließen.
Die Konsequenz ist: Opfer traumatischer Gewalt brauchen Unterstützung beim Trauern und Ermutigung zu trauern. Jeder Ansatz, der Trauer Raum zu geben, fördert das Loslassen und damit die Bewältigung der traumatischen Erfahrung. Trauern hilft, wenn die Menschen dabei nicht allein sind.
Mit jeder Träne verlässt uns Menschen ein Stück des Kummers.
Verstummungskeule als „Kurzzeittherapie“
Vor einiger Zeit zitierte ein Redner auf einer Tagung, an der ich teilnahm, einen der bekanntesten Begründer der Kurzzeittherapie, Steve de Shazer:
„Reden über Probleme lässt die Probleme wachsen,
reden über Lösungen lässt die Lösungen wachsen.“
Dieser Satz ist, mit Verlaub, Unsinn, gefährlicher Unsinn. Selbstverständlich kann es manchmal gut sein, sich nicht nur in Problemen zu vertiefen, sondern eher auf Lösungen zu schauen. Doch über Probleme zu reden bedeutet nicht, sich in Problemen zu verlieren. Diese platten Gleichsetzungen sind unerträglich.
Einige von vielen Gedanken zu Paris
Fassungslos, erschreckt, traurig und voller Mitgefühl, so ging es mir, während die Nachrichten zu den Terrorattentaten in Paris eintrafen. Soweit ich überhaupt denken konnte und kann – einiges ist mir wichtig: Weiter lesen
Würde und Trauma 5: Selbstwürdigung – sieben Empfehlungen
Die entscheidende Hilfe auf dem Weg zur Würde brauchen die Opfer traumatischer Erfahrungen durch andere Menschen – durch Einzelne, durch Familien, durch Kolleginnen und Kolleginnen, durch Nachbar/innen, durch Freundinnen und Freunde, durch die Gesellschaft. Zumeist sind traumatische Erfahrungen Beziehungserfahrungen und, wir können es nicht oft genug wiederholen: Beziehungsverletzungen brauchen Beziehungsheilungen, brauchen würdigende Begegnungen und Beziehungen, damit die Opfer von Gewalt und anderen Entwürdigungen die Möglichkeit haben, sich in Begegnungen mit anderen Menschen, in denen sie sich aufrichten können, wieder neu zu erleben und neues Vertrauen zu Menschen, die sie respektieren, zu fassen. Das ist entscheidend. UND wir unterstützen Menschen mit entwürdigenden Erfahrungen auch auf dem Weg der Selbstwürdigung. Jede und jeder kann etwas tun, um sich selbst auf dem Weg der Würde zu unterstützen.