Würde und Trauma 5: Selbstwürdigung – sieben Empfehlungen

 

Die entscheidende Hilfe auf dem Weg zur Würde brauchen die Opfer traumatischer Erfahrungen durch andere Menschen – durch Einzelne, durch Familien, durch Kolleginnen und Kolleginnen, durch Nachbar/innen, durch Freundinnen und Freunde, durch die Gesellschaft. Zumeist sind traumatische Erfahrungen Beziehungserfahrungen und, wir können es nicht oft genug wiederholen: Beziehungsverletzungen brauchen Beziehungsheilungen, brauchen würdigende Begegnungen und Beziehungen, damit die Opfer von Gewalt und anderen Entwürdigungen die Möglichkeit haben, sich in Begegnungen mit anderen Menschen, in denen sie sich aufrichten können, wieder neu zu erleben und neues Vertrauen zu Menschen, die sie respektieren, zu fassen. Das ist entscheidend. UND wir unterstützen Menschen mit entwürdigenden Erfahrungen auch auf dem Weg der Selbstwürdigung. Jede und jeder kann etwas tun, um sich selbst auf dem Weg der Würde zu unterstützen.

Dazu wollen wir ermutigen. In unseren langjährigen Erfahrungen sind uns sieben Schritte der Selbstwürdigung besonders wichtig geworden:

  1. Geben Sie sich die Erlaubnis, zu klagen! Traumatische Erfahrungen und insbesondere (sexuelle) Gewalterfahrungen bewirken oft große Stille. Viele Betroffenen schweigen, weil sie nicht Gehör finden oder sich nicht trauen, sich zu öffnen und zu äußern. Andere schweigen aus Scham, aus Schuldgefühlen, aus Tabuisierung oder anderen Bedürfnissen. Dieses Schweigen zu durchbrechen, hilft und ist notwendig. Deswegen fordern wir auf, zu klagen über das, was beklagenswert ist, oft anklagenswert. Erheben Sie die Stimme! Wenn Sie das nicht können, dann schreiben Sie! Klagen Sie so, wie es Ihnen möglich ist! Wahrscheinlich gibt es das Gegenargument in Ihrem Kopf (oder sie hören es von anderen), man solle nicht so viel „jammern“ und kein „Jammerlappen“ sein. Jammern hat einen schlechten Ruf, weil es meistens beinhaltet, sich über etwas zu beschweren, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, ohne dass dies in Handlungen mündet. Ja manchmal, ohne das dies einen Grund hat. Doch Sie als Opfer von Gewalt haben einen Grund und Ihr Klagen ist kein Ersatz dafür, sich aufzurichten und wieder in das Leben zu schreiten, sondern der Anfang, oder zumindest ein wesentlicher Schritt dazu, sich wieder aufzurichten. Und dieses Sich-Aufrichten ist Selbstzweck und Ziel genug. Deswegen, geben Sie sich die Erlaubnis, zu klagen!

 

  1. Üben Sie, konkret nein zu sagen! Das Nein der Opfer von Gewalt, insbesondere sexueller Gewalt, wurde von den Täter/innen nicht gehört. Sie, die Opfer, konnten und können nichts dafür, dass ihr Nein nicht gehört wurde, da sie der physischen und/oder psychischen Macht des oder der Stärkeren ausgeliefert waren. Ob ihr Nein dabei laut war oder leise oder gänzlich unhörbar, spielte dabei für ihr Gegenüber keine Rolle – ihnen wurde gegen ihren Willen Gewalt angetan. Dieses Nein war existentiell, war ein großes NEIN, weil es ihr Leben und ihre Unversehrtheit betraf. Oft führt dies bei Gewaltopfern dazu, dass sie sich nicht mehr trauen, in kleinen wie in großen Angelegenheiten nein zu sagen, da ihr Nein ja anscheinend keinen Wert und keine Wirksamkeit hatte. Viele müssen das Nein-Sagen wieder üben und lernen, deswegen ermutigen wir Sie: Trauen Sie sich, das kleine Nein zu üben. Versuchen Sie immer wieder, wenn Ihnen etwas nicht passt, wenn Sie etwas nicht wollen, konkret abzulehnen, was Sie nicht wollen. Erlauben Sie sich das Innehalten, um zu überlegen und nachzuspüren, ob ein Ja oder Nein angesagt ist. Und wenn Sie sich unbedacht auf etwas eingelassen haben, was Sie eigentlich nicht wollen, erlauben Sie sich im Nachklang und Nachtrag, Ihre Entscheidung zu korrigieren. Fordern Sie von anderen, Ihre Entscheidung zu respektieren, Sie zu respektieren. Üben Sie das konkrete, üben Sie das kleine Nein! Der Mut zum großen NEIN und die Kraft, dies zu zeigen, haben dadurch alle Chancen, fast von allein zu wachsen.

 

  1. Wer gibt Ihnen Rückendeckung? Traumatische Erfahrungen erschüttern und verunsichern. Also brauchen Opfer von Gewalt Rückendeckung, andere Menschen, die sie stützen und halten, die sie schützen, die ihren Rücken decken. Wer nach vorne gehen möchte, sollte darauf achten, dass das, was hinter ihm ist, geschützt und unterstützt wird. Deshalb empfehlen wir: Halten Sie nach Menschen Ausschau, die Ihnen Rückendeckung geben, und testen Sie sie auf ihre Wahrhaftigkeit! Riskieren Sie lieber, durch schnelles Hinschauen und Hinspüren Enttäuschungen zu erleben, als dass Sie erleben müssen, dass Ihnen (wieder) in den Rücken gefallen wird.

 

  1. Unterstützung suchen beim Aufrichten! Der Weg der Selbstwürdigung führt aus der Erniedrigung zum Aufrichten. Der Weg des Aufrichtens kann aus vielen kleinen Schritten bestehen. Sie sollten deswegen bei jedem Schritt Ihres Lebens immer darauf achten, ob er dem Aufrichten dient. Was das konkret bedeutet, können wir Ihnen nicht sagen, aber wir sind sicher, dass Sie das spüren werden. Nehmen Sie sich ernst. Und ein weiterer Hinweis, der mit dem Aufrichten verbunden ist: Sich aufzurichten ist nicht immer einfach. Wir brauchen dabei Halt und Unterstützung, wir brauchen andere Menschen, die uns auf Augenhöhe aushalten und nicht klein halten oder klein machen wollen, Menschen, die Freude an unserem Wachstum haben. Deswegen lautet die große innere Frage, die Sie an Ihren Familien- und Freundeskreis stellen: Wer mag mich groß? Wem begegne ich auf Augenhöhe und wer findet das gut? Betrachten Sie unter diesem Gesichtspunkt die Menschen, die Sie begleiten und wählen Sie entsprechend aus, wer Sie beim Aufrichten unterstützen kann und wer eher nicht.

 

  1. Würdigen Sie Ihren inneren Kern! Jeder Mensch hat einen inneren Kern, der auch als innerer Ort der Bewertung, als unzerstörbarer Kern oder als zentraler Ort bezeichnet wird. Diesen inneren Kern konnten die Täter/innen, die Ihnen etwas angetan haben, verletzen, aber nicht zerstören. Von diesem inneren Kern aus richten Sie sich auf. Von diesem inneren Kern aus entscheiden Sie, was Sie wollen oder was Sie nicht wollen, was Sie mögen oder was Sie ablehnen, wozu Sie ja oder wozu Sie nein sagen, welche Richtung Ihres Lebens Sie einschlagen. Diesen inneren Kern finden Sie auf keinem Röntgenbild und in keinem Anatomieatlas, aber Sie können ihn spüren, wenn Sie auf Ihren Atem achten und sich fragen, wo in Ihnen dieser innere Kern sein mag. Vielleicht finden Sie ihn an Ihrem Herzen oder in Ihrer Körpermitte. Manche entdecken ihn im Schulterblatt, im Ellbogen, an der Fußsohle oder hinter der Stirn – die Form, der Ort, die Qualität des inneren Kern ist so individuell unterschiedlich wie Menschen verschieden sind. Wichtig ist, dass Sie Ihrem inneren Kern immer wieder Achtsamkeit schenken. Legen Sie die Hand auf die Stelle, wo Sie ihn vermuten und schenken Sie ihm ein, zwei, drei Atemzüge Achtsamkeit. Oder malen Sie ihn. Oder schenken Sie ihm einen Ton. Oder gestalten Sie ein kleines Objekt, das Ihrem inneren Kern Respekt erweist. Den inneren Kern zu achten, ist eine wesentliche Hilfe bei der Selbstwürdigung.

 

  1. Sie haben ein Recht, dass es Ihnen gut geht! Viele Menschen, die traumatisiert sind und vor allem diejenigen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, erleben sich so, als wären sie aus der Welt gefallen, als stünden Sie am Rande eines Abgrundes oder sind in ihn gestoßen worden. Dann tauchen in ihnen oft die Fragen auf: Wer bin ich, dass es mir gut gehen darf? Wer bin ich, die ich glücklich sein darf? Wer bin ich, dass ich Erfolg haben darf? Wer bin ich, dass ich geliebt werden darf? In der traumatischen Erfahrung wurden diese Fragen verneint bzw. hatten keinerlei Relevanz. Die Person wurde als Objekt behandelt und entwürdigt. Doch im Prozess der Traumawürdigung gilt es, den Tätern und Täterinnen nicht mehr die Macht über ihr Selbstwertgefühl zu überlassen, sondern sich auf den Weg zu begeben, die Frage immer wieder mit „ja“ beantworten zu können. „Ja, ich darf glücklich sein. Ja, ich darf lieben und geliebt werden!“ Dazu haben Sie ein Recht, weil Sie ein Mensch sind. Dazu haben Sie ein Recht, weil Sie so sind, wie Sie sind.

 

  1. Sich respektieren. Eine junge Frau war oft in ihren Entscheidungen unsicher. Sie wusste oft nicht, wonach sie sich entscheiden sollte. Da schrieb sie sich mit einem Stift auf ihren Unterarm „ICH RESPEKTIERE MICH!“, in großen Buchstaben. Dies erinnerte sie daran, sich bei jeder Entscheidung zu fragen, ob sie mit ihrer Wahl sich jeweils selbst Respekt erwies oder nicht. Das half. Viele Menschen sind sich unsicher und viele haben, weil sie keinen oder zu wenig Respekt erfahren haben, in der Folge den Respekt vor sich verloren. Er ist ihnen nicht einfach abhanden gekommen, sondern verringerte sich oder entschwand aufgrund von negativen Erfahrungen. Zu diesen gehörten nicht nur, aber oft Erfahrungen traumatisierender Gewalt. Um so wichtiger ist es, diesen Respekt sich selbst gegenüber zu „trainieren“. Das gelingt besonders, wenn sie den Respekt sich selbst gegenüber zum Maßstab ihres Handelns nehmen. Ein Beispiel: Der jungen Frau passt das Verhalten einer Freundin nicht. Sie will ihr das sagen, ist sich aber sicher, dass die Freundin das zumindest erst einmal als Kränkung versteht und beleidigt sein dürfte. Deshalb schwankt sie. Diese junge Frau spürt, dass es der Respekt vor sich selbst verlangt, dass sie ihre Kritik äußert, auch um den Preis der Auseinandersetzung. „Ich könnte sonst nicht gut damit leben. Da wäre immer etwas zwischen uns gestanden. Der Respekt vor mir selbst verlangt, dass ich das tue.“ Wir empfehlen Ihnen, so wie diese junge Frau, zu handeln: Fragen Sie bei jeder Entscheidung und insbesondere bei schwierigen Entscheidungen, bei denen Sie unsicher sind, welche Antwort, welche Entscheidung dem so entspricht, dass Sie sich selbst in Ihren Gefühlen, in Ihrem Herzen, in Ihrer Lebendigkeit respektieren. Da mag es sein, dass Sie sich anders als die eben zitierte Frau bewusst dazu entschieden hätten, der Freundin nichts zu sagen, aus welchen Beweggründen auch immer. Wesentlich ist, dass Sie für Ihre Entscheidungen und Ihr Handeln den Respekt sich selbst gegenüber als Maßstab und Orientierung nehmen. Dafür gibt es keine Checklisten und keine vorgefertigten Antworten, aber Sie werden es spüren. Seien Sie achtsam, nehmen Sie sich ernst.

 

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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