Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (2): Der Verlust der Zugehörigkeit und des Eingehaustseins

Viele traumatisierte Menschen beschreiben ihre Erfahrung mit dem Bild, dass sie aus der Welt gefallen sind, aus ihrer Welt. Ein besonderer Aspekt besteht darin, dass die Zugehörigkeit verloren gegangen ist. Wir Menschen fühlen uns dort zugehörig, wo es selbstverständliche Verbindungen und Bindungen zu anderen Menschen gibt. Da die meisten Menschen, die Traumata erlebten, sexuelle Gewalt erfuhren, und dies aus dem engsten Familien-, Verwandtschafts- und Nachbarschaftskreis, muss dies Auswirkungen auf das Vertrauen und die selbstverständliche Zugehörigkeit haben.

Die Zugehörigkeit zum alten „Nest“, zur alten Umgebung ist brüchig geworden, auch dadurch, dass die meisten traumatisierten Menschen keine oder zu wenig Unterstützung in der „Zeit danach“ erhalten haben. Auch das „Eingehaustsein“ ist gestört, manchmal zerstört. Unter Einhausen verstehen wir das, was die Menschen aus ihrer inneren und äußeren Lebenswelt als selbstverständlich spüren. Gerüche, Klänge, Verhaltensweisen, Begegnungsformen und viele sonstige Erfahrungen. Eingehaust sind wir in dem, was uns selbstverständlich ist, wo wir zuhause sind. Und das Zuhause ist in uns wie um uns.

Durch sexuelle Gewalt- oder andere traumatische Erfahrungen ist nicht nur etwas Fremdes, etwas Verletzendes in dieses Eingehaustsein eingedrungen, sondern viele Opfer sexueller und anderer Gewalt zweifeln überhaupt an dem, was sie als selbstverständlich empfinden, worin sie zuhause sind. Und das fühlt sich an, als wären sie verraten worden. Verraten worden durch Täter und Täterinnen, verraten worden durch das Allein-gelassen-Werden in der Zeit danach, verraten worden dadurch, dass ihnen die Selbstverständlichkeit genommen wurde. Das Gefühl des Verrats beinhaltet deswegen oft, gerade für traumatisierte Menschen, den Verlust des Eingehaustseins und der Zugehörigkeit. Im Umkehrschluss heißt es für die Unterstützung, Begleitung, Heilung von Menschen mit Verratserfahrungen, dass wir unterstützen sollten, Wege zu neuen Zugehörigkeiten zu schaffen und das Einhausen wieder zu lernen, zu entwickeln. Der Schlüssel dazu ist das Vertrauen: Wann ist mein Misstrauen angemessen? Wem kann ich vertrauen? Welchen Erfahrungen kann ich vertrauen? Welchen Begegnungen kann ich vertrauen? Und so weiter. Diese Fragen müssen und sollten immer wieder gestellt werden, nicht für sich alleine, sondern im Austausch mit denen, die unterstützen, helfen und begleiten.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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