Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (7): Die Zeit der Asche und der Trauer

In skandinavischen Sagen und Heldengeschichten begegnen wir oft dem Phänomen, dass sich Männer, die sehr tatkräftig waren und sind, eine Zeit lang zurückziehen, sich in den großen Höfen neben die Kamin-Feuer legten, mit Asche bedeckten und dort lange Zeit nahezu apathisch verharrten. Dies wurde „Zeit der Asche“ genannt. Heute würde die Diagnose wahrscheinlich „depressive Episode“ lauten. Doch es muss nicht gleich eine Depression sein, wenn Menschen den Impuls haben, sich zurückzuziehen.

Dieser Rückzug wird oft begleitet von Schmerz und von Trauer. Viele Menschen, die Opfer von Gewalt waren, dadurch traumatisiert wurden und sich dabei und dadurch verraten fühlten, durchleben solche Phasen des Rückzugs in Schmerz und Trauer, solche „Zeiten der Asche“. Und das ist gut so, das ist normal. Wer einer gewalttätigen Nähe ausgesetzt wurde, braucht Abstand. Rückzug ist dann eine wichtige Hilfe, um Schmerzen verdauen und bewältigen zu können. Es ist hilfreich, dies Menschen, die Trauma und Verrat erlebt haben, zu erklären, damit sie nicht noch mit sich hadern, weil sie das Bedürfnis nach solchen Zeiten der Asche verspüren.

Und gleichzeitig wohnt diesen Zeiten der Asche etwas Paradoxes, etwas Widersprüchliches inne. Auf der einen Seite gibt es das Bedürfnis nach Rückzug und Kontaktabbruch und auf der anderen Seite wissen wir, dass es gut ist, den Schmerz und die Trauer mit anderen Menschen zu teilen. Diese widersprüchlichen Aspekte werden nicht durch ein Entweder-Oder verknüpft, sondern durch ein großes UND verbunden. Beide Seiten sind notwendig und wichtig, beide Aspekte sollten leben dürfen. Es ist hilfreich, sich Zeiten der Asche zu gönnen, und es ist notwendig, Schmerz und Trauer zu teilen, damit sie vorübergehen und ihre Kraft verlieren können.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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