Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (3): Radikaler Respekt

Wer das Gefühl hat, verraten worden zu sein, hat die Erfahrung gemacht, dass er oder sie nicht respektiert wurde. Dies hat oft zur Folge, dass diese Menschen nachhaltig verunsichert sind. Sie sehnen sich auf der einen Seite danach, respektiert zu werden, auf der anderen Seite hat die Erfahrung fehlenden Respekts oft dazu geführt, dass der Respekt vor sich selbst verunsichert, manchmal verwirrt und verkümmert ist und oft angezweifelt wird. Respekt vor sich selbst heißt, sich ernst nehmen in seinen Widersprüchlichkeiten, auch in seinem Kummer, auch in seiner Verunsicherung. Und deswegen empfehlen wir Menschen, die Verratserfahrungen haben, dass sie sich darum bemühen und darin unterstützt werden, den Weg des radikalen Respekts zu gehen. Das heißt:

  • immer wieder zu fragen „Was ist mein Impuls? Was ist mein Wille? Wohin möchte ich?“…
  • immer wieder sich damit auseinanderzusetzen: „Wozu sage ich ja, wozu sage ich nein?“ Wir Menschen haben oft den Impuls, etwas abzulehnen, aber respektieren diesen Impuls nicht, sondern übergehen ihn, weil man es ja „anderes“ von ihnen erwartet oder aus sonstigen Gründen. Deswegen unsere Ermutigung: Respektieren Sie ihre Impulse, auch die allerersten, die Ihnen in den Sinn kommen.
  • Auch das Spüren, dass etwas in der Luft liegt und nicht zu greifen, ist ein Spüren. Deswegen nehmen Sie auch ernst, dass Sie unsicher sind. Nehmen Sie auch ernst, dass Sie etwas nicht greifen können. Nehmen Sie auch ernst, was Sie spüren, egal was es ist.
  • Respektieren Sie auch, dass Sie – wenn Sie Ihren Impulsen folgen könnten – zum Beispiel weggehen würden, aber dass Sie das nicht schaffen im gegenwärtigen Moment, in der gegenwärtigen Situation. Respektieren Sie auch diese Schwankungen, sie sind ein Teil von Ihnen. Sie sind wahrscheinlich eine Durchgangsphase, ein Durchgangssyndrom, aber auch das ist eine Folge von Verrat, dass man diesen Respekt nicht mehr hat, sondern oft darüber hinweggeht. Deswegen, respektieren Sie das!
  • Respektieren Sie das Schwanken und die Unsicherheit. Sie müssen nicht in jedem Zeitpunkt wissen, was Sie wollen. Sie können hin- und herschwanken. Sie können unentschieden sein. Und dann respektieren Sie, dass Sie unentschieden sind im gegenwärtigen Moment, in der gegenwärtigen Situation.

Viele weitere Momente des radikalen Respekts, des radikalen Respektierens gibt es. Wichtig ist nicht das konkrete Verhalten, sondern die Haltung. Unterstützen Sie Menschen, die Verrat erlebt haben, darin und vielleicht auch sich selbst: in der Haltung des radikalen Respekts.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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