Trauma – Wege des Überlebens: Zuschminken

Eine Frau Mitte Vierzig erzählt:

„Ich verbringe jeden Morgen anderthalb Stunden damit, mich zu schminken. Ich weiß, das ist viel Zeit, aber irgendwie brauche ich das. Und wenn ich abends noch einmal weggehe, dann brauche ich noch einmal eine halbe Stunde, um alles nachzuschminken, damit alles wirklich gerichtet ist.

Wenn ich mich ungeschminkt sehe, hielt ich das früher gar nicht aus. Das fing nach der Gewalt an … Da konnte ich mich gar nicht sehen. Ich habe eine Zeit lang den Spiegel aus dem Badezimmer weggehängt. Ich konnte mich nicht sehen. Ich wollte mich nicht sehen. Dann half mir das Schminken. Das war Überleben. Ich habe mich so hergerichtet, dass ich in die Welt gehen konnte. Damit habe ich mich sicher gefühlt und mein verletzliches Ich war unter der Schminke verborgen und zumindest etwas geschützt. Wenn ich mich heute ungeschminkt anschaue, ist das nicht mehr so schlimm wie früher, aber ich sehe mich immer noch sehr verletzt und ich schminke mich weiterhin. Das ist nicht mehr so stark wie früher und nicht jeder Lidstrich muss akkurat sein und ich brauche auch nicht mehr drei Schichten über der Haut … Aber es gibt mir immer noch Sicherheit und die brauche ich und die nehm’ ich mir.“

Ich gebe Ihnen die Geschichte dieser Frau wieder, weil ich großen Respekt habe vor den vielfältigen Wegen des Überlebens, die traumatisierte Menschen suchen und finden. Sich zu schminken ist ein Weg des Überlebens, den viele Frauen nutzen und den es als solchen zu würdigen gilt. Wir beobachten oft, wie auch diese Frau es erzählt, dass im Zuge von Unterstützung durch Therapie und andere Hilfen der Druck und die extreme Notwendigkeit des Schminkens nachlassen. Trotzdem bleibt es als Erfahrung von Geschütztsein eine Hilfe, die das Gefühl von Schutz und Geborgenheit unterstützt.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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