Die positive Rache

Manche Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, vor allem traumatische Gewalterfahrungen haben Rachegedanken. Doch viele lassen diese Rachegedanken und Phantasien nicht zu, weil Rache verpönt ist und einen extrem schlechten Ruf hat. Die Haltung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist zurecht ersetzt worden durch ein modernes Rechtssystem, das mit all seinen Unwägbarkeiten und Unzulänglichkeiten doch eine hervorragende Grundlage ist, schwache Menschen zu schützen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Doch Rachegedanken sind nicht Rachehandlungen. Wir haben in der Therapie oft erlebt, dass es Menschen, die Opfer waren, gut tut, Rachegedanken zuzulassen und in ihren Vorstellungen die eine oder andere Rachehandlung auszuleben – in der Fantasie! Das gab ihnen wenigstens eine Vorstellung von Macht und war eine Hilfe, den Weg aus der Ohnmacht herauszufinden.

Doch es gibt noch mehr, noch andere Wege der Rache, sogar einen Weg der „positiven Rache“. Eine Frau erzählt: „Ich habe mir geschworen, dass die Drecksäcke, die mir das angetan haben, mich nicht unterkriegen. Ich glaube, damit räche ich mich am meisten. Die wollten mich zerbrechen. Doch das schaffen die nicht. Ich stehe hier und ich lebe und ich lasse es mir gut gehen. Damit zeige ich es ihnen!“

Diese Haltung hilft vielen Opfern von Gewalt und anderen traumatisierenden Erfahrungen. Weiterzuleben, es sich gut gehen zu lassen, für ein gutes Leben, für ein gelingendes, glückliches Leben zu kämpfen und zu sorgen, das ist das, was die Gewaltopfer aufrichtet und über die Täter/innen erhebt. Deswegen ermutigen wir Opfer (sexueller) Gewalt zu dieser „positiven Rache“.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.