Trauma und Trauer – die Opfer

Wenn Menschen traumatische Erfahrungen erleben mussten, dann haben sie etwas verloren: vielleicht ihre Unbekümmertheit, in jedem Fall ihre Unversehrtheit, oft auch das Vertrauen in andere Personen. Mancherlei Einschränkungen im sozialen Leben können auf traumatische Erfahrungen vor allem sexueller Gewalt folgen. Auch hier drohen Verluste, auch verlieren die Opfer oft Beziehungen oder Beziehungsfähigkeiten.

Vieles geht verloren, vieles muss losgelassen werden. Also steht Trauern an. Denn Trauern ist das Gefühl des Loslassens. Trauer ist das Gefühl, das einerseits den Schmerz ausdrückt, wenn etwas verloren ist oder verloren geht. Und das andererseits den emotionalen Prozess beinhaltet, der ermöglicht, irgendwann wenigstens teilweise vom Feststecken in den schrecklichen Erfahrungen loszulassen. Wenn Menschen mit traumatischen Erfahrungen trauern, ist das gut und notwendig, denn nur so kann von dem Verlorenen Abschied genommen werden, nur so können sie die Erfahrungen verarbeiten und sich Neuem zuwenden.

Doch Trauer ist das Gefühl, das vielen Opfern traumatisierender Gewalt gleichzeitig am schwersten fällt. Warum ist das so? Weil die Gewalterfahrungen meist in die Erstarrung führen, weil die Verluste so stark sind, dass sie schockieren und nicht gespürt werden können. Der traumatische Schock führt aus Selbstschutz vor extremer Überforderung zu Anspannung und Erstarrung, die Trauern meist nicht zulässt.

Trauern wäre ein Mittel und ein Zeichen, dass sich Anspannung und Erstarrung lösen – und sich doch für die meisten Menschen nicht möglich, auch wenn sie manchmal die Impulse zu trauern in sich aufflackernd spüren. Hier muss ein drittes Element zur traumatischen Erstarrung und zur Notwendigkeit des Trauerns hinzukommen: die Beziehung zu anderen Menschen. Viele Opfer von Gewalt bleiben nach der traumatisierenden Erfahrung allein und fühlen sich alleingelassen. Wir wissen, dass Trauer Begleitung, Unterstützung, den Trost anderer braucht. Wenn Menschen sich allein fühlen, haben sie oft Angst, im Meer der Tränen zu versinken, wenn sie ihre Trauer zulassen. Doch wenn Trauer geteilt werden kann, wenn es mitfühlende und unterstützende Andere gibt, können Tränen fließen.

Die Konsequenz ist: Opfer traumatischer Gewalt brauchen Unterstützung beim Trauern und Ermutigung zu trauern. Jeder Ansatz, der Trauer Raum zu geben, fördert das Loslassen und damit die Bewältigung der traumatischen Erfahrung. Trauern hilft, wenn die Menschen dabei nicht allein sind.
Mit jeder Träne verlässt uns Menschen ein Stück des Kummers.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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