Die dreifache Traumatisierung in der ehemaligen DDR

Was die Menschen in der ehemaligen DDR mit denen im Westen teilten, waren die traumatischen Erfahrungen von Krieg, Nationalsozialismus, Flucht und Vertreibung.

Hinzu kam in beiden Ländern die Traumatisierung der nächsten Generation. Überall wurde geschwiegen, in den Familien wie in der Gesellschaft. War es im Westen eher der Versuch, den Nationalsozialismus „vergessen“ zu machen und einen „Schlussstrich“ zu ziehen, durften im Osten zum Beispiel die Vergewaltigungen durch Soldaten der Sowjetarmee nicht erwähnt werden. Kein Makel durfte auf die „Befreier“ fallen. Dieses Schweigen wirkte wie eine Verlängerung der traumatischen Erfahrungen und hatte eine Traumaweitergabe an die nächsten Generationen zufolge.

Und eine dritte Traumatisierung kam in der damaligen DDR hinzu, wie mir beim Lesen des Buches „Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte“ des Historikers Andreas Petersen deutlich wurde.

Die Führungsschicht der SED und der neugegründeten DDR bestand aus den Kommunisten, die in den 30er Jahren in die Sowjetunion emigriert waren. Von den rund 8000 Emigranten in der SU überlebten nur 1400 Menschen. Die anderen wurden im Zuge der stalinistischen Säuberungen erschossen oder in Zwangsarbeitslager verbannt. Alle, buchstäblich alle, die überlebten, mussten ihre Genossen und Kameraden anschwärzen und denunzieren. Alle waren traumatisiert, Täter und Opfer zugleich. Darüber mussten sie den Mantel des Schweigens legen.

Diese dreifachen Traumatisierungswellen bestimmten das Klima.

Mutter und Tochter

Ein 13jähriges Mädchen beginnt, sich zu ritzen. Die Mutter war mit 14 Jahren vergewaltigt worden, hat darüber aber nie gesprochen. Kann das zusammenhängen?

Meine Vermutung ist, dass es Zusammenhänge geben kann, aber nicht muss. Einen Hinweis gibt uns die Erfahrung, dass Mädchen, die anfangen, sich selbst zu verletzen, zu ritzen, darüber zumeist Spannung abbauen. Sie wissen keinen anderen Weg, als über die Schmerzen ihre innere Anspannung zu verringern. Das berichten sie wiederholt.

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„Die Scham der Frauen und die Scham der Männer“, ein Interview mit Dr. Gabriele Frick-Baer

 

Wovor schämen sich Frauen besonders?

Die meisten Frauen schämen sich, wenn ihr Innerstes entblößt wird. Was das ist, ist individuell unterschiedlich, vielleicht wird das Tagebuch von jemandem Unbefugten gelesen oder eine andere Person sieht etwas am eigenen Körper, was nicht so vollkommen ist und verborgen bleiben soll. Vielleicht tritt Scham auf, wenn ein Fehler, der unentdeckt bleiben soll bemerkt wird. Andere schämen sich ihrer Armut oder Arbeitslosigkeit, schämen sich für Ihre Kinder, schämen sich bestimmter Krankheiten, z. B. ihrer Migräne und dergleichen mehr. Wovor und wobei sich Frauen schämen ist so vielfältig, wie die Menschen sind. Scham ist das Gefühl, das auftritt, wenn Intimes an die Öffentlichkeit gerät oder zu geraten droht. Scham macht darauf aufmerksam, ist also ein Wächter des Intimen Raums.

 

Schämen sich Männer anders?

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Fakten, die erschrecken

Vor kurzem veröffentlichte die „Aufarbeitungskommission des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs“ einen Bericht, in dem sie die Berichte von rund 1700 betroffenen Menschen auswertete. Zu finden unter www.aufarbeitungskommission.de.

Herausstachen für mich drei Informationen, die ich teilen möchte:

  • Nur 5% der Täter/innen waren Fremdtäter. Die meisten aus Familie, sozialem Umfeld, Institutionen, also von Menschen, bei denen die Kinder Schutz und Vertrauen erwarten konnten.
  • 17 % der Erfahrungen sexueller Gewalt erfolgten in Institutionen, davon 37 % Kirchen und 24 % in Schulen.
  • 48 % der Kinder waren zu Beginn der Tatzeit jünger als 6 Jahre.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 4: „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“

Unter dieser Überschrift klagte Kurt Eissler 1963 in der Zeitschrift  „Nervenarzt“ (17, (1963), S. 240–291) die psychiatrischen Behauptungen an, dass zum Beispiel KZ-Aufenthalte keine seelischen Folgen hervorrufen würden. Diese Theorie galt weiterhin, auch als 1967 in Deutschland Psychotherapie-Richtlinien verabschiedet wurden, die Leistungen der Krankenkassen für eine psychotherapeutische Behandlung seelischer Krankheiten vorsahen. Doch als Voraussetzung musste eine psychoanalytische oder verhaltensanalytische Entstehungsgeschichte dieser Krankheitsbilder gegeben sein.

„Äußere Belastungsfaktoren, seien sie auch in der allgemeinen Erfahrung von großem Gewicht, machen den Patienten nicht ohne weiteres seelisch krank.“ (Faber et al 1999, Seite 15, nach Maercker, Seite 8). Es mussten also unbewusste Konflikte gegeben sein. Das Überleben von Vergewaltigungen oder von Bombennächten reichte nicht. Dies galt vor allem für die psychoanalytische Richtung. In der Verhaltenstherapie stand eine andere Haltung.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 2: Vom „Eisenbahn-Rücken“ bis zur „traumatischen Neurose“

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

 

Dass traumatische Erfahrungen psychische Folgen haben, wurde lange Zeit abgestritten. Im Interesse der Mächtigen, im Interesse der Kranken- und Rentenversicherungen. Es lohnt sich, auf die Geschichte der schrittweisen Anerkennung von psycho-traumatologischen Folgen zu schauen, denn viele dieser Argumente und viele Aspekte dieses Kampfes um solche Anerkennung existieren noch heute.

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Von der Härte beim Kämpfen

Thea F. hatte in ihrer Jugend Gewalt erfahren. Mehrmals. Sie hat sich geschworen, sich das nie mehr bieten zu lassen. Sie kämpft. Sie setzt sich für Opfer ein. Sie kämpft für die Frauenrechte und lässt sich „nichts mehr gefallen“.

Mit dieser Haltung und diesem Verhalten ist sie zufrieden. Doch unter einem Aspekt leidet sie. Manchmal kämpft sie gegen Kolleginnen, gegen Freundinnen, gegen andere Menschen und merkt danach, dass gar nicht so viel Kampf notwendig gewesen wäre. Oft kämpft sie vorsorglich mit großer Intensität. Manchmal zurecht, manchmal vergeudet sie ihre Energie, ja manchmal verletzt sie andere Menschen, was sie gar nicht möchte. Und sie merkt, dass sie sich oft verausgabt und zu hart und zu streng mit sich selbst ist.

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Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 1: Ehre für Ulrich Venzlaff

Dieser Artikel ist Teil von 3 der Artikel-Serie Zur Geschichte der Trauma-Leugnung

 

 

Ulrich Venzlaff wurde 1921 geboren und starb 2013. Er erregte Aufsehen, als er sich in einem Gutachten für eine Entschädigung eines ehemaligen Naziverfolgten einsetzte. Dies geschah schon 1952. Er erkannte bei den traumatisierten Menschen eine „verfolgungsbedingte Neurose“. Dieses Gutachten versetzte die Öffentlichkeit und vor allen Dingen das zuständige Entschädigungsamt in große Unruhe, weil diese eine „Gefahr einer nachfolgenden Lawine von Rentenansprüchen“ zu erkennen meinten. Denn bis dahin stand es außer Frage, dass Verfolgungen im Nationalsozialismus und andere Traumata oder erst recht Kriegsfolgen keinerlei Entschädigungsansprüche begründeten.

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Drei Viertel der Flüchtlinge sind traumatisiert!

Drei Viertel der Flüchtlinge sind traumatisiert!

Drei von vier geflüchteten Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak sind traumatisiert. Das sind seit 2015 über 600.000 Menschen, die aus diesen Ländern stammen und in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben.

Dies berichtet die am 30. Oktober veröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, das über 2.000 geflüchtete Menschen aus diesen drei Ländern befragte.  58 % der Befragten waren mehrfach traumatisiert. Mehr als zwei Fünftel der Befragten zeigen Anzeichen einer depressiven Erkrankung.

Quelle: Helmut Schröder, Klaus Zok, Frank Faulbaum
Gesundheit von Geflüchteten in Deutschland – Ergebnisse einer Befragung von Schutzsuchenden aus Syrien, Irak und Afghanistan. Oktober 2018

 

neues Buch von Udo Baer: Traumatisierte Kinder sensibel begleiten – Basiswissen & Praxisideen

 

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten
Basiswissen & Praxisideen

Dieses Buch ist soeben in der Reihe Nikolo bei Beltz erschienen und überall erhältlich.
Es ist vor allem für Fachkräfte in Kindergärten und Kitas geschrieben, aber auch für Grundschul-Lehrerer/innen und
Therapeut/innen ein nützlicher „Handwerkskoffer.

 

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten
Basiswissen und Praxisideen,
Beltz Verlag, ca. 128 Seiten, ISBN:978-3-407-72766-4
Bestellung hier

„Für die sensible Trauma-Begleitung von Kindern bietet dieses Praxisbuch:

  • kompaktes Basiswissen rund um Traumata bei Kindern, z. B.: Was ist ein Trauma? Welche Ursachen und  Folgen kann es haben? Wie lässt es sich erkennen? Was tue ich bei einem Verdacht   und wie sollte ich mich verhalten?
  • einen umfassenden Praxisteil mit einer breiten Palette an Informationen und Angeboten, wie Kinder (trauma-)sensibel begleitet werden können, u. a. Gesprächshinweise, Fallbeispiele sowie Spiele und Übungen, die der Stärkung und der Überwindung von Traumafolgen dienen
  • zahlreiche Bilderbuchtipps, die Kindern und Fachkräften den gemeinsamen Zugang erleichtern. Die Ideen und Aktivitäten richten sich an die gesamte Kita-Gruppe, sodass die Fachkräfte gemeinsam mit allen Kindern einen sensiblen und unterstützenden Umgang mit dem Thema Trauma erfahren.“