Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 2: Vom „Eisenbahn-Rücken“ bis zur „traumatischen Neurose“



 

 

 

Dass traumatische Erfahrungen psychische Folgen haben, wurde lange Zeit abgestritten. Im Interesse der Mächtigen, im Interesse der Kranken- und Rentenversicherungen. Es lohnt sich, auf die Geschichte der schrittweisen Anerkennung von psycho-traumatologischen Folgen zu schauen, denn viele dieser Argumente und viele Aspekte dieses Kampfes um solche Anerkennung existieren noch heute.

Die ersten Hinweise über die Literatur hinaus gab es in den USA am Ende des 19. Jahrhunderts. Dort bedeutete der Siegeszug der Eisenbahn gleichzeitig einen großen angstmachenden Faktor für die Bevölkerung. Deswegen erweckten Eisenbahnunfälle ein großes Interesse. Erich Sen verwendete erstmals 1866 den Begriff des „railway-spine“. Spine bedeutet Rücken. Er meinte damit psychische Auswirkungen, vor allem Schocks, nach Eisenbahnunfällen, für die er aber in erster Linie chronische Rückenmarksveränderungen verantwortlich machte. Die ersten, die überhaupt von solchen psychischen Veränderungen sprachen, waren alle Chirurgen, deswegen auch der Verweis auf den Rücken und das Rückenmark. Immer häufiger wurden allmählich Angst und Schreck betont, bis schließlich gegen Ende des Jahrhunderts auch von einer Schreckneurose gesprochen wurde.

Diese Bezeichnung wurde allerdings gesellschaftlich weitgehend bekämpft mit dem Argument, dies gäbe nur den Anlass, damit Menschen Schadenersatzanforderungen stellen könnten.

Als gemeinsames Merkmal der seelischen Schädigungen wurde der Kontrollverlust bezeichnet. Damit rückte die Symptomatik in die Nähe der sehr „populären“ Hysterie.

In Deutschland sprach der Neurologe Oppenheim zu Beginn des 19. Jahrhunderts von „traumatischen Neurosen“, womit er zum ersten Mal posttraumatische Symptome als eine eigene Kategorie einführte: „Die Hauptrolle spielt das Psychische: der Schreck, die Gemütserschütterung. Die im Moment des Unfalls eintretende schreckhafte Aufregung ist meist so bedeutsam, dass sie eine dauernde psychische Alteration bedingt.“ (Oppenheim, 1889, Seite 123 f). Oppenheim begründete damit Rentenversicherungsansprüche, denen die Reichsversicherungskammer folgte. Dies betraf nur eine sehr kleine Anzahl von Menschen. Dennoch war der Widerstand sehr groß. Andere Professoren führten eine entwürdigende Diffamierungskampagne gegen Oppenheim.

 

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

2 Kommentare zu “Zur Geschichte der Trauma-Leugnung, Teil 2: Vom „Eisenbahn-Rücken“ bis zur „traumatischen Neurose“

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Baer!

    Ihren Einblick in die Geschichte der Trauma-Leugnung finde ich als Betroffener sehr interessant. Ich erlebe dieses selbst noch immer im eigenen Verfahren und bei den Verfahren, in die ich durch Verbundenheit zu den betroffenen Menschen Einblick habe – und dies nun seit 2 Jahren 10 Monaten und 6 Tagen.

    Es ist traurig, dass durch dieses „Leugnen“ die Behörden nicht zur Genesung der Betroffenen beitragen, denn auch hierdurch wird den Betroffenen ihre Hilflosigkeit durch das Alleinsein wärend der erlebten Tat gespiegelt. Der Betroffene muss dann einen Kampf führen, den er eigentlich garnicht mehr führen kann – allenfalls mit juristischen Beistand.

    Daher bedanke ich bei Ihnen, dass sie hier anderen einen Einblick über die „Trauma-Leugnung“ geben.

    Mit freundlichen Grüßen, KBS

  2. Die Trauma-Leugnung ist „breit gestreut“. Die gesamtgesellschaftlich gern genutzte TRAUMA-LEUGNUNG ermöglicht den ( wissentlich ? ) „Unwissenden“ eine gnadenlos! emphatiebefreite Retraumatisierung von Menschen, denen bereits in jungen Jahren (Kindheit / Jugend) Gewalt angetan wurde. So ist z.B. diese ganz spezielle AUFARBEITUNGSKOMMISSION „ganz bei der Sache“, wenn es darum geht, traumatisierte Menschen zu retraumatisieren. WEM NUTZT DAS ? : “ …Die Reproduktion der DNA des Traumas unter der Schirmherrschaft der UKASK

    Es war von allem viel zu viel, viel zu schnell und viel zu heftig. Trauma eben. Bereits im ersten Panel haben die beiden Betroffenen von so viel Horror aus ihrer Kindheit im Detail berichtet, dass es eigentlich den Rest des Tages gebraucht hätte, um das Gehörte zu verarbeiten und den eigenen Gedanken und vor allem den eigenen Gefühlen Raum zu geben, die das Gehörte in der eigenen Vorstellungswelt und damit im eigenen Körper an Gefühlen und Empfindungen ausgelöst hat. Für mich zumindest. Und ich bin eigentlich ein routinierter Zeuge für biographische Berichte dieser Art. Ein Blick in die Runde, von der Bühne ins Publikum lässt Aktivierungsgrade jenseits der acht vermuten. Manche weinen, manche starren vor sich hin oder schauen aus dem Fenster. Ein Mix aus Horror, Dissoziation und Aktivierung, in meinem Kopf hämmert immer lauter die Frage: Wem nutzt das? …Die Moderatoren haben durch ihre Gesprächsführung die Betroffenen direkt in das toxische Material hineingeführt. Wozu soll das an dieser Stelle gut sein? „Erzählen Sie mal“ bedeutet im Kontext von Trauma: Die Handgranate auf den Tisch legen und den Zünder auslösen….“: https://andreas-huckele.de/1-oeffentliche-hearing-ukask/ So ist dann auch diese – ganz aktuelle – Besorgnis auf die gesamtgesellschaftlich übliche Trauma-Leugnung zurück zu führen .: „Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weißen Rings, hat die Besorgnis, dass die Empfänger künftig regelmäßig aufs Neue traumatisiert werden. Denn der Entwurf sieht vor, dass in Zukunft alle fünf Jahre überprüft werden soll, ob der Anspruch auf bewilligte Leistungen noch berechtigt ist. „Der Gesetzentwurf dokumentiert leider ein Misstrauen der Bürokratie gegen Antragsteller, die schwerste Schicksalsschläge geltend machen“, sagt Ziercke.“: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/sexueller-missbrauch-reform-der-opferentschaedigung-mangelhaft-a-1246446.html Und ich frage mich, ernsthaft .: Wie kann es sein, dass zwar einerseits die an jungen Menschen ( Kinder/ Jugendliche ) verübte Gewalt in einer RANDBEMERKUNG mittlererweile konkret beziffert werden darf ( Es handelt sich um „nur“ 8 Millionen traumatisierte Menschen laut offizieller, prozentualer Angabe. : https://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/neurologie_psychiatrie/article/671219/traumafolgen-kosten-mehrere-milliarden-euro.html ) und gleichzeitig keine traumaspezifisch ausgerichteten Angebote für diese Millionen von Menschen zur Verfügung gestellt werden ? Die Realität ist die folgende.: „…Hierfür erarbeiten Gremien Richtlinien für Art und Umfang zugelassener Behandlungsverfahren.
    Für die psychotherapeutische Versorgung bedeutet dies, dass nur PsychotherapeutInnen mit Approbation psychische Störungen behandeln dürfen und das auch nur, wenn eines der drei Richtlinienverfahren angewandt wird (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie [TP], Verhaltenstherapie [VT], Psychoanalyse [PA])….Durch die Beschränkung auf die drei Richtlinienverfahren werden Therapieverfahren, die in anderen europäischen Ländern zum Standard im Gesundheitswesen gehören, von der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland ausgeschlossen (Gestalttherapie, Körpertherapie, kreative Therapien, u.a.)

    Für Betroffene hat das zur Folge, dass behandelbare traumabezogene Störungen nicht im notwendigen Maß behandelt werden (können).
    Das führt nicht nur zu einer unnötigen Verlängerung des Leidens, sondern in vielen Fällen auch zu teilweise vermeidbaren Klinikaufenthalten, Arbeitsunfähigkeiten und Frühverrentungen….“: https://blog-traumatherapie-luebeck.de/initiative-phoenix-petition-fuer-bedarfsgerechte-psychotherapie/ – Da wo Trauma geleugnet wird, findet Trauma ganz einfach nicht statt und benötigt auch keine traumaspezifisch ausgerichtete Versorgung. Basta! So einfach ist das. So traumablind und empathielos! … P.S. Eine Retraumatisierung kann im schlimmsten Falle tödlich! enden. Oder – bei Überleben – endet eine Retraumatisierung dann in der Abhängigkeit zu dem Staat, der sich bei der Gewalt an jungen Menschen gern! und ausgiebig! zurück hält. : https://www.hr-inforadio.de/programm/dossiers/kindeswohl/die-deutsche-zurueckhaltung-bei-gewalt-gegen-kinder,kindeswohl-wissenswert-eltern-100.html

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