Von der Härte beim Kämpfen

Thea F. hatte in ihrer Jugend Gewalt erfahren. Mehrmals. Sie hat sich geschworen, sich das nie mehr bieten zu lassen. Sie kämpft. Sie setzt sich für Opfer ein. Sie kämpft für die Frauenrechte und lässt sich „nichts mehr gefallen“.

Mit dieser Haltung und diesem Verhalten ist sie zufrieden. Doch unter einem Aspekt leidet sie. Manchmal kämpft sie gegen Kolleginnen, gegen Freundinnen, gegen andere Menschen und merkt danach, dass gar nicht so viel Kampf notwendig gewesen wäre. Oft kämpft sie vorsorglich mit großer Intensität. Manchmal zurecht, manchmal vergeudet sie ihre Energie, ja manchmal verletzt sie andere Menschen, was sie gar nicht möchte. Und sie merkt, dass sie sich oft verausgabt und zu hart und zu streng mit sich selbst ist.

So wie Thea F. geht es vielen Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Es ist großartig, dass sie ihre Gewalterfahrungen nicht einfach weitergeben und selbst entwürdigend handeln. Es ist großartig, dass sie parteilich sind gegen Gewalt und gegen die Entwürdigung. Doch irgendetwas irritiert sie, ja führt manchmal zum Leiden. Damit meine ich nicht, dass sie immer das genaue Maß finden sollten. Nein. Das gibt es im Kampf gegen Entwürdigung nicht. Das kann es nicht geben.

In therapeutischen und anderen Begleitungen habe ich häufig gemerkt, dass kämpferische Parteilichkeit gut ist, dass aber oft daneben das Loslassen, das Trauern, fehlt. Wenn Menschen Leid erlitten haben, ist der Zorn, der zu parteilichem Handeln führt, eine angemessene Reaktion UND – ich betone das große UND – es braucht auch das Trauern als Gefühl des Loslassens. Denn es ist traurig, dass Menschen entwürdigt worden sind. Es ist traurig, dass sie die Selbstverständlichkeit eines glücklichen Lebens verloren haben. Es ist traurig, dass ihnen Leid zugefügt wurde.

Als Thea F. diesen Aspekt mehr zu spüren und zu leben begann, blieb sie kämpferisch und blieb sie parteilich, doch sie wurde darin geschmeidiger und manchmal weicher, zumindest zu sich selbst.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Ein Kommentar zu “Von der Härte beim Kämpfen

  1. Eine Anmerkung :
    Ja, die entwürdigten , traumatisierten Menschen kämpfen. U.a. kämpfen sie auch um eine tatsächliche Unterstützung, die es ermöglichen sollte innerseelische Prozesse ( Schritt für Schritt) in sich zulassen zu können. Der Schmerz, der große Schmerz (der alles zu überwältigen drohende Schmerz) befindet sich unter der Wut und dem Zorn. Dieser, mit der Trauer verbundene, Schmerz ist nicht, eben mal schnell, per „richtiger“ innerer Einstellung und Verstandes-Anbetung zu erreichen. Und erst recht nicht, wenn die Situation der in Deutschland , laut offizieller Zahlenangabe 8 Millionen traumatisierten Menschen ( prozentual angegeben : https://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/neurologie_psychiatrie/article/671219/traumafolgen-kosten-mehrere-milliarden-euro.html ) sich wie folgt gestaltet.: „…Durch die Beschränkung auf die drei Richtlinienverfahren werden Therapieverfahren, die in anderen europäischen Ländern zum Standard im Gesundheitswesen gehören, von der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland ausgeschlossen (Gestalttherapie, Körpertherapie, kreative Therapien, u.a.)
    Für Betroffene hat das zur Folge, dass behandelbare traumabezogene Störungen nicht im notwendigen Maß behandelt werden (können).
    Das führt nicht nur zu einer unnötigen Verlängerung des Leidens, sondern in vielen Fällen auch zu teilweise vermeidbaren Klinikaufenthalten, Arbeitsunfähigkeiten und Frühverrentungen….“ Quelle: https://blog-traumatherapie-luebeck.de/initiative-phoenix-petition-fuer-bedarfsgerechte-psychotherapie/ Gern füge ich diesbezüglich die weiteren links hinzu , um zu verdeutlichen, wie die Realität, fernab von Theorien, für in Deutschland traumatisierte Menschen aussieht. : „…In einer Zeit, in der das Thema der sexuellen Gewalt gegenüber Kindern soviel mediale Aufmerksamkeit erlangt hat, drängt es mich, Ihnen einmal „ein wenig“ aus der Praxis im Umgang mit den Betroffenen zu berichten, die – das sei vorausgeschickt – katastrophal retraumatisierend, demütigend und entwürdigend ist….“ Quelle: http://initiative-phoenix.de/offenerbrief.html /// „…Andrea Schleu (Essen) stellt dann die Arbeit des Ethikvereins e.V. vor, der sich seit Jahren in der Beratung und Betreuung von Betroffenen engagiert, und nimmt in ihrem Beitrag darüber hinaus zu Empathieversagen und Grenzverletzungen in der Psychotherapie von komplex traumatisierten Patienten Stellung. …“Quelle : https://www.traumaundgewalt.de/article/pdf/5be46625546f88b97d8b4567/tg_2018_04_0281-0281_0281_01 /// „…In der Heidelberger Uniklinik empfängt der Traumaexperte, Arzt und Analytiker Günther Seidler seine Patienten im Dachgeschoss, in den Regalen stehen dicht gedrängt Fachbücher, eines der dicksten hat er selbst geschrieben: „Psychotraumatologie. Das Lehrbuch“. Seidler behandelt Menschen, die im Rahmen einer Therapie traumatisiert wurden. Er legt sich gern mit seiner Zunft an, vor einigen Jahren ist er aus vier psychoanalytischen Institutionen und drei weiteren Fachgremien ausgetreten. Seidler störte die Überheblichkeit vieler Kollegen, deren Selbstherrlichkeit und ihr geradezu päpstlicher Unfehlbarkeitsanspruch….“ Quelle: https://www.stern.de/gesundheit/schlechte-therapeuten-bei-depressionen–aengsten–erschoepfung–wenn-psychotherapie-das-leid-verschlimmert-5945376.html ( https://www.traumaundgewalt.de/article/pdf/5a6b4eff546f8832268b4567/tg_2018_01_0001-0001_0001_01 ) Abschließen möchte ich mit der folgenden Feststellung, die ich zu 100 Prozent teile. : „…Wenn es richtig ist, dass es zum Ethos demokratischer Gesellschaften gehört, traumatisierten Menschen Lebensbedingungen zur (Rück)Gewinnung individueller Autonomie bereit zu stellen (vgl. Prof. M. Dörr, Fachtag BAG TP 2011), dann sind wir wohl auf dem Weg zu einer undemokratischen Gesellschaft.
    Diese Gesellschaft stellt immer weniger gute Bedingungen zur Traumabewältigung bereit. Eine Gesellschaft, die die sozialen Bedürfnisse vieler Menschen ignoriert, erschwert damit die Entwicklung von Empathie. Empathie brauchen alle Menschen, Traumatisierte umso mehr. …“: https://www.medico.de/die-selbstbemaechtigung-als-methode-der-traumapaedagogik-14485/?fbclid=IwAR3IBLBddHzlhn7Gl_e34EAwfkoH1PdR9w3NbmhZrs5nOuZOdvDfNFrIn3c – Ach, und übrigens, wer infolge der Traumafolgen im „REGELSATZ-VOLLZUG“ ( https://www.hartziv.org/wp-content/uploads/regelsatztorte2018.jpg ) angekommen ist, kämpft mit der Härte des materiel-existenziell „Sich-Durchschlagen-Müssens“ . Da kennt die Gesetzgebung keine Gnade.

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