Mutter und Tochter

Ein 13jähriges Mädchen beginnt, sich zu ritzen. Die Mutter war mit 14 Jahren vergewaltigt worden, hat darüber aber nie gesprochen. Kann das zusammenhängen?

Meine Vermutung ist, dass es Zusammenhänge geben kann, aber nicht muss. Einen Hinweis gibt uns die Erfahrung, dass Mädchen, die anfangen, sich selbst zu verletzen, zu ritzen, darüber zumeist Spannung abbauen. Sie wissen keinen anderen Weg, als über die Schmerzen ihre innere Anspannung zu verringern. Das berichten sie wiederholt.

Gleichzeitig wissen wir: Wenn eine Frau wie die Mutter dieses Mädchens eine Vergewaltigungserfahrung erlitten hat, dass dies oft zu Spannungen führt, die in der Mutter entstehen und die sie ausstrahlt. Die Gewalterfahrung, die nicht besprochen oder therapeutisch behandelt wurde, nagt in der betroffenen Person und setzt diese Triggern aus, also Auslösern, die an das traumatische Geschehen erinnern. All dies ruft Erregung hervor, die, wenn sie nicht geteilt werden kann, Spannungen entstehen lässt. Diese können ausstrahlen in die familiäre und sonstige Umgebung.

Wenn Kinder nicht wissen, was „los ist“, wenn sie die Ursache der Spannung und des Kummers der Mutter oder des Vaters nicht kennen, dann wirkt dies wie ein „schwarzes Loch“. Schwarze Löcher im Universum ziehen Materie an und können ganze Sonnensysteme verschlingen. Schwarze Löcher in Familien ziehen die Energie und Aufmerksamkeit der Kinder und anderer Familienangehöriger auf sich, die dadurch dünnhäutiger gegenüber der Spannung, in diesem Fall der Mutter, werden und diese Spannung teilen.

Das ist ein möglicher, ich betone: möglicher Zusammenhang. Doch es hat sich in therapeutischen Begleitungen immer wieder bewährt, den Spuren solcher Zusammenhänge nachzugehen. Traumatische Erfahrungen wirken nachhaltig, auch in die nächste Generation.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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