„Die Scham der Frauen und die Scham der Männer“, ein Interview mit Dr. Gabriele Frick-Baer

 

Wovor schämen sich Frauen besonders?

Die meisten Frauen schämen sich, wenn ihr Innerstes entblößt wird. Was das ist, ist individuell unterschiedlich, vielleicht wird das Tagebuch von jemandem Unbefugten gelesen oder eine andere Person sieht etwas am eigenen Körper, was nicht so vollkommen ist und verborgen bleiben soll. Vielleicht tritt Scham auf, wenn ein Fehler, der unentdeckt bleiben soll bemerkt wird. Andere schämen sich ihrer Armut oder Arbeitslosigkeit, schämen sich für Ihre Kinder, schämen sich bestimmter Krankheiten, z. B. ihrer Migräne und dergleichen mehr. Wovor und wobei sich Frauen schämen ist so vielfältig, wie die Menschen sind. Scham ist das Gefühl, das auftritt, wenn Intimes an die Öffentlichkeit gerät oder zu geraten droht. Scham macht darauf aufmerksam, ist also ein Wächter des Intimen Raums.

 

Schämen sich Männer anders?

 

Ein wenig anders und in vielerlei Hinsicht gleich. Am frappierensten war für mich im Zuge meiner therapeutischen Praxis zu beobachten, wie stark und wie oft sich Männer schämen. Ich hatte vorher vermutet, dass Scham eher eine Frauensache sei, aber fast allen Männern, denen ich in der therapeutischen Arbeit begegnet bin, habe ich beobachtet, welch große Bedeutung das Schamgefühl für sie hat. Viele Männer schämen sich, wenn ein Versagen öffentlich zu werden droht bzw. das, was sie für ein Versagen halten. Wir kennen Männer, die eine Eheberatung oder Paartherapie ablehnen, weil damit öffentlich zu werden droht, dass sie darin scheitern eine gute Ehe zu führen. Sie riskieren lieber das Auseinandergehen als sich in Unzulänglichkeiten zu zeigen. Arbeitslosigkeit ruft Scham hervor, berufliche Misserfolge, Impotenz, Krankheit, Aussehensmängel und anderes mehr. Besonders wichtig bei Männern ist die Beschämung. Beschämung ist etwas anderes als die Scham, die Intimität schützt, Beschämung ist das Schamgefühl, das hervorgerufen wird, wenn andere einen Menschen mit Peinlichkeit überziehen und erniedrigen. „Ätsch, du kannst das nicht!“, „Ätsch, du bist ein Ausländer!“ „Ätsch, du bist ein Mann!“, „Ätsch, du bist eine Frau.“ „Ätsch, du bist arm!“, „Ätsch, du hast kein Tor geschossen!“, „Ätsch, du kannst kein Fußball spielen!“, „Ätsch, du machst diesen oder jenen Fehler!“ usw. All das ruft Scham hervor. Diese Scham, die aus der Beschämung entspringt, fühlt sich zuerst einmal genauso an, wie die Scham, die den Intimen Raum bewacht, doch hat sie eine ganz andere Qualität. Die Scham als Wächter des Intimen Raums ist nützlich, die Scham, die der Beschämung entspringt ist schädlich und erniedrigend.

Nahezu alle Männer, mit denen ich und meine Kolleginnen und Kollegen therapeutisch gearbeitet haben und arbeiten, haben massive Erfahrungen mit Beschämung in ihrem Leben erleiden müssen. Das Vorgeführtwerden steckt in ihnen drin.

 

Welche Folgen hat das?

Die häufigste Folge ist der emotionale Rückzug, das emotionale Verstummen. Wer als Junge geweint hat und ausgelacht wird: „Ätsch, du Heulsuse!“, wer Zärtlichkeit gezeigt hat oder Schmerzen und dafür bei der Bundeswehr ausgelacht und als Weichei beleidigt wurde, wird das wegstecken, wenn es ihm einmal widerfährt. Wiederholen sich solche Erfahrungen werden die Jungen oder jungen Männer alles tun, um nicht mehr zu weinen, ihre Schmerzen nicht mehr zu zeigen und ebenso wenig ihre Zärtlichkeit. Später wenn ihre Freundinnen oder Ehefrauen genau dies von ihnen fordern, merken sie, dass sie es verlernt haben, wissen oft gar nicht mehr wie das geht und schämen sich dieser Unfähigkeit. Bei Manchen allerdings schlägt die Erfahrung von Beschämung in Schamlosigkeit und Verrohung um.

 

Haben nicht auch Frauen viele Erfahrungen mit Beschämung?

Selbstverständlich. Wenn Frauen von Erfahrungen mit Scham erzählen, berichten sie von zahllosen Beschämungssituationen – und schämen sich dann oft wie viel sie haben mit sich „machen lassen“. Für sie – und das gilt auch für die Männer – ist es zuerst einmal ganz wichtig zwischen der Intimen Scham und der Beschämung zu unterscheiden, nur dann kann man lernen, sich gegen Beschämungen zur Wehr zu setzen, nur dann kann man beginnen, die Intime Scham als auch Schutz und Wächter zu würdigen. Die Erfahrungen von Beschämungen haben Mädchen und Jungen, Männern und Frauen gemeinsam, Unterschiede gibt es im Ausdruck der Scham. Das emotionale Verstummen, gibt es bei Männern wie bei Frauen, ist allerdings bei Männern nach unseren Beobachtungen, weit aus häufiger anzutreffen. Die Scham der Frauen ist sichtbarer. Forschungen haben gezeigt, dass Konfrontation mit beschämenden Situationen diejenigen Blutwerte steigen lässt, die im Körper Indikatoren für Entzündungen sind. Dieses Brennen der Scham, das Entzünden der Seele wird im Rotwerden sichtbar, ebenfalls ein Phänomen, das bei Frauen häufiger zu beobachten ist als bei Männern. Unterschiede gibt es also vor allem im Ausdruck dieses Gefühls.

 

Sie sagten, dass die Unterschiede zwar nicht die Hauptrolle spielen, aber dennoch vorhanden sind. Worin bestehen sie?

Der Auslöser der Scham bei Männern haben häufig etwas mit ihrem Status zu tun, Schwäche ruft Scham hervor, drohender Statusverlust, mangelndes Ansehen. Frauen scheinen eher dazu zu neigen, sich für andere zu schämen, z. B. für ihre Mutter, die so „unmöglich“ ist, für den Sohn, der schon wieder die gepflegte Feier mit lauten Rufen stört, für den Mann, der immer noch das alte Hemd und die zerschlissene Hose trägt.

Ein weiterer Unterschied besteht in der Reaktion auf Pannen und Fehler. Wenn ein Mann beim Rangieren auf dem Supermarktparkplatz einen anderen Wagen berührt, wird in der Regel anfangen zu schimpfen: darüber wie das andere Auto steht, oder darüber, dass das eigene Auto so schlecht konstruiert wurde, dass man das andere gar nicht sehen konnte, darüber, wie der Parkplatz angelegt ist oder den Stress und die Hektik, die der Chef verursacht oder die Frau, vielleicht auch über die Politik, die zulässt, dass so viele Autos herumstehen, über die Globalisierung und die Erderwärmung … Wenn einer Frau dieses Missgeschick passiert, wird sie sich in den meisten Fällen schämen, sie ist sich sicher, dass sie den Fehler gemacht hat, zumindest ist dies ihr erster Impuls. Eine Klientin erzählte, dass sie jedes Mal darüber intensiv nachdenkt, was sie falsch gemacht hat, wenn eine Arbeitskollegin sie streng anschaut, als sie einmal nachfragt, warum sie streng blicke, antwortete diese: „Entschuldigen Sie, das hat nichts mit Ihnen zu tun, aber mein Kind ist krank und da mache ich mir oft Sorgen und schaue so.“

 

Hat es auch etwas mit Scham zu tun, dass sich viele Frauen nicht trauen in der Öffentlichkeit aufzutreten?

Ja. Wobei deren Anzahl Gott sei dank geringer wird, vor allen Dingen bei den jungen Frauen. Wir unterscheiden zwischen vier Bedeutungsräumen. Der eine ist der Intime Raum, dessen Wächter die Scham ist und der durch Beschämung angegriffen wird, und dessen Grenzen durch Beschämung verletzt werden. Dann gibt es den Nahbereich, den persönlichen Raum, indem sich viele Frauen sehr zu Hause fühlen. Schwierig wird es mit den darum liegenden Räumen, dazu gehören der öffentliche Raum und der Raum der Begegnung. Der Raum der Begegnung ist das, was, wie der Name sagt, in der Begegnung zweier Menschen entsteht, in deren Resonanz, in deren Austausch, in Begegnung von Intimität und Persönlichen. Der Öffentliche Raum kann ein Interview für eine Zeitung beinhalten oder einen Vortrag, die Präsentation in einem Team oder einer Schulklasse und dergleichen mehr. Scham und Beschämungserfahrungen der Männer scheinen eher dazu zu führen, dass sie den Raum der Begegnung meiden oder dazu tendieren, die Begegnungen so oberflächlich zu gestalten, dass sie emotional wenig von sich preisgeben und sich so damit nicht verletzbar machen, zumindest scheinbar. Für Frauen ist der Raum der Begegnung eher eine Erweiterung des Persönlichen Raums, für sie haben Scham und Beschämungserfahrungen vor allem zur Folge, dass die Hürden zum Betreten des Öffentlichen Raums immer höher werden und manche sich schon beginnen zu schämen, wenn sie sich nur vorstellen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Dies hat sicherlich auch mit unterschiedlichen Sozialisationen und vor allen Dingen Berufserfahrungen zu tun. Wie schon mehrmals gesagt, kann ich hier nur Häufungen wiedergeben, die wir beobachtet haben. Ich kenne auch etliche Männer, die jeden Schritt in die Öffentlichkeit scheuen und Frauen, die vor jeder intensiveren Begegnung zurückschrecken.

About Udo Baer und Gabriele Frick-Baer

Udo Baer Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Geschäftsführer und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor Gabriele Frick-Baer Dr. phil. (Erziehungswissenschaften), Diplom-Pädagogin, Kreative Leibtherapeutin AKL, Vorstandsmitglied der Stiftung Würde und wissenschaftliche Leitung der Kreativen Traumahilfe der Stiftung Würde, Kreative Traumatherapeutin, Autorin

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