Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (3): Radikaler Respekt

Wer das Gefühl hat, verraten worden zu sein, hat die Erfahrung gemacht, dass er oder sie nicht respektiert wurde. Dies hat oft zur Folge, dass diese Menschen nachhaltig verunsichert sind. Sie sehnen sich auf der einen Seite danach, respektiert zu werden, auf der anderen Seite hat die Erfahrung fehlenden Respekts oft dazu geführt, dass der Respekt vor sich selbst verunsichert, manchmal verwirrt und verkümmert ist und oft angezweifelt wird. Respekt vor sich selbst heißt, sich ernst nehmen in seinen Widersprüchlichkeiten, auch in seinem Kummer, auch in seiner Verunsicherung. Und deswegen empfehlen wir Menschen, die Verratserfahrungen haben, dass sie sich darum bemühen und darin unterstützt werden, den Weg des radikalen Respekts zu gehen. Weiter lesen

Verstörtsein und was es braucht

Die hauptsächlichste Nachwirkung traumatischer Erfahrung besteht darin, dass die Menschen verstört sind. Es gibt bei den meisten keinen Katalog von „Störungen“ oder von allgemeingültigen „Symptomen“, sondern eher ein Befinden, welches das Erleben ausdrückt, dass die Welt nicht mehr die gleiche ist wie früher, die äußere wie die innere Welt. Wir nennen es Verstörtsein. Manche sagen dazu „verpeilt“, „neben sich stehend“, „durcheinander“, „neben der Kappe sein“ …
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Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (2): Der Verlust der Zugehörigkeit und des Eingehaustseins

Viele traumatisierte Menschen beschreiben ihre Erfahrung mit dem Bild, dass sie aus der Welt gefallen sind, aus ihrer Welt. Ein besonderer Aspekt besteht darin, dass die Zugehörigkeit verloren gegangen ist. Wir Menschen fühlen uns dort zugehörig, wo es selbstverständliche Verbindungen und Bindungen zu anderen Menschen gibt. Da die meisten Menschen, die Traumata erlebten, sexuelle Gewalt erfuhren, und dies aus dem engsten Familien-, Verwandtschafts- und Nachbarschaftskreis, muss dies Auswirkungen auf das Vertrauen und die selbstverständliche Zugehörigkeit haben.
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Das „Dreifache Aus-der-Welt-Fallen“

Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben – vor allem Kriegserfahrungen, Überfälle und sexuelle Gewalt – beschreiben ihr Erleben so, dass sie „aus der Welt gefallen sind“. Sie befinden sich noch in der gleichen Welt wie vorher und in der gleichen Welt wie andere Menschen, doch in ihrem Erleben sind sie aus der bisherigen Welt in eine andere Welt gefallen: in eine Welt der Verzweiflung, in eine Welt oft des Abgrundes, in eine Welt, die andere nicht verstehen. Woraus sie gefallen sind, ist die Selbstverständlichkeit des In-der-Welt-Seins, der selbstverständliche sichere Ort im sozialen Netz.
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Verrat überleben, Verratsfolgen bewältigen (1): Das Gefühl ernst nehmen

„Sie hatten mir gesagt: Das Boot ist sicher. Und doch ist es voll gelaufen!“ Der Flüchtling wurde gerade noch gerettet, seine Frau auch. Doch er fühlt sich auch ein Jahr danach noch getäuscht und verraten und ist fassungslos.

Eine deutsche Klientin war als 12jähriges Mädchen von ihrem Onkel vergewaltigt worden. „Ich hatte ihm doch vertraut. Darüber komme ich immer noch nicht hinweg. Nach über 20 Jahren müsste es doch vorbei sein …“ Auch sie fühlt sich verraten. Immer noch und immer wieder. Weiter lesen

Ein Urteil und die Angst

Ich saß in der letzten Woche gemeinsam mit meiner Frau, mit einer Kollegin und Freundin zusammen, die viele Jahre lang traumatisierte Flüchtlinge aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien betreute. Sie erzählte von einer Frau aus Bosnien, die vor 20 Jahren in Sebrenica durch serbische Nationalisten Schlimmes erlebt und danach darüber geschwiegen hatte. Durch Bedrohungen der damaligen Täter brach nun der alte Schrecken wieder auf und sie floh nach Deutschland.

Am nächsten Tag las ich die Meldung, dass der Führer der serbischen Nationalistenverbände, Vojislav Seselj vom Haager Kriegsverbrechertribunal freigesprochen wurde. Ich war und bin entsetzt. Weiter lesen

Was mache ich, wenn … Flüchtlinge, mit denen ich arbeite, überangepasst sind und gar nicht auffallen? Kann das auch eine Folge von Traumatisierungen sein?

Ja, das kann der Fall sein. Eine traumatische Erfahrung ist ein Erleben existentieller Bedrohung. Die Folge ist, dass Menschen alles tun, um sich solchen Situationen nicht mehr auszusetzen. Ein Weg besteht darin, sich wie ein Chamäleon zu verhalten, sich also an unterschiedliche Gegebenheiten anzupassen. Oft erfolgt das so in solch extremer Stärke, Weiter lesen