Wenn Blicke nicht aushaltbar sind…

Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten, werden oft von Blicken „getriggert“, das heißt, dass Blicke anderer Menschen die leibliche Erinnerung an Traumata, z. B. sexuelle Gewalt auslösen. Für sie sind Blicke oft nicht aushaltbar, da Augenkontakt mit Hilflosigkeit und Opfersein verbunden ist. Sie haben vielleicht die Erfahrung, von Tätern „ausgeguckt“ worden zu sein – unbefangener Blickkontakt ist für sie dann meist unerträglich.

Gleichzeitig spüren sie oft eine große Sehnsucht, gesehen zu werden – allerdings mit Respekt. Sie befinden sich folglich in einem Dilemma, sich nach Blickkontakt zu sehnen und ihn gleichzeitig nicht auszuhalten. Mit diesen Menschen hat sich ein Weg bewährt, den wir Fächertanz nennen. Er ermöglicht, mit Hinschauen und Wegschauen, Sich-Verstecken und Sich-Zeigen zu spielen und so neue Erfahrungen mit Blicken zu machen.

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„Ich bin dumm!“

Viele Opfer traumatisierender Gewalterfahrungen, v.a. sexueller Gewalt, halten sich für dumm. Manche meinen das als generelle Bewertung der eigenen Person, andere beziehen sich auf einzelne Teilbereiche ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen. Manche äußern dies ständig, andere teilen dieses Selbstbewertung nicht mit anderen, wälzen Sie aber als Selbstbeschimpfung wiederholt in ihren Gedanken.

Diese Selbsteinschätzung steht meistens in solch frappierenden Gegensatz dazu, wie ich die jeweilige Personen wahrnehme, dass ich meist innerlich den Kopf schüttele und verwundert staune.

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Transgenerativer Geschwisterkrieg

Die Mutter ist schon lange tot, nun starb auch der Vater. Aus einem eigentlich nebensächlich scheinenden Ereignis entwickelt sich ein schwerer Konflikt der zwei Söhne und der Tochter. Die Freundin des jüngeren Sohnes war zur einem Familientreffen nicht eingeladen worden, der Sohn reagierte gekränkt und vermutete Absicht und so eskalierte der Konflikt. Unklarheiten um das schmale Erbe kamen hinzu. Die Tochter versuchte zu schlichten und fühlte sich von beiden Brüdern nicht ernst genommen…

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Traumbilder der Zwischenleiblichkeit

Wir Menschen sind voller Imagination. Wir stellen uns Szenen und anderes Bildhaftes vor. Wir sehen solche Bilder und spüren sie in den Träumen, wir haben Tagträume und vieles mehr. Auch Flashbacks, in denen traumatische Erfahrungen wieder aufleben, sind häufig von solchen Imaginationen begleitet.

Nun gibt es ein Phänomen, dass Kinder oder gar Enkel von Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, berichten, dass sie Bilder solcher Erfahrungen geträumt haben oder dass sie ihnen in Tagträumen erscheinen. Es handelt sich dabei zum Beispiel um Bilder von Landschaften, durch die die Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg geflohen ist, Bilder von Kriegsereignissen, die der Vater erlebt hat, oder Vergewaltigung, die der Mutter wiederfahren ist. Die Frage taucht auf: Wie ist so etwas zu erklären?

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Was tun gegen das Böse?

Viele Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Folgen traumatischer Erfahrungen auseinandersetzen, sind fassungslos gegenüber dem, was in unserer Welt an Bösartigem geschieht. Ganz gleich, ob in einer deutschen Kinderstube ein Kind vergewaltigt wird oder ob Menschen in Syrien massakriert werden, ob Terroristen Menschen in die Luft sprengen oder ganze Volksgruppen vertrieben werden – wer ein mitfühlendes Herz hat, kann verzweifeln angesichts dessen, was in der Welt an Schlimmem passiert. Das gilt für das große Weltgeschehen ebenso wie für die „kleinen“ Bösartigkeiten, denen wir in der Begleitung und Unterstützung traumatisierter Menschen begegnen. Viele fühlen sich angesichts solcher Erfahrungen ohnmächtig und wirkungslos.

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Transgenerative Traumaweitergabe: Coping-Weitergabe

Wir haben schon oft darauf hingewiesen, dass bei der Weitergabe von traumatischen Erfahrungen an die nächste Generation nicht das Trauma weitergegeben wird, sondern die Traumafolgen. Dazu gehören auch Aspekte des Traumaerlebens, die ja als Flashbacks auch nach dem Ende der traumatischen Situation immer wieder aufleben. Dazu gehören vor allem die Traumafolgen wie Ängste, Schuldgefühle, Unruhe und dergleichen mehr. Besonders hinweisen möchte ich darauf, dass auch die Art und Weise, wie Menschen mit dem Trauma umgehen, wie sie es bewältigen, an diesen nächsten Generationen weitergegeben werden kann und oft wird.

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Das Böse

Wenn wir Therapeutinnen und Therapeuten Menschen begleiten, die Erfahrungen traumatisierter Gewalt machen mussten, dann sind wir oft fassungslos. Fassungslos über das, was Menschen anderen antun. Wir sind fassungslos über Brutalität und Bestialität, über Rohheit und Erniedrigung. Es ist gut, dass wir fassungslos sind, dass wir unsere Hilflosigkeit, unser Entsetzen spüren, da es zeigt, dass wir fähig sind zum Mitgefühl gegenüber denen, die als Opfer leiden müssen. Und doch spüren wir in der Fassungslosigkeit die Maßlosigkeit des Bösen, das den Opfern angetan wird. Das macht hilflos und wirft die Frage auf: Wie kommt es, dass Menschen so böse werden, so bösartig?

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Wie wir in der Kreativen Leibtherapie mit dem „inneren Kind“ arbeiten – und wie nicht

* zuerst erschienen im KLT-Journal Online 12/2014

Die wichtigste positive Erfahrung in der therapeutischen Arbeit und der theoretischen Auseinandersetzung mit dem „inneren Kind“ ist leicht zu benennen: Die Bezeichnung „inneres Kind“ ist eine starke Metapher. Sie steht in unserem leibtherapeutischen Verständnis für die Kindheitserfahrungen, die in einem Menschen lebendig sind und nachwirken. Der Zeitgleichheit von erwachsenem und kindlichem Erleben, dem „Zeitkollabs“ begegnen wir in unserer therapeutischen Arbeit ständig. Uns fällt zum Beispiel eine Frau ein, die ihr Leben lang der Überzeugung gewesen war, eine „glückliche Kindheit“ erlebt zu haben. Sie hatte daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass sie „eigentlich die Pflicht habe, glücklich“ zu sein. Da ihr das nicht gelang, beschimpfte sie sich als „Versagerin“. Weiter lesen