Trauma und Würde: „Denk lieber Positiv!“

Immer wieder lese und höre ich von der Aufforderung, dass sich Menschen mit traumatischen Erfahrungen nicht mehr mit dessen Folgen beschäftigen sollten, sondern eher positiv denken sollten: „Du hast doch noch deine Zukunft vor dir. Beschäftige dich damit!“ Oder: „Lass doch den alten Kram!“

Wenn das immer so einfach wäre.

Selbstverständlich findet unser Leben im Hier und Jetzt statt und die Beschäftigung mit den Schrecken der Vergangenheit kann die Lebensfreude und die Lebensmöglichkeiten einschränken und behindern. Doch traumatische Erfahrungen haben es in sich, dass sie manchmal die aktuellen Impulse überlagern können, so dass Altes nicht Altes bleibt, sondern Gegenwart wird. Da hilft es nicht, sich noch den Druck zu machen, positiv zu denken. Wenn das nicht gelingt, folgen dann häufig nur Schuldgefühle, dass man es nicht geschafft hat. Diese Schuldgefühle vergrößern häufig das Leiden.

Das Alte bleibt nicht alt und wird zum Teil der Gegenwart. Es drängt mit Kraft hervor. Dagegen anzukämpfen, gelingt gelegentlich, aber nicht immer. Wenn alte Flashbacks lebendig werden, ist es gut, sie als alte Erfahrungen zu begrüßen und zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. UND dann ist es gut, zu versuchen, einen Schritt beiseitezutreten und entweder über die alten Erfahrungen mit einem anderen Menschen zu sprechen oder sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

Entscheidend dafür, dass die Kraft des Alten schwächer wird, ist, dass traumatisierte Menschen neue Erfahrungen machen. Möglichst positive, lustvolle und lebensfrohe Erfahrungen. Positiv zu denken, kann man nicht beschließen. Es braucht positive Erfahrungen und nicht nur das Denken. Und der Weg zu positiven Erfahrungen führt oft über den Respekt für das erlittene Leiden.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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