Trauma und Würde: Ablenken?

Manche Menschen empfehlen, dass traumatisierte Menschen sich möglichst ablenken, um nicht mit den Trauma-Erinnerungen und Trauma-Folgen konfrontiert zu sein. Andere sagen, dass Ablenkung nichts hilft, dass man sich mit den Trauma-Folgen auseinandersetzen muss. Beides ist richtig, oder besser gesagt: kann richtig sein.

Wer ein Trauma bewältigen möchte, kommt irgendwann nicht umhin, sich mit den traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Dies sollte aber nicht allein geschehen, sondern mit guter und möglichst kompetenter Unterstützung. Dabei sollte man die Erfahrung machen, dass man dem Trauma begegnen kann, aber nicht darin stecken bleibt. Es ist wichtig zu erleben, dass man sich nur allein damit auseinandersetzen muss, sondern dass man in der Not nicht allein ist und mit Begleitung aus dem Trauma-Erleben wieder herauskommen kann.

Doch eine Trauma-Begegnung im Rahmen eines therapeutischen oder ähnlichen Bewältigungsprozesses ist selbstverständlich weder immer möglich noch dauerhaft sinnvoll. Der Wunsch eines jeden Menschen, der eine traumatisierende Erfahrung machen musste, sich von diesen Erinnerungen zu befreien und ihnen nicht immer wieder ausgesetzt zu sein, ist berechtigt. Da kann es helfen, die Ebene des Erlebens zu wechseln und sich abzulenken. Wie das gelingen kann, dafür gibt es keine Rezepte. Das muss jede Person selbst für sich herausfinden. Manche hören Musik, andere unternehmen körperliche Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Joggen. Wieder andere brauchen Begegnung mit anderen Menschen. Also Ablenkung ist an sich weder gut noch schlecht, sondern es kommt oft auf den Moment und die Situation an und immer auf die einzelne Person.

Wenn Ablenkungen nicht mehr gelingen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass eine therapeutische Begleitung notwendig oder zumindest sinnvoll ist.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Ein Kommentar zu “Trauma und Würde: Ablenken?

  1. Vielen Dank für Ihre wertvollen Beiträge, die ich seit längerem mitverfolge. Sie sind befreiend, bestätigend und dämpfen die Einsamkeit. Es würde mich sehr freuen, wenn ich noch lange von diesen Beiträgen profitieren dürfte, die einfach verständlich auf den Punkt kommen. Auch dieser Beitrag zum Thema Ablenkung entspannt mich vom hohen Anspruch, die Situation möglichst schnell verstehen und verarbeiten zu sollen. Merci.

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