Trauma und Würde: Ungelebtes Leben

Traumatische Erfahrungen führen oft dazu, dass manches Leben nicht gelebt werden kann. Den Begriff des „ungelebten Lebens“ hat Victor von Weizsäcker in die Medizin und Therapie eingeführt. Er entspringt eigentlich einer Alltagserfahrung. Wenn wir Menschen uns für einen Partner oder eine Partnerin entscheiden, entscheiden wir uns gegen das Single-Dasein oder gegen eine andere Partnerin oder einen anderen Partner. Wenn wir ins Kino gehen, entscheiden wir uns dagegen, essen zu gehen oder ein Buch zu lesen. Wenn wir einen Beruf ergreifen, entscheiden wir uns gegen einen anderen Beruf.

In unserem Leben bleibt immer etwas ungelebt. Das ist normal, selbstverständlich und kein Problem. Interessant wird es, wenn ungelebtes Leben leben möchte. Wenn wir Menschen etwas verpasst oder versäumt haben und dies bedauern, dann fehlt und drängt uns etwas in uns dazu, lebendig zu werden. Aber traumatisierte Menschen haben nichts verpasst, versäumt oder verworfen, sondern sie wurden aus bestimmten Bereichen des Lebbaren und Gelebt-werden-Wollens vertrieben. Dass Leben ungelebt bleibt, wurde mit Gewalt erzwungen.

Wer von Menschen, denen er oder sie eigentlich vertrauen dürfte, Gewalt erfahren hat oder verraten wurde, der wird nicht mehr voller Vertrauen durchs Leben gehen, sondern ist oft von Misstrauen gezeichnet. Das führt zu Einschränkungen des Lebbaren. Die traumatischen Erfahrungen schränken die Lebensmöglichkeiten ein. Welche das sind, hängt von den jeweiligen Umständen und Personen ab. Es ist wichtig zu erkennen und zu akzeptieren, dass Ungelebtes durch traumatische Erfahrungen verursacht wurde und es sich nicht um freies Wollen der betroffenen Menschen handelt.

Es hilft, dies zu sehen und deswegen nach den Spuren des Ungelebten zu suchen. Manchmal äußern sie sich in Träumen und Sehnsüchten. Oft sind sie unter dem Geröll von Enttäuschung und Schmerz vergraben. Was mag ich? Was ist bisher zu kurz gekommen? Was macht mir Lust und Freude? Wann bin ich wo? Und wann bin ich unbefangen und spontan? Welche angstfreien Zeiten und Situationen kenne ich? Solchen und vielen ähnlichen Fragen nachzugehen, ist hilfreich.

Viele Menschen denken, dass sie es nicht schaffen oder keine Möglichkeiten haben, das, was leben möchte, wieder oder neu zu leben. Nach meinen Erfahrungen hilft es, mit anderen Menschen darüber zu sprechen und sich auszutauschen. Einen Aspekt des ungelebten Lebens, den man leben möchte, findet man immer. Fast immer ist deutlich mehr möglich, als man vorher vermutet. Es braucht Mut und kleine Schritte.

 

 

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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