Angst und Wirksamkeit (Angst 3)

Menschen, die traumatisierende existenzielle Bedrohungen erlebt haben, spürten ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ihnen ging das Gefühl, wirksam zu sein, etwas bewirken zu können, verloren. Ihr „Nein“ wurde bei sexueller Gewalt nicht gehört, ihr „Stopp“ konnte die Gewalt nicht beenden, sie waren ohnmächtig gegen Schüsse und Bomben. Wenn Sie und die Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen, mit denen Sie arbeiten, die Bilder und Nachrichten von Paris und anderen Terrorattacken sehen, dann spüren Sie alle Mitgefühl mit den Opfern. Sie identifizieren sich mit ihnen und auch mit deren Angst und deren Gefühl von Wirkungslosigkeit. In der Angst, die mitfühlende Menschen ergreift, ist auch das Gefühl der Wirkungslosigkeit enthalten. Gegenüber der Gewalt des Krieges und des Terrors sind wir wirkungslos.

Dass wir Menschen wirksam sind, spüren wir im Alltag kaum. Dieses Gefühl bemerken wir vor allem, wenn es uns verloren gegangen ist.

Deswegen ist es ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Angst, sich mit dem Gefühl der Wirkungslosigkeit auseinanderzusetzen bzw. mit dem, was Menschen wirksam macht. Dazu kann gehören:

  • Fragen und diskutieren Sie: Auf welche Menschen haben wir Einfluss? Wer hört uns zu? Wer hört wenigsten manchmal auf uns?
  • Initiieren Sie Aktionen, die die Angst, die Trauer, den Zorn zeigen. Auch das ist eine Form, wirksam zu sein und aus der Lähmung ins Handeln zu geraten.
  • Initiieren Sie Unterstützungsaktionen für die Opfer, Zeichen der Solidarität.
  • Die Gewalttäter wenden sich gegen die Menschenwürde. Reden Sie darüber, was alle, jedes Kind, jeder Erwachsene für die Würde der Menschen tun können.

 

 

Das Recht auf Angst und das große UND (Angst 1)

Seit den Anschlägen von Paris geht das Gespenst der Angst umher. Die Menschen, junge wie alte, haben Angst, dass sich Terroranschläge wiederholen. Viele Aufrufe gibt es, sich von der Angst „nicht unterkriegen“ zu lassen und den Terroristen zu zeigen, dass „wir keine Angst haben“. Doch so einfach ist es nicht. Die Angst ist vorhanden, auch bei alten Menschen, auch bei Angehörigen, auch bei Mitarbeiter/innen und vielen anderen. Ich werde deshalb in einigen Beiträgen auf die Ängste eingehen und Anregungen für den Umgang mit der Angst geben. Und für Menschen, die Traumata erlebt heben, mobilisieren diese Ereignisse und die darauf folgenden Atmosphären den alten Schrecken.

 

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Der traumatische Prozess bei Flüchtlingen (Teil 2): Die Schrecken der Flucht

Wenn dreihundert Menschen sich auf ein kleines Boot klettern, das auf maximal zehn Personen angelegt ist und sich auf das Meer begeben, dann ist das eine existenziell bedrohliche Erfahrung, ein traumatisches Erleben. Doch auch noch viele andere mögliche traumatische Erfahrungen auf der Flucht gibt es.

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Fünf Thesen zum Thema Flucht und Trauma

  1. Die große Mehrheit der aktuell einreisenden Flüchtlinge ist traumatisiert. Sie haben nicht nur ein einzelnes traumatisches Ereignis erfahren, sondern befinden sich in einem traumatischen Prozess, der vom Schrecken im Heimatland über den Schrecken der Flucht bis in die Unsicherheit der Ankunftssituation reicht. Deshalb: Flüchtlingshilfe ist Traumabegleitung.
  1. Traumafolgen können sein: Erstarren, Hocherregung, Verstört-Sein, Ängste, Rückzug, Aggressivität … Viele Verhaltensweisen von Flüchtlingen sind nur im Zusammenhang mit Traumatisierungen zu erklären. Deshalb: Flüchtlinge zu verstehen, erfordert Wissen um Flüchtlingstraumatisierungen.
  1. Was aktuell ansteht, ist, Sicherheit und Stabilität zu schaffen. Je länger das dauert, desto stärker die Traumafolgen. Und wenn Stabilität wächst, dann werden viele der Traumafolgen erst lebendig und Raum bekommen. Das kann Deutschlernen und Integration stoppen und bremsen. Das Thema wird uns begleiten. Über Jahre. Deshalb: Je früher und je besser Traumahilfe, desto bessere Integration.
  1. Traumatisierte Flüchtlinge brauchen Möglichkeiten der Therapie. Sie brauchen aber auch Verständnis und Hilfen von Seelsorger/innen, Pädagog/innen und alles anderen, die mit ihnen zu tun haben: Zuhören, Trost, kreative Ausdrucksmöglichkeiten, Stärkung und vieles mehr. Deshalb: Jede und jeder kann wirksam Traumafolgen begegnen.
  1. Den Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen der Nachkriegszeit und den Flüchtlingen aus der DDR wurde nicht geholfen, was ihre Traumatisierungen betrifft. Der damalige „Lastenausgleich“ war wirtschaftlich, die seelischen Lasten blieben unbeachtet, mit oft schlimmen Folgen. Diese Erfahrungen müssen für die Unterstützung der aktuellen Flüchtlinge genutzt werden. Deshalb: Traumahilfe für aktuelle Flüchtlinge ist auch deutsche Vergangenheitsbewältigung.

Wodurch werden die Traumata an die nächste Generation weitergegeben?

Der wichtigste Faktor, der die Traumaweitergabe ermöglicht und bestimmt, ist die Resonanz. Das Wort Resonanz kommt von dem lateinischen Wort resonare und bedeutet, dass etwas hin- und herschwingt. In der Physik schwingen Schallwellen hin und her, zwischen den Menschen Qualitäten ihres Erlebens. Sie kennen es bestimmt, dass Sie spüren, wenn ein Mensch, der Ihnen begegnet, besonders angespannt ist. Sie spüren die Anspannung wie ihre eigene, zumindest einen Teil davon. Oder Sie treffen eine andere Person und tauschen sich angeregt aus, mit Worten, mit Blicken, mit Gesten. Auch hier schwingt etwas hin und her, was beide Menschen beeinflusst.

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Würde und Trauma 5: Selbstwürdigung – sieben Empfehlungen

 

Die entscheidende Hilfe auf dem Weg zur Würde brauchen die Opfer traumatischer Erfahrungen durch andere Menschen – durch Einzelne, durch Familien, durch Kolleginnen und Kolleginnen, durch Nachbar/innen, durch Freundinnen und Freunde, durch die Gesellschaft. Zumeist sind traumatische Erfahrungen Beziehungserfahrungen und, wir können es nicht oft genug wiederholen: Beziehungsverletzungen brauchen Beziehungsheilungen, brauchen würdigende Begegnungen und Beziehungen, damit die Opfer von Gewalt und anderen Entwürdigungen die Möglichkeit haben, sich in Begegnungen mit anderen Menschen, in denen sie sich aufrichten können, wieder neu zu erleben und neues Vertrauen zu Menschen, die sie respektieren, zu fassen. Das ist entscheidend. UND wir unterstützen Menschen mit entwürdigenden Erfahrungen auch auf dem Weg der Selbstwürdigung. Jede und jeder kann etwas tun, um sich selbst auf dem Weg der Würde zu unterstützen.

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