Warum ich von Debriefing nichts halte

Gruppen-Debriefing wird von nicht wenigen Psycholog*innen als Soforthilfe nach traumatischen Ereignissen empfohlen. Bei bestimmten Ereignissen wie Terroranschlägen oder Unglücken ist eine große Gruppe von Menschen traumatisiert und braucht Betreuung. Jeffrey Mitchel entwickelte dafür in den 80er Jahren das Critical Incident Stress Debriefing (CISD). Im Debriefing werden zum Beispiel nach einem Zug-Unglück die Betroffenen in einer Gruppe aufgefordert zu erzählen, was bei und nach dem Unglück geschehen ist und wie es ihnen dabei ergangen ist.

Es gibt zwar nur wenige Studien über die Wirkung des Debriefing, doch diese zeigen, dass die Wirkung individuell sehr unterschiedlich und bei vielen Teilnehmenden negativ ist. Der Grund liegt darin, dass die betroffenen Menschen verschieden auf die Traumata regieren und entsprechend unterschiedliche Bedürfnisse haben. Für manche ist es einfach zu viel, zusätzlich zu den eigenen traumatischen Erfahrungen noch die von mehreren anderen zu hören und mitzufühlen.

Es braucht also eine individuelle Unterstützung. Diese muss auf die Bedürfnisse der jeweiligen Person zugeschnitten sein. Zunächst braucht es immer einen gemeinsamen Boden des Vertrauens. Manchen tut es gut, zeitnah zu erzählen, was passiert ist, ihr Erleben mit einer anderen Person zu teilen. Andere brauchen Ruhe und Abstand oder Stärkung. Wer nach einer akut traumatisierenden Situation helfen möchte, kann dies nur individuell tun und muss mit der betroffenen Person auf die Suche gehen, was konkret hilft. So verführerisch rezeptartige Angebote sind, so schädlich können sie wirken.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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