Verschobene Trauer

Ein Mann Anfang vierzig hatte vor Jahren einen schweren Unfall überlebt. Ein Teil seiner Lebensfähigkeit war danach erstarrt. Er musste nach dem Unfall seinen Beruf aufgeben und durchlebte eine längere Leidenszeit in der Rekonvaleszenz und in der Reha. Darüber zu trauern, war er nicht in der Lage. Die Trauer war „abgestorben“, wie er meinte. Am Anfang war dies überlagert durch seine Erleichterung, überlebt zu haben und sich halbwegs gesund wieder bewegen zu können. Doch dann merkte er, dass etwas an ihm nagte und ihn beunruhigte. Dass dieses „etwas“ mit seinem Trauma zu tun haben könnte, auf die Idee kam er nicht. Aber er suchte Hilfe.

In der Therapie erzählte er, dass er eine „Heulsuse“ sei. Die Therapeutin fragte erstaunt nach, woran er das denn festmache. Er antwortete: „Ich bin ein Kinoheuler. Sobald es im Kino oder auch im Fernsehen rührende Szenen gibt mit Glück, mit Traurigkeit, vor allem aber auch mit großer Freude, mit Zärtlichkeit und allem anderen, wenn sich Menschen nahekommen, dann fange ich an zu weinen. Auch wenn ich in Romanen solche Szenen lese, die mich berühren, fließen die Tränen.“

Hier zeigte sich das Phänomen der „verschobenen Trauer“. Über sich, über das Trauma, über seine Leidenszeit und das, was er daraufhin loslassen musste, konnte der Mann nicht trauern. Aber seine Traurigkeit war verschoben. Sie zeigte sich an anderen Stellen: im Film, im Kino, im Fernsehen, in Romanen. Man könnte sagen, seine Trauer suchte sich ihren Weg.

Diesen Zusammenhang zu erkennen, eröffnet Möglichkeiten in der therapeutischen Arbeit, der scheinbar verlorengegangenen Traurigkeit auf die Spur zu kommen und ihr Wege der Wiederbelebung zu eröffnen.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Ein Kommentar zu “Verschobene Trauer

  1. Auch mir begegnet die Trauer in meiner Arbeit. So saß mir eine Patientin nach einem Schlaganfall gegenüber, die fast sprachlos war und deren Tränen in unserem ersten Kontakt fast ununterbrochen und lautlos die Wangen herunter liefen. Sie gab an, wie erschüttert sie sei über so viel Leid in dieser Klinik und wie viel Glück sie doch jetzt gehabt hätte. Ihr würde es doch gegenüber den anderen Menschen gut gehen …
    Auf behutsamer Nachfrage erzählte sie von dem Tod ihres Mannes, der “ doch bereits vor zehn Jahre verstorben war.“ Seit dieser Zeit habe sie nur gearbeitet. „Und jetzt ist alles da.“ Dann saß sie mich an und sagte: “ Wie geht denn trauern überhaupt? “ Das war der Anfang …

    Sabine Link-Kreuter

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