Symbiose? – Nein: Liebe!

Wie oft höre ich, dass Menschen vorgeworfen wird, sie seine „symbiotisch“ oder „zu symbiotisch“. Das hört der Ehemann, der sich so sehr um seine demenzkranke Frau kümmert, dass kaum noch Zeit für seine Freunde bleibt. Das hört die Mutter, deren erwachsene Tochter psychisch erkrankt ist und die vor Hilflosigkeit und Sorge kaum noch schlafen kann. Das hört das frisch verliebte junge Mädchen, das sich kaum noch vom Liebsten trennen kann.

Wenn hier das Wort „Symbiose“ verwendet wird, dann klingt immer der Vorwurf mit: Du bist zu nah, zu eng, du passt zu wenig auf dich auf, du kümmerst du zu viel, du hast dich verloren. In diesem Psycho-Mainstream wird „Symbiose“ mit Selbstaufgabe gleichgesetzt, zumindest damit, dass die Grenzen zwischen zwei Personen verschwinden. Denn auf den Symbiose-Vorwurf folgt meist die Aufforderung: Du muss dich mehr abgrenzen!

Diese modische Vorwurfs-Tendenz lehne ich ab. Sie ist schädlich. Sie hilft niemandem, sondern bereitet nur Kummer. Was hier als „Symbiose“ bezeichnet wird, ist Liebe. In der Liebe verschmelzen die Grenzen zwischen zwei Menschen. In der Liebe wird das Leid des anderen zum eigenen Leid. In der Liebe zu einem anderen Menschen mutet man sich selbst mehr zu, als man anderen zumuten würde. Also was soll der Vorwurf? Wenn zwei junge Menschen sich „symbiotisch“ lieben – warum nicht? Liebe hebt die Grenzen zwischen den Menschen auf, körperlich, seelisch, geistig – wie wunderbar.

Wenn Menschen sich um andere Menschen kümmern, die sie lieben, dann gehen sie oft über das Maß ihrer eigenen Kräfte hinaus. Auch das gehört zur Liebe, auch das muss gewürdigt werden. Auch hier sage ich: Wie wunderbar!

Und, hier kommt das große UND, es kann sein, dass die Liebenden, die Helfenden, die Kümmernden selbst zu leiden beginnen. Das Leid ist der große Gradmesser, ob und wann Liebe gefährlich werden kann. Nicht die „Symbiose“, nicht die Liebe ist das Problem, sondern das subjektive Leiden der Beteiligten. Das ist meine Erfahrung. Und daraus ergibt sich die nächste Frage: Was ist die Quelle des Leidens? Die Liebe? Die sogenannte „symbiotische Zuwendung“? Diese Frage wurde in meinen Erfahrungen fast immer mit Nein beantwortet. Die Quelle des Leidens waren fast immer die Hilflosigkeit und die Einsamkeit mit der Trauer.

Was heißt das? Wer liebt, will helfen. Doch das stößt an Grenzen. Sowohl bei der demenzkranken Frau als auch bei der erkrankten Tochter. Die Hilfsmöglichkeiten sind begrenzt. Das einzusehen, fällt schwer. Wer die Hilflosigkeit akzeptiert, begegnet der Trauer. Trauer ist das Gefühl des Loslassens, im Trauern offenbart sich das Scheitern, zeigt sich der Kummer darüber, dass wir Menschen oft nicht so helfen können, wie wir wollen. Gerade den Menschen, die wir lieben. Doch im Trauern sind viele Menschen allein, die Trauer wird versteckt und tabuisiert.

Wenn diese Trauer erkannt und anerkannt wird, wenn sie von anderen Menschen gesehen und mit ihnen geteilt wird, dann erleichtert das die liebenden und helfenden Menschen. Dann öffnet das manchmal die Möglichkeit, einen (kleinen) Schritt beiseite zu treten und mehr auf sich zu schauen UND weiter zu lieben und zu helfen.

Die Symbiose-Vorwürfe dagegen schaden nach meinen Erfahrungen nur. Die Menschen, denen Symbiose vorgeworfen wird, brauchen, dass ihre Liebe anerkannt und gewürdigt wird. Und dann kann mit ihnen gemeinsam betrachtet werden, ob ansteht, Hilflosigkeit anzuerkennen und zu trauern.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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