Würde und Trauma 1: Was ist eigentlich Würde?

Wenn wir uns damit auseinandersetzen, welche Würdigung Menschen mit traumatischen Erfahrungen brauchen, dann müssen wir uns zunächst einmal darüber verständigen, was wir unter „Würde“ verstehen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es im Grundgesetz. Dass die Würde vieler Menschen dennoch Tag für Tag mit Füßen getreten wird, ist Tatsache. Und dennoch: Diesem Satz des Grundgesetzes wohnt eine Forderung inne und diese Forderung ist großartig. Die Würde des Menschen zu achten und als unantastbar zu begreifen und zu behandeln, ist ein grundlegendes Menschenrecht. Es beruht auf dem humanistischen Menschenbild: jedem Menschen steht dieses Recht zu.

In seiner sprachlich-kulturellen Bedeutung enthält das Wort „Würde“ den Begriff „Wert“ (im Althochdeutschen: wirdi). Würde bedeutet vom Wortsinn her die Wertschätzung, die einem Menschen entgegengebracht wird.

Diese grundlegende Wertschätzung, dieses Recht auf Würde und Würdigung steht, wie gesagt,  jedem Menschen zu. Nicht, weil er etwas leistet, nicht, weil er brav ist, nicht, weil er weiß oder schwarz, männlich oder weiblich ist, nicht, weil es dies tut oder jenes unterlässt – jeder Mensch hat das Recht auf Würde, weil er Mensch ist.

Das Recht auf Würde bedarf keines Handelns, es existiert aus sich heraus, begründet im Menschsein. Doch die konkrete Würde eines konkreten Menschen existiert nicht von selbst, sie muss geschaffen werden, sie ist Ergebnis des Würdigens. Der Kern unseres Verständnisses von Würde besteht im Prozess des Würdigens. Würde ist weniger ein Zustand, sondern vor allem ein Prozess, mehr Verb als Substantiv. Unsere Menschenwürde braucht Würdigung, immer wieder, nicht einmal, sondern ständig. Und wir Menschen respektieren die Würde anderer Menschen, in dem wir sie als Personen und Persönlichkeiten würdigen, möglichst konkret. Würde ist in diesem Sinne keine Eigenschaft, sondern eine Beziehungsqualität.

Und das bedeutet, dass Würde eine Aufgabe ist, die Aufgabe, andere zu würdigen und darauf zu achten, selbst gewürdigt zu werden. Was und wie gewürdigt werden muss oder kann, unterscheidet sich in der Feinabstimmung je nach Situation und Person. Denn wie jemand Würde empfindet, wie jemand Würdigung oder Entwürdigung erfährt und erlebt, ist subjektiv geprägt und unterscheidet sich dementsprechend. Es gibt keine „objektiven“ Kriterienkataloge der Würde oder des Würdigens. Aber jeder Mensch spürt, was ihn würdigt und ob er entwürdigt wird.

Mit Würde wird oft auch eine bestimmte Qualität der Ausstrahlung eines Menschen bezeichnet. Viele Menschen denken, wenn sie auf „Würde“ angesprochen werden, an den Dalai Lama, den Papst oder Mutter Theresa. Doch wie kommt diese Ausstrahlung zustande? Sie ist Ergebnis dessen, dass diese Menschen gewürdigt wurden und dass sie andere würdigen. Der Prozess des Würdigens haftet diesen Personen an und strahlt so von ihnen aus.

Bei König/innen oder Präsident/innen wird auch von der „Würde des Amtes“ gesprochen, die deren Inhaber/innen ausstrahlen. Hier färbt das Amt auf die Person ab. Doch das Amt allein kann die Würde eines Menschen nicht ausmachen. Die Person muss es „Wert“ sein und sich entsprechend würdevoll und würdigend verhalten. Wenn sie dies nicht tut, verliert sie ihre Würde und beschädigt damit „das Amt“. Auch „im Amt“ entsteht Würde im Prozess des Würdigens und schafft sich in ihm immer wieder neu.

Wir betonen den Prozess des Würdigens, weil er in der Beschäftigung mit der Würde traumatisierter Menschen von entscheidender Bedeutung ist.

 

Gabriele Frick-Baer, Udo Baer

 

 

About Udo Baer und Gabriele Frick-Baer

Udo Baer Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Geschäftsführer und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor Gabriele Frick-Baer Dr. phil. (Erziehungswissenschaften), Diplom-Pädagogin, Kreative Leibtherapeutin AKL, Vorstandsmitglied der Stiftung Würde und wissenschaftliche Leitung der Kreativen Traumahilfe der Stiftung Würde, Kreative Traumatherapeutin, Autorin

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