Traumbilder der Zwischenleiblichkeit

Wir Menschen sind voller Imagination. Wir stellen uns Szenen und anderes Bildhaftes vor. Wir sehen solche Bilder und spüren sie in den Träumen, wir haben Tagträume und vieles mehr. Auch Flashbacks, in denen traumatische Erfahrungen wieder aufleben, sind häufig von solchen Imaginationen begleitet.

Nun gibt es ein Phänomen, dass Kinder oder gar Enkel von Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, berichten, dass sie Bilder solcher Erfahrungen geträumt haben oder dass sie ihnen in Tagträumen erscheinen. Es handelt sich dabei zum Beispiel um Bilder von Landschaften, durch die die Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg geflohen ist, Bilder von Kriegsereignissen, die der Vater erlebt hat, oder Vergewaltigung, die der Mutter wiederfahren ist. Die Frage taucht auf: Wie ist so etwas zu erklären?

Meine Erklärung besteht darin, dass solche Imaginationen aus den Erfahrungen der Zwischenleiblichkeit entstehen. Was ist Zwischenleiblichkeit? Zwischenleiblichkeit ist eine besondere Qualität des Erlebens zweier Menschen. Zwischen zwei Menschen überschneiden sich die Erlebensräume. Zwischenleiblichkeit meint nicht nur den Raum zwischen zwei Menschen, sondern bezieht die Leiblichkeit beider Menschen ein. Unser Erleben strahlt aus und erfasst das Gegenüber, um so intensiver je mehr Vertrautheit oder andere Faktoren der Nähe vorhanden sind. Anscheinend werden über solche zwischenleiblichen Erfahrungen Imaginationen geteilt, „schwimmen“ zum Gegenüber oder „schwappen“ in die Leiblichkeitssphäre der anderen Person. Ausgelöst durch bestimmte Trigger oder durch intensive Träume werden diese Imaginationen lebendig. Oft entstehen solche Träume oder Tagträume in Situationen, in denen sich die Betreffenden am Tag vorher mit dem anderen Menschen beschäftigt haben oder aber ein Aspekt der traumatischen Situation ähnlich begegnet ist, etwa in einem Film, einem Gespräch, einem Buch.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Ein Kommentar zu “Traumbilder der Zwischenleiblichkeit

  1. Sehr geehrter Herr Baer,

    mein Sohn hatte genau so ein heftiges Erlebnis.

    Er träumte, dass das Haus, in dem er sich befand einstürzte, sprang aus dem Bett, öffnete das Fenster und sprang hinaus. Sein Zimmer war im 1. Stock. Er landete auf hartem Boden und wachte auf. Irgendwie schaffte er es, nach oben in sein WG Zimmer zu gelangen. Er weckte seine Kollegen und diese riefen den Notdienst an. Am nächsten Tag wurde er operiert. Er hatte sein Sprunggelenk am Bein gebrochen. Vom Krankenhaus rief er zu Hause an. Mein Mann und ich waren geschockt und dankbar, dass nicht mehr passiert war. Das ist nun knapp 2 Jahre her. Was den Traum ausgelöst hat, konnte er sich nicht vorstellen. Alles ist gut verheilt und er kann wieder Sport machen. Die Eltern meines Mannes haben als Kinder den Krieg und Bombenabwürfe erlebt. Ebenso meine Mutter. Mein Vater kam im 1. Weltkrieg zur Welt und kämpfte im 2. Weltkrieg mit. Sie haben ihre Traumata nicht bearbeitet und an uns weitergegeben. Mein Sohn ist mit seinen 24 Jahren nicht offen, Hilfe anzunehmen. Meine eigenen Entwicklungen in Bezug auf Trauma, sind mir – dank kompetenten Therapeuten – sehr wertvoll.
    Heute bin ich Kunsttherapeutin und mein schönstes Ziel ist es Menschen zu helfen.

    Ihren Blog und Ihre Bücher lese ich sehr gerne und mit großem Interesse.
    Mit freundlichen Grüßen
    Brigitte

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