Trauma-Tabu auch in der Lyrik

Ich las die wunderbaren Gedicht-Interpretationen von Ruth Klüger, KZ-Überlebende, Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Feministin. Sie führt in ihrer Sammlung ein Gedicht von Durs Grünbein über eine Vergewaltigung und ein Gedicht von Anne Sexton über eine Abtreibung auf und schreibt, dass solche „weiblichen Traumata“ „in der Lyrik bis vor kurzem praktisch tabu waren und es weitgehend immer noch sind“.[1]

Meine erste Reaktion darauf war Erschrecken. Ich las immer schon gerne Gedichte und kenne viele, ohne mir anmaßen zu wollen, einen Überblick zu besitzen. Mir war das Fehlen dieser Themen nie aufgefallen. Das erschreckt mich genauso wie mein hehres Bild von der Lyrik als Ausdrucksform aller Lebensfacetten zerbricht. Und gleichzeitig ging und geht es mir so, dass diese Tabuisierung mir und meinen Kolleg/innen vertraut ist. Wir wissen um sie in der Geschichte und Gegenwart, wir hören von ihr im Umgang mit den Opfern traumatisierender Gewalt, wir sind zornig über Verschweigen und Verharmlosen in Öffentlichkeit und Institutionen. Anscheinend ist die Lyrik da keine Ausnahme.

Es hat sich manches in den letzten Jahren gebessert, aber der Kampf gegen die Tabuisierungen muss weiter gehen, überall, im Sinne der Opfer und für eine humanere Gesellschaft.

[1] Klüger, R.: Gegenwind. Gedichte und Interpretationen. Wien 2018. S. 8

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und der Semnos-Fachschule für Heilpädagogik (hier ebenfalls Lehrer), Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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