„Ich bin dumm!“

Viele Opfer traumatisierender Gewalterfahrungen, v.a. sexueller Gewalt, halten sich für dumm. Manche meinen das als generelle Bewertung der eigenen Person, andere beziehen sich auf einzelne Teilbereiche ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen. Manche äußern dies ständig, andere teilen dieses Selbstbewertung nicht mit anderen, wälzen Sie aber als Selbstbeschimpfung wiederholt in ihren Gedanken.

Diese Selbsteinschätzung steht meistens in solch frappierenden Gegensatz dazu, wie ich die jeweilige Personen wahrnehme, dass ich meist innerlich den Kopf schüttele und verwundert staune.

Frage ich näher nach, worauf sich die Selbsteinschätzung, „dumm“ zu sein gründet, berichten einige von Erfahrungen mit anderen Menschen, die ihnen Abwertung und Verachtung gezeigt haben, vor allem Eltern und Lehrer/innen. Doch häufig können die Menschen, die sich als „dumm“, „unfähig“, „doof“, „nicht intelligent“ usw. bezeichnen, die Frage nach den Gründen nicht oder nur vage beantworten. Dann frage ich weiter, seit wann sie sich denn so sehen. Hier wird deutlich, dass es bei vielen einen Zusammenhang mit Erfahrungen meist sexueller Gewalt gibt. Wohlgemerkt: Dies gilt nicht für alle von traumatischen Erfahrungen betroffenen, aber für so viele, dass es angesagt ist, auf diesen Zusammenhang hinzuweisen.

 

Die Verbindung von sexuellen und anderen Gewalterfahrungen ist leicht zu verstehen. Wer sexuelle und andere Gewalt erfährt, wird nicht als Mensch, als Person, als Würde-Wesen behandelt, sondern als Objekt. Ein Objekt ist entmenschlicht, sein Nein wird nicht gehört, seine Wünsche und sein Recht auf Unversehrtheit werden nicht respektiert. Das führt zu einem Grundgefühl der Selbstabwertung: Ich bin es nicht wert, dass man mich würdigt — ich bin nichts wert — ich bin dumm. Viele Opfer sexueller Gewalt beginnen eine Therapie nicht, weil sie die Gewalterfahrungen und ihre Folgen bearbeiten wollen, sondern weil sie an Selbstabwertung und Selbstverunsicherung leiden. Erst im Verlauf der Therapie erkennen sie den Zusammenhang zwischen ihren traumatischen Erfahrungen und ihrer abwertenden Selbsteinschätzung.

Hinzu kommt, dass insbesondere Kinder, die traumatisierende Gewalterfahrungen erleben, nicht verstehen und nicht verstehen können, was ihnen passiert. Auch dieses große und anhaltende Unverständnis kann zu einer „Ich-bin-dumm“-Einschätzung führen.

Ihnen und allen anderen Gewalt-Opfern sage ich und sollten wir sagen: Sie sind nicht dumm! Sie konnten etwas Unverständliches nicht verstehen und das lag nicht daran, dass sie „dumm“ sind, sondern daran, dass die Tat unverständlich war und ist. Sie wurden verunsichert, aber Sie haben überlebt. Die Selbstverständlichkeit Ihres Lebens wurde erschüttert, aber Sie haben Ihre Würde und Ihr Recht auf Würde erhalten. Die Klugheit der Würde ist Ihre Antwort.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

4 Kommentare zu “„Ich bin dumm!“

  1. Nach einem Unfall vor zehn Jahren bin ich bis zum heute auf der Suche nach Erfüllung. Ich stelle seit diesem Ereignis vieles infrage, konnte dank ein paar mitfühlender Mitmenschen verschiedenes kennenlernen und mitarbeiten. Ansonsten bin ich überall trotz guter Schulbildung und Abschlüssen nicht in der Lage mich in ein Team, in eine Gemeinde in eine Stelle zu integrieren und dauerhafte Beziehungen zu schließen, die ein ganzes Leben lang halten. Wenn es nicht Dummheit ist, was könnte es dann sein und wie finde ich für meine verwundete, traumatisierte Seele Hilfe, wenn selbst Psychotherapie und Medizin an ihre Grenzen stoßen? Was ist wenn es sich dabei um Mobbing handelt oder ich die Menschen auf dem.falschen Fuß erwische? Danke für eine Antwort.

    • Ich müsste Sie besser kennen, um auf Ihre Fragen antworten zu können. Leider. Jede Antwort wäre Spekulation und damit wäre Ihnen nicht geholfen. Ich weiß, dass traumatische Erfahrungen dazu führen, dass Menschen sehr dünnhäutig werden, im Herzen, und vieles Schlimme und Entwürdigende nicht aushalten – und deshalb anecken. Hilfe geht meiner Erfahrung nur über eine vertraute helfende Beziehung, die Misstrauen aushält. Ich habe gute Erfahrungen mit Musik-, Tanz- und Kunsttherapie gemacht. Kreativer Ausdruck und Kreative Dialoge helfen mehr als Worte.
      Ich wünsche Ihnen alles Gute, dass Sie wieder Geborgenheit finden.
      Herzlich
      Udo Baer

  2. Sehr geehrter Herr Baer,

    auch wenn Sie Ihren Blog an Helfer richten, sind viele Einträge und Artikel auch für mich als Betroffene von sexueller Gewalt in der Kindheit hilfreich. Ihre Sprache und innere Haltung spenden mir Trost.
    „Ich bin dumm“ (und schlimmeres) ist ein Satz, den ich mir sehr oft sage. Abweichende Meinungen zählen meist nicht.
    Ich wehre mich dagegen – habe Widerstände- dies als Überzeugungen, die durch meine Traumaerfahrungen entstanden sind, zu sehen und lande schnell in kompletter Selbstabwertung.
    Zum Glück habe ich eine Therapeutin gefunden, die mir mit Mitgefühl und Wertschätzung (Würde) begegnet. Ich habe noch einen sehr langen Weg vor mir. Die kommenden Weihnachtsfeiertage werden auch wieder schwierig für mich.
    Aber das Wissen, dass es Menschen gibt, die Verstehen und bereit sind zu begleiten, gibt mir ein wenig Zuversicht.
    Dafür danke ich auch Ihnen.

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