Trost, Teil 12: Die ungetröstete Generation

 

 

 

 

Im Jahr 2015 jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal. Im Institut für Soziale Innovation (ISI) überlegten wir, was wir aus diesem Anlass unternehmen könnten. Absicht war, die alten Menschen, die das Kriegsende erlebt hatten, zu trösten und zu unterstützen. Wir kamen auf die Idee, Menschen zu befragen, die das Kriegsende erlebt und überlebt hatten: Was hat Sie damals getröstet? Dies taten wir, und es kamen viele Aussagen, Bilder und Objekte zusammen, die später als eine Ausstellung „Trost 45“ in verschiedenen Einrichtungen gezeigt wurden. Bei der Eröffnung der Ausstellungen in den unterschiedlichen Orten führten wir Veranstaltungen durch und diskutierten mit den Beteiligten aber auch deren Kindern und anderen interessierten Menschen. Dabei hörten wir oft:

„Ich bin ein Kind der Kriegsgeneration. Meine Eltern hatten durch den Schrecken des Krieges die Fähigkeit verloren, andere zu trösten. Ich gehöre zu der Generation der ungetrösteten Kinder.“

Viele Menschen im Krieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten so viele Grausamkeiten erlebt und waren dabei selbst ungetröstet geblieben. Es gab damals nach Kriegsende weder Selbsthilfegruppen noch Seelsorge, weder Unterstützung noch Trost. Die Menschen mussten versuchen zu überleben und das brauchte all ihre Energie. Die traumatischen Erfahrungen führten bei vielen zu Erstarrung und innerer Verhärtung. Als dann ihre Kinder Trost brauchten, weil sie sich das Knie gestoßen hatten oder als Dreizehnjährige unter Liebeskummer litten, dann konnten die Eltern nicht trösten. Sie waren schlicht dazu nicht in der Lage. Oder die Kinder hörten: „Früher war es schlimmer!“ Selbstverständlich waren die Erlebnisse in Stalingrad und bei den Bombardierungen schlimmer als der Liebeskummer einer Dreizehnjährigen. Doch aus der Sicht der Dreizehnjährigen halfen solche Vergleiche nicht. Sie fühlte sich allein und blieb ungetröstet. Dadurch konnte diese Generation auch wenig lernen, wie trösten gelingt. Sie mussten deshalb das Trösten ihrer eigenen Kinder wie eine Fremdsprache neu ausprobieren und sich aneignen. Das gelang manchen, aber nicht allen.

Die Erfahrungen der ungetrösteten Generation der Kriegs- und Nachkriegszeiten beeinflusst das Trösten und Getröstet-Werden bis in die heutige Zeit.

Weitere Artikel dieser Serie: << Trost, Teil 11: Trösten ist anarchisch

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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