Traumafolgen und Gefühle, Teil 3: Zorn, Wut, Angst

 

 

 

Traumatische Erfahrungen beinhalten oft Gewalterfahrungen, also aggressives Verhalten. Viele Opfer traumatisierender Gewalt sind deshalb wütend. Fast immer ist diese Gewalterfahrung angstmachend, so dass auch die aggressiven Gefühle mit ängstlichen Gefühlen verwoben und verknüpft sind. Dies kann mehrere Folgen haben.

Eine Folge kann darin bestehen, dass der Zorn und die Wut sich nicht gegen die Täter/innen richten, sondern gegen sich selbst: „Warum ist mir das geschehen?“ „Warum habe ich mich überhaupt in diese Situation begeben?“ usw.. Der berechtigte Zorn auf die Täter/innen ändert die Richtung und wird zu Selbstvorwürfen. Hier ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu erkennen und die Unterstützung zu finden, um seine Wut auf die Täter/innen zu richten und nicht gegen sich selbst.

Eine weitere Folge kann sein, dass die aggressiven Gefühle gleichsam „eingesperrt“ und vergraben werden. Wir kennen viele Menschen mit traumatischen Gewalterfahrungen, die sagen: „Ich möchte endlich wütend werden, aber ich kann es nicht.“ Hier stehen meist andere Gefühle vor der Wut, die zunächst gespürt und zugelassen werden müssen. Das kann die Trauer sein oder die Scham oder auch Schuldgefühle. Dürfen solche Gefühle lebendig sein, kommen auch die aggressiven Gefühle zu ihrem Recht.

Oft wurzelt das Bremsen der eigenen aggressiven Gefühle auch in der Überzeugung: „Ich möchte nicht so, wie der Täter/die Täterin werden!“ Diese Haltung ist ehrenwert und unterstützungswert. Das Problem ist für manche dieser Menschen, dass sie aus dieser Überzeugung heraus all ihre aggressiven Impulse unterdrücken. Damit geben sie unbewusst den Tätern immer noch Macht über ihre Gefühle. Aggressive Gefühle wie Wut und Zorn können gesund sein, weil sie auf Veränderung abzielen. Täter zielen in ihrer Aggressivität auf Unterwerfung und Entwürdigung. Das ist der Unterschied.

Eine dritte Folge ist die Maßlosigkeit der eigenen aggressiven Gefühle. Die Aggressivität der Täter/innen war maßlos, hat die Opfer existentiell bedroht und geschädigt. Die Gegen-Wut, der Gegenzorn, sind häufig deshalb ebenfalls maßlos, brechen sich in Wutattacken Bahnen. Dies erschreckt die traumatisierten Opfer. Sie wollen nicht maßlos sein. Deshalb versuchen sie, ihre aggressiven Gefühle zu dämpfen oder unter Kontrolle zu bringen, was selten gelingt. Hier besteht die entscheidende Hilfe nicht darin, ein „Maß“ für den Zorn oder die Wut zu finden, sondern die traumatisierten Opfer darin zu unterstützen, dass sie nicht allein sind und allein mit ihren Gefühlen bleiben müssen. Alles weitere ergibt sich daraus.

Weitere Artikel dieser Serie: << Traumafolgen und Gefühle, Teil 2: Zwischen maßlosen und gedämpften Gefühlen: TaubheitTraumafolgen und Gefühle, Teil 4: Schuldgefühle >>

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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