Traumafolgen und Gefühle, Teil 2: Zwischen maßlosen und gedämpften Gefühlen: Taubheit

 

 

 

In allen klinischen Diagnose-Manualen wird über Traumafolgen und insbesondere der posttraumatischen Belastungsstörung angeführt, dass Opfer traumatisierender Gewalt emotional gedämpft bzw. betäubt sind. Dem begegnen wir oft, doch sind diese emotionalen Prozesse häufig von starken Widersprüchen gekennzeichnet.

Betrachten wir dies genauer:

Die Erfahrung traumatisierender Gewalt führt oft zu einem emotionalen Sturm, der für die betreffenden Menschen kaum auszuhalten ist. Ihn zu betäuben und zu dämpfen, ist folglich ein Selbstschutz, um nicht von den Gefühlen überflutet und überwältigt zu werden. Dieser Selbstschutz hält oft über längere Zeit an, wenn die betroffenen Menschen keine angemessene Hilfe erhalten.

Es gibt zwei große Widersprüchlichkeiten, die sich in oder hinter der emotionalen Taubheit verbergen. Die erste besteht darin, dass im inneren Erleben der betroffenen Menschen oft eine große Erregung „tobt“. Die gedämpften Gefühle sind nicht leiblich verschwunden, sondern bleiben lebendig. Sie äußern sich nicht als konkrete Gefühle, sondern zumeist als diffuse Erregung, die sich im Alltag als Unruhe äußert und oft auch nachts hervorbricht. Viele Menschen können sich dann diese Erregungszustände nicht erklären. Sie fühlen sich von ihnen überfallen und überwältigt.

Die zweite Widersprüchlichkeit kann sich darin äußern, dass es neben der generellen emotionalen Taubheit einzelne Gefühle gibt, die gelegentlich oder regelmäßig hervorbrechen. Dies können Weinattacken sein, aggressive Anfälle, Gefühle der Verzweiflung oder der Hilflosigkeit.

Um die den gedämpften Gefühlen innenwohnenden oder sie begleitenden Widersprüchlichkeiten zu wissen, kann Menschen mit traumatischen Erfahrungen helfen, sich zu verstehen und ihr Erleben als Traumafolge zu bewerten. Wenn nämlich Erregungszustände unterhalb der Ebene der emotionalen Betäubung das Erleben prägen oder einzelne Gefühle hervorbrechen, dann ist dies meist mit Maßlosigkeit verbunden. Die Gewalterfahrung, die die Menschen gemacht haben, war maßlos und führt dazu, dass sie zumindest eine Weile ihr Maß verlieren. Wenn Gefühle gedämpft werden – aus Selbstschutz – geht gleichzeitig das Gefühl für das Maß der Emotion verloren. So, wie die Opfer traumatisierender Gewalt den Tätern ausgeliefert waren, fühlen sie sich nun ihren Gefühlsausbrüchen ausgeliefert. Den Zusammenhang zwischen der traumatischen Erfahrung und der emotionalen Betäubung bzw. Maßlosigkeit zu verstehen, kann mehr Verständnis und Wohlwollen für sich selbst schaffen.

Weitere Artikel dieser Serie: << Traumafolgen und Gefühle, Teil 1: Verstört seinTraumafolgen und Gefühle, Teil 3: Zorn, Wut, Angst >>

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.