Trauma und Zeiterleben Teil 2: Vom Verlangsamen und vom Beschleunigen

Dass Menschen die Zeit subjektiv in unterschiedlichen Tempi erleben, ist normal und gehört zu den grundlegenden Qualitäten menschlichen Lebens und Erlebens. Manchmal staunen wir, „wie schnell die Zeit vergeht“ und manchmal zieht sich eine Stunde, als wären es drei oder vier, zäh und breiig. Eine traumatische oder Trauma-ähnliche Erfahrung kann dieses Zeiterleben massiv beeinflussen.

Ein junger Mann erzählte mir, er sei von seinem Vater oft geschlagen worden. Es gab einmal eine Situation, wo er eine Vase fallenließ. Er war damals sieben Jahre alt. Die Mutter drohte, dies dem Vater zu sagen, der es ihm „schon geben“ würde. Der Vater kam meistens spät nach Hause und der Junge lag schon im Bett, wenn der Vater von der Arbeit kam. Tage- und wochenlang wartete er darauf, dass der Vater zu ihm kam, um ihn wegen seines „Vergehens“ zu schlagen. Doch er kam nicht. Der Junge schlief schlecht ein, erst spät, und die Wartezeit dehnte sich quälend lang. Er erlebte die Phase zwischen dem Zeitpunkt, zu dem er ins Bett ging, und dem, wenn der Vater nach Hause kam, was er von seinem Zimmer aus hören konnte, wie in Zeitlupe. Schließlich dachte er, die Mutter habe vergessen, dem Vater von seinem Missgeschick zu erzählen. Er konnte nun beruhigt einschlafen. Doch nur zwei Tage lang. Denn dann stürmte der Vater an sein Bett und verprügelte ihn.

Hier ist das Warten auf ein unglückbringendes Ereignis der ausschlaggebende Faktor, der die Zeit sich dehnen lässt. Solches hören wir von vielen Menschen, die wiederholt Gewalt erfahren haben. Die Wartezeiten waren einerseits Zeiten „danach“, also nach der letzten Gewalterfahrung, und gleichzeitig Wartezeiten „davor“. Das Warten bedeutete für die meisten ein quälend langsames Zeiterleben. Wer dies durchgemacht hat, kann auch oft später schlecht warten, sondern neigt dazu, solche Phasen durch Aktionismus oder anderes abzukürzen. Warten ist hier mit dem Gefühl von ewiger Qual und drohendem Unglück verbunden.

Eine Frau erzählte, dass für sie die Zeit immer ganz schnell, ja zu schnell, vorbeigehe. „Ich kann da gar nichts machen. Ich freue mich auf etwas. Dann ist es ganz schnell vorbei. Aber auch bei schlechteren Zeiten. Irgendwie zerrinnt mir die Zeit zwischen den Fingern.“ An anderer Stelle erzählte sie, dass sie mehrmals sexuelle Übergriffe erfahren habe. „Ich habe mir damit beholfen, dass ich alles auf Zeitraffer gestellt habe. Als wäre der Film ganz schnell vorgespult worden, in dem ich mich befand. Das ging nicht immer. Manchmal musste ich jede Sekunde der Qual extrem langsam aushalten. Aber oft klappte es und die Zeit rannte davon.“

Als sie die damaligen und die aktuellen Erfahrungen mit ihrem Zeiterleben in Verbindung brachte, wurde ihr der Zusammenhang deutlich.

Es gibt viele andere Varianten, wie sich traumatische Erfahrungen auf das Zeiterleben auswirken können. Verlangsamungen und Beschleunigungen gehören für viele Menschen dazu.

Weitere Artikel dieser Serie: << Trauma und Zeiterleben Teil 1: Objektive und subjektive ZeitTrauma und Zeiterleben Teil 3: Paranoia >>

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.