Zeiterleben Trauma, Teil 6: Zeitliche Dissoziationen

Wenn ein Schreckenserleben für den betroffenen Menschen unaushaltbar wird, dann kann ein besonderer Schutzmechanismus in Kraft treten. Menschen können sich dann sich „wegbeamen“ oder das Erleben des Schreckens abspalten. Hält sich dies über einen längeren Zeitraum oder gar im weiteren Leben, wird dieser Zustand Dissoziation genannt. Manche Menschen mit traumatischen Erfahrungen reagieren auch mit zeitlichen Dissoziationen. Manche Lebensphasen werden zu einer Black Box. Es gibt keine zeitlichen Erinnerungen an diese Phase oder nur zwei oder drei Momente, die in dem Erinnerungsfluss aufblitzen. Manche Zeiten sind also dissoziiert, auf eine andere Stelle des Unterbewusstseins geschoben worden, was die wörtliche Übersetzung von „dissoziieren“ aus dem Lateinischen bedeutet. Zeitliche Dissoziationen sind also Erinnerungslücken oder vollständige Amnesien, die manche Zeitabschnitte des Lebens betreffen.

Eine andere Form der zeitlichen Dissoziation kann zeitliche Vorstellungen der eigenen Biografie betreffen. Eine Frau hatte als junges Mädchen über ein Jahr in einem diffusen Wartezustand erlebt. Sie wusste nicht, ob die Familie zusammenbleiben würde oder nicht. Diese Zeit war schrecklich für sie. Schließlich zog die Mutter mit ihr in einen anderen Ort nach Norddeutschland, wo sie sich niederließen. Als das Mädchen umzog, war sie zehneinhalb Jahre alt. In ihren Biografien als Erwachsene beschrieb sie den Zeitpunkt des Umzuges immer so, als wäre sie gerade neun Jahre alt geworden. Dies passte mit allen objektiven Daten nicht überein, doch in dem Erleben ihrer Biografie war es so: Sie übersprang das schlimme Jahr. Ein Schutz.

Weitere Artikel dieser Serie: << Zeiterleben und Trauma, Teil 5: Das WartenZeiterleben und Trauma, Teil 7: Immer zu spät kommen >>

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.