Trauma und Zeiterleben Teil 3: Paranoia

Unter Paranoia wird verstanden, dass Menschen immerzu mehr oder weniger zwanghaft Negatives erwarten und überall Gefahren wittern. Eine solche Haltung beruht oft auf schlimmen, ja traumatischen Erfahrungen. Wer immerzu negative Erfahrungen befürchtet, hat oft auch Negatives erlebt. Im Alltag wird meist das Befürchtete nicht Realität. Aber dies wird dann kaum bewertet, manchmal kaum registriert. Wird ein Unglück erwartet und es tritt ein, dann ist das eine Bestätigung und Bekräftigung der generellen paranoiden Haltung. Insofern erzeugt die Paranoia sich immer wieder selbst.

Die Paranoia ist auch eine spezifische Form des Zeiterlebens. Die Menschen richten sich in ihren zeitlichen Vorstellungen in die Zukunft. In der Paranoia nehmen sie das, was geschehen wird bzw. was sie für die Zukunft erwarten, in die Gegenwart hinein. Sie setzen voraus, dass es geschehen wird, zweifellos, und richten sich danach. „Das Ereignis wirft seine Schatten voraus“, so formulieren wir es in unserer Umgangssprache. Wenn Menschen nun immerzu negative Ereignisse erwarten, dann ist dies eine spezifische Vorstellung der Zukunft, dann entsteht ein besonders großer Schatten, den künftige Ereignisse in die Gegenwart werfen. Das zukunftsgerichtete Zeiterleben wird mit Befürchtungen und Ängsten behaftet. Die erlebte Zeitspanne zwischen Gegenwart und Zukunft wird sosehr verkürzt und verdichtet, dass die befürchtete Zukunft die Gegenwart prägt.

 

Hier den Zusammenhang zwischen dieser paranoiden Haltung und früheren traumatischen Erfahrungen, die mit negativen Erwartungen verknüpft waren, zu erkennen, kann ein wichtiger Schritt für ein besseres Leben werden.

Weitere Artikel dieser Serie: << Trauma und Zeiterleben Teil 2: Vom Verlangsamen und vom BeschleunigenTrauma und Zeiterleben Teil 4: Zeitkollaps >>

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut (AKL), Mitbegründer und Geschäftsführer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP).

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