Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Teil 7: Zusammenbrüche, Erstarrung und Trauer

 

 

 

 

Manchmal brechen Menschen zusammen, wenn sie eine traumatische Erfahrung machen mussten. Dies geschieht besonders häufig, wenn Menschen eine Todesnachricht erhalten. Viele Menschen brechen dann buchstäblich zusammen. Sie können dann nicht mehr stehen, sondern sinken danieder oder fallen um, manche werden ohnmächtig, manche bekommen Schreikrämpfe, zittern oder schlagen um sich …

Wenn Menschen zusammenbrechen, brauchen sie Halt. Im Notfall auch eine Beruhigungsspritze von einem Notarzt. Vor allem brauchen sie von Ihnen als der Person, die versucht, Erste Hilfe zu leisten, dass sie gehalten werden. Dies kann buchstäblich darin bestehen, dass Sie sie aufrecht festhalten. Sie können auch, wenn die Opfer schon auf dem Boden liegen oder sitzen, sich auf Augenhöhe dazusetzen, sie fest halten an den Füßen, am Oberkörper, am Kopf, wo auch immer. Selbstverständlich nur da, wo es auch akzeptiert wird. Wenn das verbal nicht geschehen kann, spüren Sie es, ob sich Menschen gegen Ihre Berührungen wehren oder nicht. Wenn Berührung nicht möglich ist, dann halten Sie sie fest mit Ihren Blicken und vor allem mit Ihrer Stimme. Reden Sie beruhigend und kontinuierlich. Schaffen Sie mit Ihrer Stimme einen Raum der Geborgenheit um die betroffene Person und Sie herum.

Viele Menschen, wahrscheinlich die meisten, brechen nach traumatisierenden Schockerfahrungen nicht zusammen, sondern erstarren. Sie wirken wie eingefroren. Der Blick flackert vielleicht oder er erstarrt auch. Der Körper wird zumindest sehr steif und fest. Sie können kaum noch sprechen oder gar nicht. Oft wird die Atmung flacher. Auch hier ist es wichtig, diese Menschen nicht zu bedrängen, aber da zu sein und das auch zu zeigen. Sie können fragen, ob Sie eine Hand halten dürfen. Sie können immer wieder sagen: „Ich bin neben Ihnen. Ich stehe neben Ihnen. Ich sitze neben Ihnen. Ich bin da. Ich passe auf Sie auf.“ Sie können sich, wenn Sie das geübt haben, mit Ihrem Atemrhythmus auf den der erstarrten Person einpendeln. Sie können sicher sein, dass die Erstarrung äußerlich ist und innendrin in den Menschen der Vulkan tobt.

Manche Menschen, die erste Hilfe bei traumatisieren Ereignissen geben, sind der Überzeugung, dass es wichtig ist, sofort zu trauern. Ja, Trauer ist wichtig, weil Trauer das Gefühl des Loslassens ist. Trauern kann den Schmerz verflüssigen. Weinen kann dazu führen, dass der Kummer die Seele und das Herz der betroffenen Menschen verlässt. Doch für die meisten Menschen, die Opfer solcher Ereignisse geworden sind, kommt das Trauern erst später. Auch wenn sie zusammenbrechen, schluchzen und weinen ist das oft noch kein Trauern, sondern eher Verzweiflung und tiefe Erschütterung. Trauern beginnt meistens erst zu einem späteren Zeitpunkt. Deswegen können Sie zwar alles unterstützen, was in Richtung Trauer geht, aber bedrängen Sie die Menschen nicht. Lassen Sie ihnen Zeit.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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