Was sind Komplextraumata?

 

 

 

Es wird unterschieden zwischen Komplextraumatisierung und der posttraumatischen Belastungsstörungen als Folge von einem Monotrauma. Der Begriff Komplextraumata wurde von der amerikanischen Psychiaterin Judith Herman[1] eingeführt. In der ICD11, die 2022 in Kraft tritt und nach einer Übergangszeit bis 2022 die ICD 10 ersetzt, wird die komplexe posttraumatische Belastungsstörung erstmalig formuliert und aufgeführt. Sie wird als Folge traumatischer Ereignisse plus zusätzlich einer „langandauernden/wiederholten traumatischen Situation, aus der Flucht nicht möglich ist“, definiert. Als Symptome werden zusätzlich zu den aufgeführten Traumafolgen aufgeführt Störungen

  • im affektiven Funktionieren (Gewaltausbrüche, Dissoziationen unter Belastung, sehr starke emotionale Reaktionen …)
  • in Funktionen des Selbst (Selbsteinschätzung als schwach, wertlos, zerbrochen, generalisierte Scham- und Schuldgefühle)
  • in Beziehungsfunktionen (Schwierigkeiten, Beziehungen aufrecht zu erhalten und sich nahe zu fühlen)

Reddemann[2] erwähnt, dass bis zu 80% der traumatisierten Menschen unter einer komplexen Traumatisierung leiden. Als Kriterium wird oft eine besonders schwere und langfristige Folge der Traumaerfahrung genannt. Als Anhaltspunkt kann gelten, dass es sich nicht um eine monokausale, also um eine einzelne Traumaerfahrung bei den Betroffenen handelt, sondern um sich wiederholende, schwere und oft auch sehr frühe traumatische Erfahrungen und dass neben den Traumata in der Komorbidität andere psychische Erkrankungen festzustellen sind.[3]

Die Erscheinungsformen der Komplextraumata sind so vielfältig wie die der anderen Traumata. Die Definitionen der ICD sind Anhaltspunkte. Wichtig ist, das jeweilige Erleben zu erfassen zu versuchen.

Menschen, die unter den Folgen komplexer Traumatisierungen leiden, sind im besonderen Maße existentiell erschüttert. Dazu gehört:

Ihr Innerer Kern ist geschädigt, gestört, zerbrochen. Wenn Menschen sehr früh zum Beispiel sexuelle oder andere Gewalt erfahren und dies immer wieder erleben müssen, muss dies Folgen für den Inneren Kern haben. In welcher Form die Schädigung auftritt, ist unterschiedlich. Hinzu kommt, dass die Schutzgrenzen des Inneren Kerns oft gestört oder vernichtet wurden. Die Grenzen des Intimen Raums und des Persönlichen Raums sind immer auch Schutzgrenzen, an denen ein Stopp oder ein Nein geäußert und gehört werden soll. Wenn dies systematisch nicht respektiert wird, verlieren die Schutzgrenzen ihre persönliche Bedeutung und werden nicht mehr als existent erlebt.

Auch der Raum der Begegnung wird durch die Erfahrung traumatisierender Gewalt gezeichnet. Die Leere danach prägt die Erwartung an die Mitmenschen. Im Stich gelassen zu werden und Gewalt zu erfahren, wird zur grundlegenden Beziehungserfahrung. Das „Alleinsein danach“ wird gleichzeitig zu einer Phase der bevorstehenden, erneuten traumatisierenden Gewalt, zum „Alleinsein davor“.[4] Es gibt keine oder kaum Zeiten, in denen Erholung und Kräftigung möglich ist. Das Leben wird zu einem Kriegszustand, in dem jederzeit eine existentielle Bedrohung möglich ist.

 

 

[1] Herman, J.: Complex PTSD: A syndrome in survivors of prolonged and repeated trauma. In: Journal of Traumatic Stress. 1992 5(3), Seite 377-391

[2] Reddemann, L. (2004): Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie. PITT. Das Manual. Stuttgart

[3] Siehe Baer, U.; Frick-Baer, G. (2015): Traumasensible Stärkung traumatisierter Menschen. KLT-Journal 7, in: www.baer-frick-baer.de

[4] Frick-Baer, G. (2013): Trauma – Am schlimmsten ist das Alleinsein danach: Sexuelle Gewalt – wie Menschen die Zeit danach erleben und was beim Heilen hilft. Neukirchen-Vluyn

 

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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