Der traumatische Prozess bei Flüchtlingen (Teil 3): Und dann?

Mit den Schreckenserfahrungen der Flucht ist für die meisten der traumatische Prozess noch nicht beendet. Die große Studie von Keilsson über die jüdischen Waisenkinder, die während des NS-Zeit in den Niederlanden vor den Nazischergen versteckt wurden und diese Zeit überlebten, hat zur Überraschung vieler eröffnet, dass diese Kinder die Zeit danach genau schlimm, wenn nicht noch schlimmer erlebt haben. Das Verlorensein und die Unsicherheit in den Zeiten nach Krieg und Verfolgung haben starke Spuren hinterlassen und wurden zumindest subjektiv prägender und die Traumafolgen festigender erlebt als die Zeit der akuten Verfolgung. So geht es auch vielen traumatisierten Flüchtlingen, die Europa erreichen. Europa zu erreichen heißt ja, zunächst einmal in Griechenland oder Lampedusa oder anderen Orte anzukommen. Nach der Überquerung des Mittelmeers Europa zu erreichen heißt auch, sich in Lagern aufzuhalten und nicht zu wissen, wohin und wie es weitergeht. Europa zu erreichen beinhaltet auch, einen unsicheren Status zu haben, auf Schlepper und korrupte Beamte angewiesen zu sein, durch Matsch zu laufen, Grenzen zu überqueren und eine unsichere Situation nach der nächsten zu durchstehen.

Und dann die Ankunft in Österreich, die Ankunft in Deutschland oder in anderen mitteleuropäischen Ländern, auch hier eine fremde Welt, die eine unsichere Welt ist. Auf der einen Seite gibt es das Gefühl der Sicherheit, endlich angekommen zu sein, das Gefühl, nicht mehr dem Krieg und nicht mehr der Polizei ausgeliefert zu sein. Doch auf der anderen Seite kommen neue Abhängigkeiten, von den Behörden, von der Polizei, von den Helfern, von vielem anderen mehr. Die Kultur ist anders, die Sprache ist anders, der Status ist ungesichert. Viele Verunsicherungen treffen aufeinander.

„Als ich mit meiner Familie endlich in München angekommen war, war ich unendlich froh. Wir waren in Sicherheit, wir wurden freundlich empfangen, wir bekamen zu essen, ein Schlaflager, Windeln, Kleidung, Getränke, das war großartig, das war überwältigend.

Doch dann blieb die Unsicherheit oder wurde immer stärker, wurde immer mächtiger. Wir wussten nicht, wo wir hinkamen, wir wussten nicht, ob wir bleiben konnten, wir hörten von diesen und jenen Flüchtlingen dieses oder jene Gerücht. Dann kamen wir in einen anderen Ort, in eine ehemalige Kaserne, und lebten dort. Auch das war viel besser als auf der Flucht und bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich war sehr dankbar und gleichzeitig war ich unsicher und ich wusste nicht, wo ich bin und wie ich bin und wer ich bin.“

Was Flüchtlinge, die diese akuten traumatischen Erfahrungen hinter sich haben, als erstes und wichtigstes brauchen, ist Sicherheit, Schutz, Geborgenheit. Doch diese ist auch nach der Ankunft in Deutschland nicht zu erlangen, zumindest nicht schnell und nicht in dem Maße, wie viele sie brauchen. Also wird der traumatische Prozess fortgesetzt. Die Menschen können sich nicht nur nicht erholen, sondern die Verunsicherungen der vorherigen Fluchtetappen setzen sich fort und addieren sich zu den anderen Verunsicherungen, die in ihnen lebendig sind.

Für viele existiert eine große Angst, wieder in das Herkunftsland zurückgeschickt zu werden. Von den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsländern des ehemaligen Jugoslawien wissen wir, dass der unsichere Status gerade die traumatisierten Flüchtlingen extrem belastet hat. Als die Bürgerkriegshandlungen zu Ende waren, hieß es in Deutschland, dass die Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien, Serbien und anderen Gegenden wieder zurück in die Heimat sollten, um das Land dort wieder aufzubauen. Doch dort gab es Ruinen und dort herrschten vor allem die Täter und diese waren weiterhin bewaffnet. So wie damals ist heute für viele aktuelle Flüchtlinge die Vorstellung, wieder nach Syrien, wieder nach Eritrea, in den Irak oder Afghanistan und andere Länder zurück zu müssen, bedeutet, wieder in die Schrecken des Traumas zurückzukehren und sich den Tätern auszuliefern.

Alle Menschen, die mit Traumatisierten arbeiten, wissen, dass das Schaffen von Sicherheit und die Vermeidung von Täterkontakt der erste Schritt ist, um überhaupt mit unterstützenden und heilenden Prozessen beginnen zu können. Wenn über den Flüchtlingen das Damoklesschwert schwebt, wieder in die Täterstrukturen zurückkehren zu müssen, ist an Traumaheilung nicht zu denken. Dann setzt sich der traumatisierende Prozess fort.

 

Weitere Artikel dieser Serie: << Der traumatische Prozess bei Flüchtlingen (Teil 2): Die Schrecken der FluchtDer traumatische Prozess bei Flüchtlingen (Teil 4): Und davor? >>

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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