Transgenerative Traumaweitergabe: Coping-Weitergabe

Wir haben schon oft darauf hingewiesen, dass bei der Weitergabe von traumatischen Erfahrungen an die nächste Generation nicht das Trauma weitergegeben wird, sondern die Traumafolgen. Dazu gehören auch Aspekte des Traumaerlebens, die ja als Flashbacks auch nach dem Ende der traumatischen Situation immer wieder aufleben. Dazu gehören vor allem die Traumafolgen wie Ängste, Schuldgefühle, Unruhe und dergleichen mehr. Besonders hinweisen möchte ich darauf, dass auch die Art und Weise, wie Menschen mit dem Trauma umgehen, wie sie es bewältigen, an diesen nächsten Generationen weitergegeben werden kann und oft wird.

Die Art der Bewältigung einer schwierigen und herausfordernden Situation – und darum handelt es sich bei einer traumatischen Erfahrung zweifellos – wird als Coping bezeichnet. Wenn ein Mensch seine traumatischen Erfahrung damit bewältigt hat, dass er sie verdrängt hat, dann kann der Weg der Verdrängung an die nächste Generation weitergegeben werden. Ebenso andere Copingmöglichkeiten, wie exzessiver Sport, die Unfähigkeit und Unwilligheit zu trauern, die Abwertung und das sich Lustig machen über die Beschäftigung mit seelischen Faktoren, die Haltung „Leisten statt Fühlen“ und ähnliches mehr. Die Kinder erleben das elterliche Vorbild der Copingstrategien, ohne dass sie wissen, dass es Copingstrategien auf traumatischen Erfahrungen sind. Sie übernehmen sie durch vorbildliches Verhalten oder schwenken auf das Gegenteil (statt exzessivem Sport nie mehr Sport oder sie werden als Gegenpol zur Ablehnung des Seelischen Therapeut/in).

Diesen Aspekt zu beachten, ist in der therapeutischen Arbeit mit den transgenerativen Traumata besonders wichtig, weil oft zunächst diese Copingstrategie als erstes erscheint. Eine Klientin, die vermutete, dass sie an Folgen transgenerativer Traumaweitergabe litt und explizit deshalb Unterstützung suchte, reagierte beim ersten Auftauchen eines solchen Erlebens: „Das bringt doch nichts, das ist doch so lange her!“ Sie war erschrocken darüber, dass sie die gleichen Reaktionen zeigte, mit denen ihre Mutter alles abgewehrt hatte, was auch nur im Entferntesten traumatische Erfahrungen und deren Folgen anklingen ließ. Wenn man ernstnimmt, dass Copings transgenerativ weitergegeben werden, dann sind solche Reaktionen verständlich und normal. Dies zu wissen und den Klient/innen zu erklären, ist sinnvoll und nützlich.

 

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Ein Kommentar zu “Transgenerative Traumaweitergabe: Coping-Weitergabe

  1. Ich bin selbst psychologische Psychotherapeutin und kann das nur aus meiner Erfahrung bestätigen. Ich habe schon sehr vielen Patienten geholfen, indem ich sie dabei unterstütz habe die unverarbeiteten Traumata aufzuarbeiten.
    Ich selbst habe auch transgeneratives Traumata geerbt und habe dieses aufgearbeitet. Eine Kollegin meinte nach der Aufarbeitung, ich hätte mich verändert. Ich fragte sie in welcher Form. Sie meinte, sie könne es schlecht in beschreiben, ihr würde nur das Wort „Frieden“ dazu einfallen.

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