Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Beitrag 2: Der erste Mensch ist am wichtigsten.



Zwei Szenen:

Eine 42jährige Frau wird Zeugin eines Unfalls mit Schwerverletzten auf der Autobahn. Sie steht im Stau in der Reihe der Autos, die nicht weiterfahren können und bekommt über Sichtkontakt die Rettungsmaßnahmen mit. Sie ist geschockt, erstarrt und möglicherweise co-traumatisiert.

Als nach einer Stunde der Unfallort geräumt ist, kommt ein Mitarbeiter der Autobahnpolizei oder der Rettungsdienste, so genau weiß sie es danach nicht mehr, zu ihr und herrscht sie an, sie solle doch endlich losfahren. Es sei doch jetzt wieder alles in Ordnung. Diese Behandlung führt zum Ausbruch der Co-Traumatisierung. Die Frau fährt los, ohne zu wissen, dass sie und wie sie fährt. Als sie zu Hause ankommt und ihrer Familie begegnet, befindet sie sich völlig im Schock, als wäre ihr der Unfall selbst geschehen.

Von solchen Erfahrungen hören wir immer wieder: Menschen, die Zeugen von traumatischen Ereignissen werden, fühlen sie so, als wären sie selbst betroffen. Das ist neurobiologisch und psychosozial erwiesen. Dann entscheidet, ob dies zu einer schweren Traumatisierung führt, wie andere Menschen mit diesen Personen umgehen. In diesem Fall war für die Frau nichts „in Ordnung“. Der Tonfall des Mannes, der sie anherrschte, signalisierte ihr, dass ihre Schreckensgefühle nicht ernstgenommen werden durften, dass sie nichts „wert“ waren, dass sie sich nicht „so anstellen“ sollte. Dies verstärkte die Traumatisierung oder brachte sie erstrecht zum Ausbruch.

Ein anderes Beispiel. Wieder ein schwerer Unfall. Wieder eine Frau als Zeugin der Verletzungen und der Rettungsarbeiten. Hier kümmern sich Rettungssanitäter und Notfallseelsorger oder andere Helfer selbstverständlich vorrangig um die unmittelbar Beteiligten. Doch dann gehen sie umher und bringen den Menschen, die in den Autos Zeugen waren, einen Becher Kaffee oder Tee. Zu dieser Zeugin kommt eine Polizistin und sagt: „Das ist schlimm, was Sie da sehen mussten!“ Dieser Satz öffnet bei der Zeugin die Schleusen, löst die Erstarrung und sie kann weinen. Die Polizistin bringt ihr einen Tee und fragt dann, ob sie etwas tun könne … Diese Anteilnahme war nicht sehr langwierig oder intensiv, aber sie war ein Zeichen der Mitmenschlichkeit, durch das die betroffene Frau den Schrecken besser verarbeiten konnte. Sie wurde zumindest nicht so gelähmt und konnte danach selbst Hilfe und Unterstützung suchen.

Menschen, die ein traumatisches Ereignis erleben, fühlen sich, als wären sie aus der Welt gefallen. Sie brauchen andere Menschen, um wieder in die Welt „hineinzukommen“, um eine Verbindung zur Welt herzustellen. Sie brauchen auch andere Menschen, die das Signal geben, „Ich bin da!“ „Ich bin mit Ihnen in Verbindung.“ „Ich passe auf Sie auf“. Da ist scheinbar Weniges sehr viel. Die erste Begegnung ist am wichtigsten.

Weitere Artikel dieser Serie: << Erste Hilfe bei Traumatisierungen, Beitrag 1: Welchen Stellenwert hat die Erste Hilfe?

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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