Einige von vielen Gedanken zu Paris

Fassungslos, erschreckt, traurig und voller Mitgefühl, so ging es mir, während die Nachrichten zu den Terrorattentaten in Paris eintrafen. Soweit ich überhaupt denken konnte und kann – einiges ist mir wichtig:

Wie können Menschen so entmenschlicht sein, dass sie sehenden Auges junge Gäste eines Konzertes und Restaurantbesucher abschlachten? Ich verstehe es nicht wirklich. Hoffnungslosigkeit aufgrund politischer und gesellschaftlicher Schieflagen und der Impuls, Ohnmacht durch Macht über Leben und Tod zu ersetzen, spielen sicherlich eine Rolle spielt – aber das allein kann es nicht sein. Es braucht eine Rohheit, eine Entfernung jeglichen Mitgefühls, eine Entmenschlichung der Opfer. Meine Konsequenz daraus lautet: eintreten für Mitgefühl, gegen jede Entmenschlichung und Entwürdigung!

Die Täter von Paris sind Mörder und Selbstmörder. Versprechen, dass nach einem Tod, der mit Morden verbunden ist, Belohnungen winken, haben eine lange Tradition. Sie reicht von den christlichen Kreuzfahrern des Mittelalters bis zu den islamischen IS-Fundamentalisten und findet sich selbst bei den angeblich ach so friedfertigen buddhistischen Mönchen in Myanmar, die gegen islamische Bevölkerungsteile hetzen und morden. Meine Konsequenz lautet: eintreten für das Recht zu glauben, aber gegen jede Rechtfertigung des Mordens, im Namen welchen Gottes auch immer.

Die Täter wollten und wollen Angst und Schrecken verbreiten. Das ist ihre erklärte Absicht und das gelingt ihnen. Davor brauchen wir nicht die Augen verschließen. Die Aufrufe, nicht vor dem Terror zu kapitulieren und sich nicht von der Angst vereinnahmen zu lassen, sind richtig und hilflos. Angst ist ein starkes Gefühl, das nicht vor Aufrufen und Fernsehansprachen flieht. Angst wird schwächer durch Geborgenheit. Dazu gehört Schutz (der immer nur relativ sein kann), dazu gehört vor allem tätige Solidarität. Meine Konsequenz lautet: eintreten für Wärme und Vertrautheit zwischen Menschen und für Solidarität mit denen, die Schutz brauchen. Dazu gehören die Flüchtlinge. Viele von ihnen fliehen vor den Mördern von Paris, vor den gleichen Mördern in Syrien, im Irak, in Afghanistan oder Somalia. Die Mörder und die Opfer gleichzustellen, um für eine Politik gegen den Schutz von Flüchtlingen einzutreten, ist unsäglich und eine Verhöhnung der Opfer.

Beim Fußballspiel Frankreich gegen Deutschland waren 1100 Menschen, die beim Absturz der German Wings-Maschine in den französischen Alpen geholfen hatten. (Auch das ein Selbstmörder, der gleichzeitig Massenmörder war!) Diese Einladung war als Danke-Schön gedacht und wurde zum Alptraum. Wir wissen aus der Psychotraumatologie, das oft Zeugen von traumatisierenden Ereignissen co-traumatisiert werden. Auch sie sind Opfer. Für diese Helfer wiederholte sich ein solches Geschehen. Meine Konsequenz daraus lautet: beachten, dass die Zeugen von Gewalt und nach Gewalt auch traumatisiert sein können und oft sind. Sie brauchen Hilfe. Das gilt für die Nochmal-Davongekommenen und die Hilfe-Leistenden, für das Flüchtlingskind aus Syrien wie für den Polizisten in Paris, für die Mutter, die Samstag Nacht ihre Tochter vermisste, wie für den Sicherheitsbeamten am Fußballstadion.

Den Schreckenstaten von Paris wohnt kein Sinn inne. Keinerlei. Wir können nichts ungeschehen machen, wir können nur mitweinen und mittrauern und versuchen, aus dem Sinnlosen sinnhafte Schritte abzuleiten, um Wiederholungen des Schreckens entgegenzutreten und Leid zu lindern.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

3 Kommentare zu “Einige von vielen Gedanken zu Paris

  1. Hallo Udo Baer, … sie sprechen mir aus dem Herzen, vielen Dank für die wahren Worte. Meine Tochter (14) und mein kleiner Sohn (5) sind seit dem Wochenende wieder ins elterliche Bett gekrochen. Wir werden den Kindern die Zeit lassen die sie brauchen. Mehr Worte braucht es nicht. Danke

  2. Die Sicht aus humanitärem Mitgefühl ist gut und richtig. Ist aber angesicht der in der Bevölkerung anwachsenden braunen Brühe einfach zu kurz gedacht . Das kuscheln alleine ist auch gefährlich

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