Wenn der Geflüchtete zur Ruhe kommt, hat das Herz Zeit für die Verarbeitung des Schreckens

„Direkt nach der Flucht hab ich das gar nicht gespürt, die Angst, die Erinnerungen, den Schrecken. Jetzt ist es ruhiger, und nun kommt es. Ich versteh das nicht. Bin ich verrückt?“Der irakische Flüchtling ist nicht „verrückt“, sondern das, was er erlebt, ist typisch für viele Traumaprozesse. In der ersten Zeit nach den traumatischen Erfahrungen steht das Überleben im Vordergrund: eine Wohnung muss besorgt werden, man muss die Familienangehörigen treffen und zusammenhalten, die Anerkennung des Status als Asylbewerber muss beantragt werden usw. All das bindet Energie. Der Organismus schützt sich und ermöglicht diese Energieleistung, indem der Schrecken „eingesperrt“ wird. Das gelingt nicht allen Geflüchteten oder anderen Traumatisierten. Doch da, wo es unbewusst gelingt, ist das für die Betreffenden nützlich.

Dann, wenn Ruhe einkehrt, findet der Organismus Kraft, sich mit den traumatischen Erfahrungen zu beschäftigen. Wenn Ruhe einkehrt, hat das Herz Zeit für die Verarbeitung des Schreckens. Das klingt paradox, macht aber von der Logik des Traumas und der Traumabewältigung Sinn. Dies zu wissen und bei Bedarf zu erklären, tut gut.

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut (AKL), Mitbegründer und Geschäftsführer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP).

Ein Kommentar zu “Wenn der Geflüchtete zur Ruhe kommt, hat das Herz Zeit für die Verarbeitung des Schreckens

  1. Es tut auch gut, auf ganz bestimmte Gemeinsamkeiten hinzuweisen.: „…Gemeinsamkeiten: zwischen Vergewaltigungsopfern und Kriegsveteranen, zwischen mißhandelten Frauen und politischen Gefangenen, zwischen den Überlebenden der riesigen Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über Völker herrschten, und den Überlebenden der kleinen, versteckten Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über ihre Familie herrschen. Wer Furchtbares durchlebt hat, leidet unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Schäden. Das Spektrum traumatischer Störungen reicht von den Folgen eines einzigen überwältigenden Ereignisses bis zu den vielschichtigen Folgen lang anhaltenden und wiederholten Mißbrauchs. …“ Quelle: https://www.amazon.de/Die-Narben-Gewalt-Traumatische-Erfahrungen/dp/387387525X , um ein Gegeneinander – Ausspielen von Menschen, bei denen die Ursachen der Traumata sich unterscheiden, zu verhindern. (Menschenrechtsverletzungen bleiben Menschenrechtsverletzungen, ganz egal zu welcher Nation die Verursacher gehören. Und sie sollten als solche benannt werden, überall! wo sie passieren , ohne! Ausnahmen. … )

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.