Trauma und Zeiterleben Teil 1: Objektive und subjektive Zeit

Unsere Uhren dienen dazu, die Zeit in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage und Jahre zu zerlegen. Sie zeigen die objektive Zeit, die messbar und vergleichbar ist. Eine Stunde ist überall die gleiche Zeiteinheit, in Japan, in Deutschland, in Norwegen oder in Südafrika. Wir können diese geeichte Zeit messen, vergleichen, uns an ihr orientieren. Das ist sinnvoll.

Daneben gibt es eine andere Zeit: die Zeit, die wir erleben. Wir kennen sie alle von der Schule. Eine Unterrichtsstunde kann sich ewig hinziehen oder, wenn sie interessant und spannend gestaltet ist, wie im „Flug vorbeigehen“. Ein Urlaub ist fast immer zu „schnell“ vorbei, Arbeitstage seltener.

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In Männerwelten darf es kein Trauma geben?

Fußball wird immer häufiger von Frauen und Mädchen gespielt, auch die Zahl der weiblichen Zuschauerinnen und Fans nimmt von Jahr zu Jahr zu. Doch die Ideologien, Normen und Sprüche traditioneller Männerbünde bestimmen immer noch die öffentliche und die veröffentlichte Kultur des Fußballs. Ein Element dieser Kultur besteht darin, Traumafolgen zu ignorieren.
Wer sich für Fußball interessiert, wird mitbekommen haben, dass es beim Fußballverein Borussia Dortmund seit einiger Zeit drunter und drüber geht. Der Trainer wurde entlassen, obwohl er sehr erfolgreich war, die Mannschaft ist gespalten, es gibt unterschiedliche Wahrheiten oder Lügen, die Verantwortlichen verbreiten … Es mag Ursachen geben, die sich in Konkurrenzverhalten und Eifersüchteleien finden lassen, doch der entscheidende Ausgangspunkt für diese Entwicklung ist das Attentat auf den Mannschaftsbus vor dem Champions-League-Spiel gegen Monaco. Die Mannschaft musste einen Tag später gegen Monaco antreten und spielte, wie zu erwarten war, verstört. Der ganze Verein ist seitdem verstört. Die häufigste und signifikanteste Traumafolge, die wir kennen.

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Die Schuld der Täter und die Schuldgefühle der Opfer

Ich habe in meiner über 30jährigen therapeutischen und beraterischen Praxis einen einzigen Täter kennengelernt, der wahrhaftige Schuldgefühle hatte. Alle anderen hatten Schuld, aber keine Schuldgefühle. Auf der anderen Seite kennen ich und meine Kolleginnen kaum ein Opfer, das sich nicht mit Schuldgefühlen quält. Diese scheinbar paradoxen und widersinnigen Erfahrungen zeigen, dass es zwischen Schuld und Schuldgefühlen zu unterscheiden gilt. Es gibt Schuld ohne Schuldgefühle und es gibt Schuldgefühle ohne Schuld.

Die Schuldgefühle ohne Schuld, das sind zumeist die Schuldgefühle der Opfer. Warum ist das so?

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Fremdsein und Trauma (3): „Die anderen sind anders“

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 der Artikel-Serie Fremdsein und Trauma

„Die andern sind anders“, sagt ein traumatisierter junger Mann. „Ich habe etwas erlebt, was die andern nicht kennen. Die fragen mich manchmal. Aber wenn ich erzähle, denke ich, dass das die andern gar nicht interessiert. Die wollen das nicht wirklich wissen. Verstehen kann das ja nur jemand, der es wirklich kennt. Ich hab aufgegeben.“

Solchen Äußerungen und solchen Gefühlen begegnen wir bei zahlreichen traumatisierten Menschen. Sie haben recht und sie haben unrecht. Richtig ist, dass das Erlebens traumatisierender Gewalt eine einzigartige Erfahrung ist. Der schrecken ist individuell, das Erleben existenzieller Bedrohung eine Erfahrung, die„aus dem Rahmen“ fällt und jeden Rahmen sprengt. Eine solche Erfahrung mit anderen zu teilen, stößt an Grenzen.

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Die Sehnsucht nach Kontrolle

Eine traumatische Erfahrung beinhaltet, dass Menschen sich ausgeliefert fühlen und ausgeliefert sind. Das ruft Gefühle der Hilflosigkeit hervor, die lange anhalten können oder immer wieder auftreten. Auf Dauer werden viele Menschen mit solche Erfahrungen „allergisch“ gegen Situationen, in denen sie hilflos sind oder sie andere Menschen als hilflos erleben. Da kann der geliebte Partner oder die Partnerin an einer Krankheit leiden, gegen die „die Medizin“ nichts tun kann, da ist das eigene Kind der Willkür einer Lehrerin oder eines Mitschülers ausgeliefert, da wird man Zeuge eines Unfalls, da wird man plötzlich entlassen und kann nichts dagegen tun … In vielen Lebenssituationen erfahren Menschen Hilflosigkeit und fast immer schwingt dann die traumatische Erfahrung existenzieller Bedrohung und existenziellen Ausgeliefertseins mit. Hilflosigkeit ist Trigger und Flashback zugleich.

Das ist wichtig zu wissen, um sich und andere zu verstehen.

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Fremdsein und Trauma (1): Das Fremde zwischen Angst und Sehnsucht

Dieser Artikel ist Teil 1 von 3 der Artikel-Serie Fremdsein und Trauma

 

Fremd zu sein ist nicht nur die Beschreibung eines objektiven Zustandes. Wir Menschen können uns fremd fühlen, nehmen manches als befremdlich wahr oder sind uns selber fremd. Ich werde deshalb in einigen Beiträgen verschiedene Aspekte der Fremde und des Fremd-Fühlens beleuchten und dabei insbesondere die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen untersuchen.

Beginnen wir mit den offensichtlichen Phänomenen. Wenn uns Menschen etwas Fremdes entgegentritt, dann sind wir unsicher. Das Neue, das Fremde kann freundlich oder feindlich oder neutral sein. Wir wissen es zunächst nicht. Deswegen ist bei den meisten Menschen der erste Impuls zurückhaltend, abwägend, beobachtend.

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„Ich bin dumm!“

Viele Opfer traumatisierender Gewalterfahrungen, v.a. sexueller Gewalt, halten sich für dumm. Manche meinen das als generelle Bewertung der eigenen Person, andere beziehen sich auf einzelne Teilbereiche ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen. Manche äußern dies ständig, andere teilen dieses Selbstbewertung nicht mit anderen, wälzen Sie aber als Selbstbeschimpfung wiederholt in ihren Gedanken.

Diese Selbsteinschätzung steht meistens in solch frappierenden Gegensatz dazu, wie ich die jeweilige Personen wahrnehme, dass ich meist innerlich den Kopf schüttele und verwundert staune.

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Was tun gegen das Böse?

Viele Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Folgen traumatischer Erfahrungen auseinandersetzen, sind fassungslos gegenüber dem, was in unserer Welt an Bösartigem geschieht. Ganz gleich, ob in einer deutschen Kinderstube ein Kind vergewaltigt wird oder ob Menschen in Syrien massakriert werden, ob Terroristen Menschen in die Luft sprengen oder ganze Volksgruppen vertrieben werden – wer ein mitfühlendes Herz hat, kann verzweifeln angesichts dessen, was in der Welt an Schlimmem passiert. Das gilt für das große Weltgeschehen ebenso wie für die „kleinen“ Bösartigkeiten, denen wir in der Begleitung und Unterstützung traumatisierter Menschen begegnen. Viele fühlen sich angesichts solcher Erfahrungen ohnmächtig und wirkungslos.

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