Die Schuld der Täter und die Schuldgefühle der Opfer

Ich habe in meiner über 30jährigen therapeutischen und beraterischen Praxis einen einzigen Täter kennengelernt, der wahrhaftige Schuldgefühle hatte. Alle anderen hatten Schuld, aber keine Schuldgefühle. Auf der anderen Seite kennen ich und meine Kolleginnen kaum ein Opfer, das sich nicht mit Schuldgefühlen quält. Diese scheinbar paradoxen und widersinnigen Erfahrungen zeigen, dass es zwischen Schuld und Schuldgefühlen zu unterscheiden gilt. Es gibt Schuld ohne Schuldgefühle und es gibt Schuldgefühle ohne Schuld.

Die Schuldgefühle ohne Schuld, das sind zumeist die Schuldgefühle der Opfer. Warum ist das so?

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Fremdsein und Trauma (3): „Die anderen sind anders“

„Die andern sind anders“, sagt ein traumatisierter junger Mann. „Ich habe etwas erlebt, was die andern nicht kennen. Die fragen mich manchmal. Aber wenn ich erzähle, denke ich, dass das die andern gar nicht interessiert. Die wollen das nicht wirklich wissen. Verstehen kann das ja nur jemand, der es wirklich kennt. Ich hab aufgegeben.“

Solchen Äußerungen und solchen Gefühlen begegnen wir bei zahlreichen traumatisierten Menschen. Sie haben recht und sie haben unrecht. Richtig ist, dass das Erlebens traumatisierender Gewalt eine einzigartige Erfahrung ist. Der schrecken ist individuell, das Erleben existenzieller Bedrohung eine Erfahrung, die„aus dem Rahmen“ fällt und jeden Rahmen sprengt. Eine solche Erfahrung mit anderen zu teilen, stößt an Grenzen.

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Die Sehnsucht nach Kontrolle

Eine traumatische Erfahrung beinhaltet, dass Menschen sich ausgeliefert fühlen und ausgeliefert sind. Das ruft Gefühle der Hilflosigkeit hervor, die lange anhalten können oder immer wieder auftreten. Auf Dauer werden viele Menschen mit solche Erfahrungen „allergisch“ gegen Situationen, in denen sie hilflos sind oder sie andere Menschen als hilflos erleben. Da kann der geliebte Partner oder die Partnerin an einer Krankheit leiden, gegen die „die Medizin“ nichts tun kann, da ist das eigene Kind der Willkür einer Lehrerin oder eines Mitschülers ausgeliefert, da wird man Zeuge eines Unfalls, da wird man plötzlich entlassen und kann nichts dagegen tun … In vielen Lebenssituationen erfahren Menschen Hilflosigkeit und fast immer schwingt dann die traumatische Erfahrung existenzieller Bedrohung und existenziellen Ausgeliefertseins mit. Hilflosigkeit ist Trigger und Flashback zugleich.

Das ist wichtig zu wissen, um sich und andere zu verstehen.

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Fremdsein und Trauma (1): Das Fremde zwischen Angst und Sehnsucht

 

Fremd zu sein ist nicht nur die Beschreibung eines objektiven Zustandes. Wir Menschen können uns fremd fühlen, nehmen manches als befremdlich wahr oder sind uns selber fremd. Ich werde deshalb in einigen Beiträgen verschiedene Aspekte der Fremde und des Fremd-Fühlens beleuchten und dabei insbesondere die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen untersuchen.

Beginnen wir mit den offensichtlichen Phänomenen. Wenn uns Menschen etwas Fremdes entgegentritt, dann sind wir unsicher. Das Neue, das Fremde kann freundlich oder feindlich oder neutral sein. Wir wissen es zunächst nicht. Deswegen ist bei den meisten Menschen der erste Impuls zurückhaltend, abwägend, beobachtend.

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„Ich bin dumm!“

Viele Opfer traumatisierender Gewalterfahrungen, v.a. sexueller Gewalt, halten sich für dumm. Manche meinen das als generelle Bewertung der eigenen Person, andere beziehen sich auf einzelne Teilbereiche ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen. Manche äußern dies ständig, andere teilen dieses Selbstbewertung nicht mit anderen, wälzen Sie aber als Selbstbeschimpfung wiederholt in ihren Gedanken.

Diese Selbsteinschätzung steht meistens in solch frappierenden Gegensatz dazu, wie ich die jeweilige Personen wahrnehme, dass ich meist innerlich den Kopf schüttele und verwundert staune.

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Was tun gegen das Böse?

Viele Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Folgen traumatischer Erfahrungen auseinandersetzen, sind fassungslos gegenüber dem, was in unserer Welt an Bösartigem geschieht. Ganz gleich, ob in einer deutschen Kinderstube ein Kind vergewaltigt wird oder ob Menschen in Syrien massakriert werden, ob Terroristen Menschen in die Luft sprengen oder ganze Volksgruppen vertrieben werden – wer ein mitfühlendes Herz hat, kann verzweifeln angesichts dessen, was in der Welt an Schlimmem passiert. Das gilt für das große Weltgeschehen ebenso wie für die „kleinen“ Bösartigkeiten, denen wir in der Begleitung und Unterstützung traumatisierter Menschen begegnen. Viele fühlen sich angesichts solcher Erfahrungen ohnmächtig und wirkungslos.

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Das Böse

Wenn wir Therapeutinnen und Therapeuten Menschen begleiten, die Erfahrungen traumatisierter Gewalt machen mussten, dann sind wir oft fassungslos. Fassungslos über das, was Menschen anderen antun. Wir sind fassungslos über Brutalität und Bestialität, über Rohheit und Erniedrigung. Es ist gut, dass wir fassungslos sind, dass wir unsere Hilflosigkeit, unser Entsetzen spüren, da es zeigt, dass wir fähig sind zum Mitgefühl gegenüber denen, die als Opfer leiden müssen. Und doch spüren wir in der Fassungslosigkeit die Maßlosigkeit des Bösen, das den Opfern angetan wird. Das macht hilflos und wirft die Frage auf: Wie kommt es, dass Menschen so böse werden, so bösartig?

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Wie wir in der Kreativen Leibtherapie mit dem „inneren Kind“ arbeiten – und wie nicht

* zuerst erschienen im KLT-Journal Online 12/2014

Die wichtigste positive Erfahrung in der therapeutischen Arbeit und der theoretischen Auseinandersetzung mit dem „inneren Kind“ ist leicht zu benennen: Die Bezeichnung „inneres Kind“ ist eine starke Metapher. Sie steht in unserem leibtherapeutischen Verständnis für die Kindheitserfahrungen, die in einem Menschen lebendig sind und nachwirken. Der Zeitgleichheit von erwachsenem und kindlichem Erleben, dem „Zeitkollabs“ begegnen wir in unserer therapeutischen Arbeit ständig. Uns fällt zum Beispiel eine Frau ein, die ihr Leben lang der Überzeugung gewesen war, eine „glückliche Kindheit“ erlebt zu haben. Sie hatte daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass sie „eigentlich die Pflicht habe, glücklich“ zu sein. Da ihr das nicht gelang, beschimpfte sie sich als „Versagerin“. Weiter lesen