Trauma und Zeiterleben Teil 4: Zeitkollaps

Dieser Artikel ist Teil 4 von 4 der Artikel-Serie Trauma und Zeiterleben

Der amerikanische Psychiater Vamik Djemal Volkan prägte den Begriff Zeitkollaps. Er betrifft in keiner Weise die objektive Zeit, sondern ausschließlich das subjektive Zeiterleben. Ein Zeitkollaps meint, dass Menschen subjektiv in zwei Zeiten leben und sich dieses Zeiterleben überschneidet. Eine alte Frau hält zum Beispiel das Donnergrollen eines Gewitters für die Geräusche eines Bombenabwurfs. Sie erinnert sich nicht kognitiv an die damalige Zeit, sondern sie erlebt sich und ihre Welt, als würden die Bomben in diesem Moment fallen. Sie lebt also in zwei Zeiten, in der Zeit der Bombardierung und in der Gegenwart. Traumatisierte Menschen leben oft in zwei Zeiten gleichzeitig. Beide Zeiten kollabieren.

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Trauma und Zeiterleben Teil 3: Paranoia

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Unter Paranoia wird verstanden, dass Menschen immerzu mehr oder weniger zwanghaft Negatives erwarten und überall Gefahren wittern. Eine solche Haltung beruht oft auf schlimmen, ja traumatischen Erfahrungen. Wer immerzu negative Erfahrungen befürchtet, hat oft auch Negatives erlebt. Im Alltag wird meist das Befürchtete nicht Realität. Aber dies wird dann kaum bewertet, manchmal kaum registriert. Wird ein Unglück erwartet und es tritt ein, dann ist das eine Bestätigung und Bekräftigung der generellen paranoiden Haltung. Insofern erzeugt die Paranoia sich immer wieder selbst.

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Trauma und Zeiterleben Teil 2: Vom Verlangsamen und vom Beschleunigen

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Dass Menschen die Zeit subjektiv in unterschiedlichen Tempi erleben, ist normal und gehört zu den grundlegenden Qualitäten menschlichen Lebens und Erlebens. Manchmal staunen wir, „wie schnell die Zeit vergeht“ und manchmal zieht sich eine Stunde, als wären es drei oder vier, zäh und breiig. Eine traumatische oder Trauma-ähnliche Erfahrung kann dieses Zeiterleben massiv beeinflussen.

Ein junger Mann erzählte mir, er sei von seinem Vater oft geschlagen worden. Es gab einmal eine Situation, wo er eine Vase fallenließ. Er war damals sieben Jahre alt. Die Mutter drohte, dies dem Vater zu sagen, der es ihm „schon geben“ würde. Der Vater kam meistens spät nach Hause und der Junge lag schon im Bett, wenn der Vater von der Arbeit kam. Tage- und wochenlang wartete er darauf, dass der Vater zu ihm kam, um ihn wegen seines „Vergehens“ zu schlagen. Doch er kam nicht. Der Junge schlief schlecht ein, erst spät, und die Wartezeit dehnte sich quälend lang. Er erlebte die Phase zwischen dem Zeitpunkt, zu dem er ins Bett ging, und dem, wenn der Vater nach Hause kam, was er von seinem Zimmer aus hören konnte, wie in Zeitlupe. Schließlich dachte er, die Mutter habe vergessen, dem Vater von seinem Missgeschick zu erzählen. Er konnte nun beruhigt einschlafen. Doch nur zwei Tage lang. Denn dann stürmte der Vater an sein Bett und verprügelte ihn.

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Traumafolgen in Körper und Seele

Man hat sich daran gewöhnt in Europa, dass in der Ost-Ukraine geschossen wird. 1,6 Millionen Menschen sind vor den Kriegshandlungen geflohen, doch zahlreiche Kinder und alte Menschen sind geblieben und leben in der „Waffenstillstandszone“, die eine Kriegszone mit immer wieder aufflackernden Schießereien und vor allem Artilleriebeschuss ist.

Die „Ärzte ohne Grenzen“ haben ein System „mobiler Kliniken“ geschaffen, kleine Trupps, die mit Schutzwesten unterwegs sind, um eine wenigstens minimale gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen. Trotz Raketen- und Artilleriebeschuss aus den russisch unterstützen sogenannten „Rebellen“-Gebieten. Sie beschreiben die Folgen für die Menschen, z.B. in dem kleinen Ort Hranitne:

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Trauma und Zeiterleben Teil 1: Objektive und subjektive Zeit

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Unsere Uhren dienen dazu, die Zeit in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage und Jahre zu zerlegen. Sie zeigen die objektive Zeit, die messbar und vergleichbar ist. Eine Stunde ist überall die gleiche Zeiteinheit, in Japan, in Deutschland, in Norwegen oder in Südafrika. Wir können diese geeichte Zeit messen, vergleichen, uns an ihr orientieren. Das ist sinnvoll.

Daneben gibt es eine andere Zeit: die Zeit, die wir erleben. Wir kennen sie alle von der Schule. Eine Unterrichtsstunde kann sich ewig hinziehen oder, wenn sie interessant und spannend gestaltet ist, wie im „Flug vorbeigehen“. Ein Urlaub ist fast immer zu „schnell“ vorbei, Arbeitstage seltener.

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Der traumatisierte Machiavelli

Niccolò Machiavelli lebte vor rund 500 Jahren. Sein Name steht dafür, dass Machtpolitik jeder Moral entbehren soll, für Skrupellosigkeit, Täuschungen und Rohheit. Kaum jemand weiß, dass Machiavelli sein wichtigstes Werk in den sechs Monaten verfasste, nachdem er im Gefängnis gefoltert wurde und mehrere Schein-Hinrichtungen überlebt hatte. Er war viele Jahre lang in Florenz politisch tätig gewesen und hatte dadurch die Illusionen verloren, dass hinter den Handlungen der Mächtigen etwas anderes stecken könne als Machtstreben. Doch die Foltererfahrungen scheinen der entscheidende Anstoß gewesen zu sein, um jegliche Hoffnung auf Moral fahren zu lassen. Machiavelli schrieb mit verkrüppelten Händen.

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Warum werden so viele Flüchtlinge am Meniskus operiert?

Hussein ist gerade 30 geworden. Er liegt im Krankenhaus. Sein Meniskus wurde operiert. Kompliziert. Er kann eine Weile nicht laufen.Gelaufen ist er vor zwei Jahren viel, sehr viel. Von Syrien bis Bulgarien und dann nach Deutschland. Immer ein Stück mit dem Bus und versteckt im Lastwagen, dann wieder zu Fuß. Nun muss er liegen. Als ob das Knie, als ob die Beine eine Pause benötigen. Zahlreiche geflüchtete Menschen wurden in den letzten Monaten am Knie operiert. Das kann am Verschleiß liegen oder Zufall sein. Oder der Körper sagt: Ich kann und will nicht mehr laufen.

 

„Mein Nabel ist abgesunken“

Viele geflüchtete Menschen sind traumatisiert, oft mussten sie sogar mehrfach traumatisierende Erfahrungen erleben. Gleichzeitig ist den meisten von ihnen unbekannt, was ein Trauma ist, welche Folgen es hat und wie sie damit umgehen können. Es gibt in den Herkunftsländern keine Tradition, psychische Erkrankungen als solche zu erkennen und sie zu benennen. Es existiert kein Versorgungssystem für psychische Erkrankungen, auch nicht für Traumafolgestörungen. Psychotherapie ist weitgehend unbekannt, unter Therapie wird oft verstanden, dass Familien die Kinder weggenommen werden …

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Der Mythos: „Nie mehr abhängig!“

„Du darfst dich nicht abhängig machen!“ – das höre ich von zwei Seiten. Einmal von manchen Psycholog/innen, Therapeut/innen und anderen Ratgebern. Sie hängen dem Mythos nach, dass Menschen nach Unabhängigkeit streben sollen und dass Abhängigkeit Ausdruck der Symbiose ist oder in die Symbiose führt. Theoretischer Hintergrund sind Behauptungen von Fromm, Mahler, Spitz und anderen Psychoanalytikern, dass wir Menschen im Mutterleib und in bestimmten Phasen der Kindheit eine „symbiotische Phase“ leben würden, die es unbedingt zu überwinden gelte, um ein glücklicher Erwachsener zu werden.

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Symbiose? – Nein: Liebe!

Wie oft höre ich, dass Menschen vorgeworfen wird, sie seine „symbiotisch“ oder „zu symbiotisch“. Das hört der Ehemann, der sich so sehr um seine demenzkranke Frau kümmert, dass kaum noch Zeit für seine Freunde bleibt. Das hört die Mutter, deren erwachsene Tochter psychisch erkrankt ist und die vor Hilflosigkeit und Sorge kaum noch schlafen kann. Das hört das frisch verliebte junge Mädchen, das sich kaum noch vom Liebsten trennen kann.

Wenn hier das Wort „Symbiose“ verwendet wird, dann klingt immer der Vorwurf mit: Du bist zu nah, zu eng, du passt zu wenig auf dich auf, du kümmerst du zu viel, du hast dich verloren. In diesem Psycho-Mainstream wird „Symbiose“ mit Selbstaufgabe gleichgesetzt, zumindest damit, dass die Grenzen zwischen zwei Personen verschwinden. Denn auf den Symbiose-Vorwurf folgt meist die Aufforderung: Du muss dich mehr abgrenzen!

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