SERIE Komorbidität – Traumaerfahrungen und psychische Erkrankungen (7): Die vierte Ähnlichkeit – Einsamkeit und sozialer Rückzug

In der Psychotraumatologie wurde das „Alleinsein danach“ als besonderer Teil des traumatischen Ereignisses und des Traumaerlebens herausgearbeitet (Frick-Baer 2013). Ein körperliches Trauma, eine körperliche Wunde braucht Schmerzmittel, Pflege, Verband, Ruhe usw.. Erhält sie dies, kann sie heilen. Erhält sie dies nicht, kann sie allenfalls vernarben. Ein psychosoziales Trauma braucht ebenfalls Trost, Wärme, Unterstützung, Parteilichkeit, Verständnis usw., um heilen zu können. Andernfalls vernarbt es höchstens und bricht immer wieder auf.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die meisten Opfer von (sexueller) Gewalt in der „Zeit danach“ keine Unterstützung erfahren haben (Frick-Baer 2013). Dies mag Prozesse der Chronifizierung begünstigt haben. Zumindest aber führt es zu einem andauernden Gefühl des Alleinseins und der Einsamkeit und fördert den sozialen Rückzug.

Sozialer Rückzug und Einsamkeitsgefühle finden sich auch bei vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die Erkrankung schränkt das Zugewandtsein zur Welt ein und beinhaltet häufig Angst vor sozialen Kontakten (u. a. Sechehaye, M. 1973). Diese schränkt die Anzahl und die Intensität sozialer Begegnungen ein und erhöht dadurch wiederum die Scheu und Ängstlichkeit, sich Begegnungen mit anderen zuzumuten.

Literatur zur „Serie Komorbidität

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut (AKL), Mitbegründer und Geschäftsführer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP).

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