Zwei Seelen in meiner Brust

Im Juni stellte die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs die Ergebnisse ihrer Untersuchungsarbeit vor. Über 1000 betroffene Menschen wurden befragt und erzählten von ihren Erfahrungen. Der „Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung“, Johannes Wilhelm Rörig, sagte: „Der Bericht ist tief erschütternd.“ Über manche Ergebnisse wurden in der Presse berichtet – genau einen Tag lang. Dann wieder Schweigen.

Meine Reaktion darauf ist äußerst zwiespältig. Eine der einen Seite finde ich es gut, dass wenigstens einen Tag lang in den Medien über die Leiden von Opfern traumatisierender Gewalt berichtet wird. Ich finde gut, dass 1000 Menschen die Geschichte ihres Leidens erzählen können und Gehör finden. Jedes Bisschen, das Schweigen bricht und Öffentlichkeit schafft, ist positiv.

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G20: Macht die Fernseher aus!

Ich schreibe dies am Vormittag des 8.7. angesichts der Gewaltbilder aus Hamburg. Dass es viel zu protestieren gibt, teile ich. Dass die Gewalt gegen die Polizei, gegen die Autos und Fahrräder der Anwohner, gegen die Drogerien und Supermärkte, die geplündert wurden, menschenverachtend ist, damit werde ich mich mit fast allen, die dies lesen, einig sein.

Mich treibt um, dass auf den meisten Gewaltbildern, die im Internet zu sehen sind, im Hintergrund und an den Seiten Reporter und Fotografen zu sehen sind. Die Gwalttäter schimpfen auf die Medien und gleichzeitig wollen sie in die Medien und die friedlichen Proteste überdecken. Und die Medien bieten ihnen die Bühne dafür. Das ist ärgerlich. Das ist widerlich. Das möchte ich nicht sehen, weder im Fernsehen noch im Internet.

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Erinnern und Gedenken

Auf dem kürzlich stattgefundenen evangelischen Kirchentag in Berlin wurde darüber diskutiert, was Erinnern und Gedenken unterscheidet. Meine Antwort auf diese Frage lautet:

Erinnern ist ein offener Prozess des Erlebens. Wir erinnern uns mit unserem Denken und Fühlen. Wir können uns bewusst an etwas erinnern (das lernen wir in der Schule) und wir werden von Erinnerungen überfallen, manchmal überflutet (wie bei traumabedingten Flashbacks). Es gibt Erinnerungen, die gut tun, und solche, die uns schmerzen …

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Die Schuld der Täter und die Schuldgefühle der Opfer

Ich habe in meiner über 30jährigen therapeutischen und beraterischen Praxis einen einzigen Täter kennengelernt, der wahrhaftige Schuldgefühle hatte. Alle anderen hatten Schuld, aber keine Schuldgefühle. Auf der anderen Seite kennen ich und meine Kolleginnen kaum ein Opfer, das sich nicht mit Schuldgefühlen quält. Diese scheinbar paradoxen und widersinnigen Erfahrungen zeigen, dass es zwischen Schuld und Schuldgefühlen zu unterscheiden gilt. Es gibt Schuld ohne Schuldgefühle und es gibt Schuldgefühle ohne Schuld.

Die Schuldgefühle ohne Schuld, das sind zumeist die Schuldgefühle der Opfer. Warum ist das so?

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Fremdsein und Trauma (3): „Die anderen sind anders“

„Die andern sind anders“, sagt ein traumatisierter junger Mann. „Ich habe etwas erlebt, was die andern nicht kennen. Die fragen mich manchmal. Aber wenn ich erzähle, denke ich, dass das die andern gar nicht interessiert. Die wollen das nicht wirklich wissen. Verstehen kann das ja nur jemand, der es wirklich kennt. Ich hab aufgegeben.“

Solchen Äußerungen und solchen Gefühlen begegnen wir bei zahlreichen traumatisierten Menschen. Sie haben recht und sie haben unrecht. Richtig ist, dass das Erlebens traumatisierender Gewalt eine einzigartige Erfahrung ist. Der schrecken ist individuell, das Erleben existenzieller Bedrohung eine Erfahrung, die„aus dem Rahmen“ fällt und jeden Rahmen sprengt. Eine solche Erfahrung mit anderen zu teilen, stößt an Grenzen.

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Die Sehnsucht nach Kontrolle

Eine traumatische Erfahrung beinhaltet, dass Menschen sich ausgeliefert fühlen und ausgeliefert sind. Das ruft Gefühle der Hilflosigkeit hervor, die lange anhalten können oder immer wieder auftreten. Auf Dauer werden viele Menschen mit solche Erfahrungen „allergisch“ gegen Situationen, in denen sie hilflos sind oder sie andere Menschen als hilflos erleben. Da kann der geliebte Partner oder die Partnerin an einer Krankheit leiden, gegen die „die Medizin“ nichts tun kann, da ist das eigene Kind der Willkür einer Lehrerin oder eines Mitschülers ausgeliefert, da wird man Zeuge eines Unfalls, da wird man plötzlich entlassen und kann nichts dagegen tun … In vielen Lebenssituationen erfahren Menschen Hilflosigkeit und fast immer schwingt dann die traumatische Erfahrung existenzieller Bedrohung und existenziellen Ausgeliefertseins mit. Hilflosigkeit ist Trigger und Flashback zugleich.

Das ist wichtig zu wissen, um sich und andere zu verstehen.

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Fremdsein und Trauma (1): Das Fremde zwischen Angst und Sehnsucht

 

Fremd zu sein ist nicht nur die Beschreibung eines objektiven Zustandes. Wir Menschen können uns fremd fühlen, nehmen manches als befremdlich wahr oder sind uns selber fremd. Ich werde deshalb in einigen Beiträgen verschiedene Aspekte der Fremde und des Fremd-Fühlens beleuchten und dabei insbesondere die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen untersuchen.

Beginnen wir mit den offensichtlichen Phänomenen. Wenn uns Menschen etwas Fremdes entgegentritt, dann sind wir unsicher. Das Neue, das Fremde kann freundlich oder feindlich oder neutral sein. Wir wissen es zunächst nicht. Deswegen ist bei den meisten Menschen der erste Impuls zurückhaltend, abwägend, beobachtend.

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Wenn Blicke nicht aushaltbar sind…

Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten, werden oft von Blicken „getriggert“, das heißt, dass Blicke anderer Menschen die leibliche Erinnerung an Traumata, z. B. sexuelle Gewalt auslösen. Für sie sind Blicke oft nicht aushaltbar, da Augenkontakt mit Hilflosigkeit und Opfersein verbunden ist. Sie haben vielleicht die Erfahrung, von Tätern „ausgeguckt“ worden zu sein – unbefangener Blickkontakt ist für sie dann meist unerträglich.

Gleichzeitig spüren sie oft eine große Sehnsucht, gesehen zu werden – allerdings mit Respekt. Sie befinden sich folglich in einem Dilemma, sich nach Blickkontakt zu sehnen und ihn gleichzeitig nicht auszuhalten. Mit diesen Menschen hat sich ein Weg bewährt, den wir Fächertanz nennen. Er ermöglicht, mit Hinschauen und Wegschauen, Sich-Verstecken und Sich-Zeigen zu spielen und so neue Erfahrungen mit Blicken zu machen.

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